Aachen: Feuer und Flamme für neuen AKV-Ritter

Aachen: Feuer und Flamme für neuen AKV-Ritter

Als Lennet Kann alias Dirk von Pezold auf der Bühne Aachens schönsten Mann besingt, gibt‘s nebenan Alarm im Eurogress. Es ist Samstagabend, 20.55 Uhr, als ein Trupp behelmter Feuerwehrleute zwischen schmucken Herren im Smoking und Damen im Abendkleid durchs Foyer stürmt.

Tatütata statt Tusch. Im großen Saal, bei der AKV-Ordenverleihung wider den tierischen Ernst an FDP-Chef Christian Lindner, kriegen die 1250 Gäste nichts davon mit.

Heute Abend dürfen sich Millionen Fernsehzuschauer der ARD ab 21.15 Uhr anstecken lassen: Die 4 Amigos haben den Saal mit ihrem live gesungenen Öcher Medley bei der Festsitzung im Eurogress auf den Kopf gestellt. Foto: Michael Jaspers

Ein Brandmelder in der Eurogress-Küche hat den kompletten Löschzug auf den Plan gerufen. Das „Sensibelchen“ hatte einen Hauch Qualm inhaliert. Allerdings nicht vom Küchenherd, sondern von der benachbarten Bühne. Wofür Lennet natürlich nichts kann. Den Nebel pusten Fernsehmacher nämlich maschinell ins Rampenlicht, weil sonst — mangels Raucherlaubnis im Saal — die Lichtshow weniger hübsch auf den Mattscheiben strahlt. Was wenige Minuten später auch den Einsatzleiter der Feuerwehr lächeln lässt: „Abrücken, blinder Alarm!“

Der Funke springt trotzdem über. Neben den TV-erprobten Comedy-Profis Ingo Appelt, Guido Cantz, Jörg Knör und Ingolf Lück punkten Aachener Programmnummern in der über dreistündigen Festsitzung. Zehn Kameras verfolgen, wie die 4 Amigos mit ihrem Öcher Medley das Publikum von den Stühlen reißen. Wie sehr die Narren ihre Amigos verehren, beweist zu diesem Zeitpunkt ein Blick ins Raucherzelt vor dem Eurogress-Portal. Wo sonst während der Sitzung immer 50 bis 150 Unentwegte an Zigaretten ziehen, herrscht erstmals Leere. Die Amigos verpasst keiner.

Was sicher auch für den 105-minütigen Zusammenschnitt gilt, mit dem die ARD am heutigen Montagabend um 21.15 Uhr auf Sendung geht. Dass Uwe Brandt, René Brandt, Stefan Beuel und Dietmar Ritterbecks an diesem Abend die einzigen Künstler sind, die live singen dürfen, passt zur Ausnahmestellung des Quartetts. Ansonsten bestehen die TV-Produzenten auf Playback.

Aachens Narrenherrscher Prinz Bernd I. und Märchenprinz Paul II. liefern mit Hofstaat, Prinzengarden und Gefolge einen prächtigen Auftritt ab. Karneval par excellence. Was umso mehr für den Nachwuchs gilt. Tosenden Applaus ernten die Kinder der Domsingschule, die nicht nur den Zentis-Kinderkarnevalspreis und einen Scheck über 3333 Euro mit nach Hause nehmen. Sie präsentieren erst einen Ausschnitt aus ihrem Musical über Kaiser Karl und legen dann kräftig mit Öcher Liedgut nach. Das kommt an. Hunderte Gäste singen mit. Ebenso erstklassig: Reibeisen-Stimme Jupp Ebert im Duett mit der 14-jährigen Laura Lennartz sowie Gülsen Gül und AKV-Vizepräsident Rolf Gerrards mit einer deutsch-türkischen Hommage an die Heimatstadt Aix la Chapelle.

In die Champions League des Paartanzes sind Inga Dahlen und Marco Schmitz (KK Oecher Storm) aufgestiegen. Was die beiden choreographisch aufs Parkett zaubern, wird ganz zu Recht mit dem Lambertz-Ehrenpreis ausgezeichnet. Besondere Klasse beweist auch das Tanzensemble von Prinz Bernd I. Die Gruppe fasziniert ein weiteres Mal mit Szenen aus der Prinzenproklamation: rhythmisch, synchron und mit enorm viel Schwung. Voller Energie zeigen sich später die Lennet Girls im Rampenlicht.

Warum ihr Lied die Zuhörer nicht annähernd so bewegt wie etwa die Songs der Amigos, gibt manchen Rätsel auf. Die richtige Antwort auf jede Frage haben indes Josef, Jupp und Jüppchen. Das Trio kalauert und witzelt sich herrlich platt durch Öcher Anekdötchen. Seit 1986 kitzeln Albert Gehlen, Ägid Lennartz und Hubert Crott die Zwerchfelle ihrer Zuhörer. 2014 gibt‘s ein Potpourri: altbekannte Gags und muntere Seitenhiebe Richtung FDP-Chef: „Lindner? Klasse: Der Patrick singt ja auch so schön“, veräppelt Jüppchen Ritter Christian. Nicht nur der amüsiert sich köstlich.

Apropos Beifall: Den darf der Aachener Karnevalsverein mit Präsident Dr. Werner Pfeil an der Spitze des Elferrats am Samstagabend reichlich genießen. Lindner und Pfeil treffen auf so viele Schulterklopfer, dass es fast schon weh tun dürfte. „Ich bin überglücklich“, sagt Pfeil gegen Mitternacht. „Die Sitzung ist großartig gelaufen, das Publikum war fantastisch. Ich bin überzeugt, dass der WDR aus den vielen tollen Programmpunkten eine mitreißende TV-Version der Festsitzung kreiert, die viel Aachener Flair ausstrahlt“, erklärt er. Und lächelt: „Ritter Christian hat eine geniale Vorstellung abgeliefert — das wird dem Orden wider den tierischen Ernst und der Stadt Aachen deutschlandweit viele Sympathien einbringen.“

Am Samstagabend trägt dazu auch der Aachener Dr. Kurt Christ bei seinem Debüt auf der großen AKV-Bühne bei: „Konfetti überall“ schallt durch den Saal, dazu rieseln tausende Goldschnipsel aufs Publikum herab, das zum Finale minutenlang stehend applaudiert. Dann wird gefeiert. Im Foyer tanzt die Gästeschar zu Live-Musik; auf riesigen Leinwandbändern flimmern die Ordensritter der vergangenen 63 Jahre. Schampus und Bier fließen reichlich, das Büffet reicht von Austern bis zur Bratwurst. Brandgefährlich wird‘s nur noch einmal am frühen Morgen, als das Partyvolk Ritter Christian Lindner nebst Gattin im Gedränge beim Tanzen anfeuert. Für ihren 64. AKV-Ordensritter sind die Öcher einfach Feuer und Flamme.

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