Europawahl : Jeder Dritte wählt in Aachen grün

Ein Erdrutsch bei der Europawahl stürzt die Sozialdemokraten weiter Richtung Abgrund. Neben der CDU-Politikerin Sabine Verheyen könnte bald ein weiterer EU-Abgeordneter aus Aachen kommen.

Natürlich, das passt, Treffpunkt „Brüssel Saal“: Menschenmassen sind am Sonntagabend Richtung Eurogress geströmt, wo im Rahmen einer Wahlparty sämtliche Ergebnisse der Europawahl zusammenliefen, in Diagrammen auf eine große Leinwand geworfen und mit Politikern diskutiert werden konnten. „Ich konnte das kaum glauben, als ich hier ankam“, räumte Oberbürgermeister Marcel Philipp später ein – lächelnd.

Schlange stehen für Europa? Fast. Über tausend Besucher hatten Tickets für Comedy-Star Dieter Nuhr, der zwar hinter dem selben Haupteingang, aber quasi rechts daneben im großen „Europa Saal“ gastierte. Pointen garantiert.

Unter den rund hundert Besuchern der Wahlparty hatten im Nachbarsaal nur die Grünen richtig gut Lachen. Sie fuhren in Aachen einen historischen Sieg ein. Jubel, Applaus, ungläubiges Staunen. Mit 32,2 Prozent erzielten die Grünen über 18 Prozentpunkte mehr als bei der vorherigen Europawahl 2014 – das ist mehr als eine Verdopplung und entspricht über 36.000 Wählerstimmen. Jeder Dritte wählt grün. Man ist in Sachen Europa unangefochten stärkste Kraft in Aachen und liegt weit über dem Bundesschnitt. Wobei die Wahlbeteiligung einen satten Sprung auf fast 64 Prozent schaffte, immerhin knapp 8 Prozentpunkte mehr als vor fünf Jahren.

Hinter den Grünen die CDU

Hinter den Grünen als strahlende Wahlsieger rangieren die CDU mit mit knapp 22 Prozent (minus 7 Prozentpunkte), die SPD mit 15 Prozent (minus 20), die FDP mit 6 Prozent (plus 1,7), die Linken mit 5,4 Prozent und die AfD mit 5 Prozent. Im Anschluss findet sich die Satire-Gruppe „Die Partei“ mit 4 Prozent wieder. Das sind mehr als 4400 Wählerstimmen – fast vier Mal so viele wie die Piratenpartei einfahren konnte.

„Völlig abgesehen von meiner Rolle ist das natürlich ein starkes Signal“, sagt ein sichtlich zufriedener Daniel Freund aus Aachen, der für die Grünen kandidiert hat und mit großer Wahrscheinlichkeit erstmals ins Europaparlament einziehen wird – vom eigentlich aussichtslosen Listenplatz 20. Damit hätte Aachen neben Sabine Verheyen (CDU) einen zweiten Abgeordneten in Brüssel und Straßburg. 73 Podiumsdiskussionen und 170 weitere Veranstaltungen habe er während des Wahlkampfs erlebt. „Wir haben bis zur letzten Minute gekämpft und mit unseren klaren Botschaften gepunktet“, sagt Freund, „mit den Themen Klima, soziale Gerechtigkeit und mit einer Pro-Europa-Einstellung.“ Sowohl in Europa als auch in Deutschland müsste die große Koalition ihre Blockade gegen grüne Themen aufbrechen.

Das sieht sogar der politische Gegner ähnlich: Sabine Verheyen sagte, man müsse mit Blick auf die Kommunalwahl das Ergebnis der Grünen ganz genau analysieren. Sie hätten es geschafft, junge Wähler zu binden. Die CDU habe auch die richtigen Antworten, aber offensichtlich ein Problem, die zu kommunizieren.

Unterschiede zur Kommunalwahl

„Das Ergebnis der Aachener Grünen ist sehr stark“, betonte auch Harald Baal, Fraktionschef der CDU im Aachener Stadtrat. In den vergangenen 14 Tagen hätten die bundesweiten Themen in den Nachrichten der Partei einfach in die Karten gespielt, so der Christdemokrat. „Das Ergebnis der CDU ist schlechter als bei der letzten Wahl und kann uns einfach nicht zufrieden stellen“, konstatierte er. Trotzdem blickt er zuversichtlich auf die Kommunalwahl 2020, die „sehr spannend“ werde: Denn 2014, als Kommunal- und Europawahl zusammenfielen, hätte die CDU kommunal deutlich besser abgeschnitten als auf Europaebene. „Die Menschen wählen themenbezogen“, so Baal.

Vielleicht abgesehen vom Überraschungserfolg von „Die Partei“. Tobias Molitor gehört ihr an, er legt bei der Wahlparty im „Brüssel Saal“ Wert auf die Feststellung, Langzeitstudent zu sein. Rund acht Aktive zähle seine Partei derzeit, für die Kommunalwahl sei da angesichts der Tatsache, dass es für Ratssitze reichen könnte, noch weiteres Personal nötig, meint der 25-Jährige. Er lächelt. Die Grünen auch. Denn sie feixen am Wahlabend in dieselbe Richtung. Dabei dürfen sie es ernst meinen.

Apropos: Als Dieter Nuhr sein Programm zur Pause unterbricht, schauen dann doch noch ein paar Comedy-Fans bei der Wahlparty nebenan vorbei. Als sie den Erdrutschsieg der Grünen, den Absturz der SPD und den Sinkflug der CDU auf der riesigen Wandgrafik erkennen, könnten einige heulen – vor Glück oder Gram. Auch das passt zu Brüssel.

Alle Ergebnisse gibt es hier.

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