Fast 2000 Teilnehmer beim ATG-Winterlauf in Aachen

Aachen: Winterlauf mit 2000 Sportlern: Eine Stunde und 15 Minuten in der Eishölle

Meine Augen tränen. Ich kann sie kaum offen halten. Es ist eiskalt. So kalt, dass ich meinen Körper kaum noch spüre und die Luft mir den Atem nimmt. Was mache ich hier eigentlich? Warum tue ich mir das an? Viele Fragen gehen mir durch den Kopf, aber einen klaren Gedanken kann ich kaum fassen. Was mich antreibt, ist das Ziel.

Start ist in Roetgen. Dort haben wir, meine 1996 Leidensgenossen und ich, uns freiwillig aussetzen lassen. Zwischen vielen Bäumen und Schnee warten wir alle auf den Startschuss. Dann soll es losgehen auf die 18 Kilometer lange Strecke des 55. Winterlaufs der Aachener Turngemeinde (ATG).

Eine Stunde müssen wir Läufer aber noch warten. Doch die Zeit lässt sich leicht vertreiben. Zum Beispiel mit einem Tee zum Aufheizen oder einem Toilettenbesuch, um den Tee wieder loszuwerden. Selfies und Gruppenbilder als Beweismaterial gehören genauso dazu wie das Gespräch über das Wetter. Das ist an diesem Morgen sehr winterlich. Bei minus einem Grad reichen dann auch irgendwann Top, T-Shirt, Weste, Jacke und die zwei Hosen nicht mehr aus, um den Körper warmzuhalten. Kurz vor dem Start fängt es auch noch an zu schneien. Das einzige, was jetzt noch hilft, ist Bewegung. Doch plötzlich sind es nur noch fünf Minuten bis zum Start, und meine Kleiderschichten müssen noch runter.

Das Warmlaufen fällt entsprechend kurz aus. Ein großer Fehler, wie ich später feststellen werde. Auf der Straße haben sich die meisten Läufer schon für den Start aufgestellt. Am Rand husche ich schnell am Feld vorbei, ergattere einen Platz im vorderen Drittel. Links von mir mein Vater, rechts von mir meine Trainingspartnerin — und gleich jeder für sich. Denn einem Großteil der Läufer, so auch mir, geht es darum, eine gute Zeit und Platzierung zu erreichen. Andere wiederum sehen den Lauf als Gruppenerlebnis oder wollen einfach nur ankommen. Wie man es auch nimmt: Der Winterlauf kann für jeden eine Herausforderung sein.

Führungsarbeit leisten

Los geht‘s. Beim Startschuss stürmen die Läufer davon. Aus jahrelanger Lauferfahrung weiß ich: Was sich jetzt noch locker anfühlt, kann später ganz schön weh tun. Also drossele ich das Tempo erstmal. Besser so, denn nach dem ersten Kilometer wartet auch schon der erste Berg. Schnell müssen die Beine spüren, worauf sie sich beim Winterlauf gefasst machen können. 400 Meter später bin ich oben angekommen, dann rollt es wieder ganz gut. Der erste Abschnitt durch den Wald lässt meine Gefühle für den Winter höherschlagen. Ich will mich zwar anstrengen, aber ich möchte den Lauf auch genießen — selbst wenn man bei dem diesigen Wetter nur wenig vom Voreifel-Panorama sehen kann. Ich bleibe also bei meinem noch entspannten Tempo und schließe mich einer Gruppe an. Allerdings ist es keine gute Läufer-Manier, nur hinterherzulaufen. Jeder muss mal Führungsarbeit leisten. Bergauf übernehme ich diese Aufgabe gerne. Wenn es windig wird, verstecke ich mich allerdings lieber im Windschatten des Läuferfeldes.

Auch das Bergab-Laufen ist eine Kunst für sich, vor allem wenn es so glatt ist wie an diesem Tag. So schön die eingeschneite Landschaft auch ist, der plattgetretene Schnee auf den holprigen Pfaden ist mit Vorsicht zu genießen. Dennoch sehe ich jeden Berg, den wir herunterlaufen, als Chance, mit großen Schritten Boden zu meinen Mitstreitern gutzumachen. Der stetige Positionswechsel und die verschiedenen Untergründe erfordern Konzentration, verleihen dem Rennen aber auch Dynamik. Schnell ist das erste Drittel geschafft. Ich liege gut in der Zeit, benötige vier Minuten pro Kilometer.

Während wir Läufer mittlerweile auf Betriebstemperatur sind, frösteln die als Streckenposten eingesetzten Helfer am Straßenrand und weisen uns den Weg. Über 100 Ehrenamtler sind für den Winterlauf im Einsatz. Gelegentlich versammeln sich an der Strecke Zuschauer, die uns zujubeln. So auch vor der letzten Kurve ins Brander Feld, einem der härtesten Streckenabschnitte.

Schon zuvor hatten sich Wind und Schnee zu einer geballten Kraft vereint. Doch jetzt auf freiem Feld fühlt es sich an wie eine Attacke des bösen Wettergottes. Das war es mit dem Genuss. Mein einziger Gedanke: Bloß nicht den Anschluss zur Gruppe verlieren. Und dann ist es soweit: Meine Waden werden zu Eisklumpen. Erst später sehe ich, dass mir im linken Bein eine Ader geplatzt ist. Tränen laufen unkontrolliert über mein versteinertes Gesicht. Dabei ist mir gerade überhaupt nicht zum Heulen zumute — ich liege sehr gut in der Zeit! Doch auf dem rutschigen Boden fällt jedes Abdrücken schwer. Der Gedanke, dass wir uns alle gemeinsam durch die Eishölle quälen müssen, hilft.

Endlich geht es in den Aachener Wald. Das Ziel rückt näher. Nur noch fünf Kilometer. Ich könnte eine Zielzeit um 1:15 Stunden schaffen. Lange Schritte, schnelle Schritte, sage ich mir. Viele kurze Anstiege zehren an den letzten Kräften. Beißen! Ich gebe nochmal alles und schaffe es: 1:15,59 Stunden. Punktlandung.