Aachen: Europas Zukunft im historischen Grashaus

Aachen: Europas Zukunft im historischen Grashaus

Hinterm historischen Gemäuer an der Schmiedstraße arbeiten die Mitarbeiter des Stadtarchivs derzeit vor allem in eigener Sache unter Hochdruck: Im Laufe des kommenden Jahres soll der Umzug des Archivs vom Grashaus in die alte Nadelfabrik am Reichsweg starten.

Dann soll das rund 750 Jahre alte kommunale Kleinod am Fischmarkt vor allem als Bildungs- und Präsentationsstätte für die jüngste Generation hergerichtet werden. Höchste Zeit also, die nächste Station der „Route Charlemagne” zumindest konzeptionell mit Leben zu füllen. Am 22. November wird sich der Kulturausschuss mit einem 16-seitigen Papier befassen, das der Chefkoordinator des ebenso geschichtsträchtigen wie didaktisch zukunftsweisenden Parcours, Dr. Thomas Müller, jetzt vorgelegt hat.

In Müllers Vorlage werden die langjährigen Überlegungen, das Haus gleichsam als „Europäisches Klassenzimmer” einzurichten, erstmals in wesentlichen Impulsen für die weitere Ausgestaltung konkretisiert. Sein spezielles Profil soll das Grashaus dabei als „Haus europäischen Lernens”, als „Europa-Labor” erhalten. Insbesondere Schulklassen und Nachwuchs-Organisationen aller Art sollen die vielfältigen Angebote zur interaktiven Auseinandersetzung mit durchaus unkonventionellem Anspruch nutzen.

Denn „in seinem Inneren kann das Grashaus durchaus als verborgenes Juwel gelten”, schreibt Müller. Der repräsentative Urkundensaal und die zentrale sogenannte Kapelle, die im Mittelalter unter anderem den städtischen Kerker beherbergte, böten sich als attraktive Präsentationsräume geradezu an. Ihre Anziehungskraft soll zunächst durch eine Art Spalier europäischer Flaggen erhöht werden, die sich in einer reflektierenden Kugel am Portal spiegeln.

Das derzeit noch eher düstere Erscheinungsbild der Toreinfahrt wäre entsprechend aufzuwerten, um Hemmschwellen schon im Vorfeld des neogotischen Treppenhauses weitestgehend abzubauen. Von dort aus wird das geplante Europe-direct-Büro, in dem über aktuelle Themen rund um die EU informiert wird, oder auch das „Klassenzimmer” direkt zugänglich gemacht. Mittels schematisierter Karten erhalten die Besucher erste umfassende Einblicke. Schon das obligatorische Info-Büro soll dabei in seiner visuellen Gestaltung über Strukturen und Institutionen auf europäischer Ebene Auskunft geben. Die eher sperrige Materie könne durch künstlerisch anspruchsvolle Grafiken und Installationen, mit plakativen Symbolen und Piktogrammen aufbereitet werden, die zugleich zum kritischen Nachdenken anregen.

Für „herausragende mediale Inszenierungen” eigne sich indes vor allem die historische „Kapelle” mit ihren neugotischen Fresken und „verwunschenem” Ambiente, wie Müller es formuliert. Dort soll ein großformatiges Höhenrelief des Kontinents installiert werden, auf dem mittels Projektoren historische und aktuelle Szenarien dokumentiert werden. In unterschiedlichsten Variationen kann das Publikum sich so mit den zentralen Aspekten „Krieg und Frieden”, „Demokratie und Despotie”, „Migration und Grenze”, „Macht und Markt” sowie umweltpolitischen Fragestellungen auseinandersetzen.

Das denkmalgeschützte Mobiliar im Urkundensaal biete zudem reizvolle Möglichkeiten, diesen „Kernthemen” im Wortsinne Gesichter zu geben. Denkbar sei, in den Vitrinen und Wandschränken Porträts junger Menschen zu präsentieren, die über Erfahrungen mit Krieg und Frieden (etwa auf dem Balkan), Integration etc. berichten. Dabei sollen durchaus „ungewöhnliche Blickwinkel” eingenommen werden, welch die reale Lebenswelt und Kultur der jungen Generation widerspiegeln. Schließlich soll das „Europäische Klassenzimmer” ebenso als konventionelle Plattform für Vorträge wie auch als flexibles Aktionsfeld zur Weiterentwicklung des „europäischen Gedankens” ausgestattet werden. Als wesentlicher Bestandteil soll dabei ein grafisch aufwändig gestaltetes, interaktiv nutzbares „Fenster in die Zukunft” mit „Touchscreens” geöffnet werden, das den Blick auf Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte lenkt.

Politik ist am Zug

Fazit: Durch sein einzigartiges Ambiente als historische (städtische) Machtzentrale biete das Grashaus hervorragende Chancen, lokale und globale, vergangene und künftige Entwicklungen des „neuen Europa” ins Blickfeld zu rücken - und dabei eine ebenso spannenden wie lehrreiche Auseinandersetzung mit dem Thema zu garantieren.

Einmal mehr ist nun also die örtliche Politik am Zug: Eine zeitnahe, natürlich europaweite Ausschreibung zwecks Konkretisierung der Konzeption soll umgehend erfolgen.

Während in der City die Vorbereitungen auf den Weihnachtsmarkt auf Hochtouren laufen, haben die Gastronomen Tische und Stühle herausgekramt. Kein Wunder, schließlich hat der November anno 2011 eher etwas von Frühlingserwachen denn von Winterstimmung. Die Sonne strahlte am Wochenende über der Stadt - und ganz Aachen aalte sich in der Wärme. Sogar manches Eis ging über die Theke. Und das soll die ganze Woche über so weitergehen, wenn auch die Temperaturen gerade nachts etwas stärker in den Keller rutschen. Gut möglich also, dass der Weihnachtsmarkt, der am kommenden Freitag öffnet, seinen Auftakt unter herrlich blauem Himmel erlebt.

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