Aachen: Erst nach der Kontrolle gehts in die Halle

Aachen: Erst nach der Kontrolle gehts in die Halle

Der Metalldetektor piept, der Mann in Uniform der „DMA Security” will wissen: „Haben Sie Metall bei sich? Uhr, Schlüssel, Handy?” Kurz darauf bekommt man einen gelben Aufkleber verpasst: „Quality Control 2011 OK.”

„Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964” heißt die aktuelle Ausstellung im Ludwig Forum, die sich Aachen als wichtigem Kapitel in der Entwicklung von zeitgenössischer Kunst, von Fluxus, Happenings und Agitprop in den 60er und 70er Jahren widmet, und mit dieser Störung hat die Vernissage passenderweise begonnen.

Mitglieder des Künstlerkollektivs Designmetropole Aachen (DMA) haben sich diese fingierte Sicherheitskontrolle am Eingang ausgedacht und die Besucher der Eröffnung in einer langen Schlange warten lassen. Immerhin: Alle Besucher haben den gelben Button erhalten, hatten also die erforderliche Güteklasse...

Was die Qualität der Ausstellung angeht, sind sich Macher, Künstler und Besucher einig: Aachen war in den 60er und 70er Jahren mit den neuen Kunstinstitutionen Galerie Aachen, Gegenverkehr und Neue Galerie ein, wenn nicht das Zentrum für zeitgenössische Kunst in Deutschland. „Die Ausstellung ist wichtig. Sie ist nicht zum Gefallen, sondern zum Nachdenken”, findet Sammler und Mitgründer des Vereins Freunde der Neuen Galerie, Professor Hugo Jung, der bei der legendären Fluxus-Veranstaltung am 24. Juli 1964 im Audimax dabei war.

Was die Qualität der Künstler und ihrer Werke angeht, gingen die Meinungen damals auseinander; heute zählen sie zu den wichtigsten Vertretern überhaupt. Joseph Beuys, Wolf Vostell, Nam June Paik, Jörg Immendorff, Franz Erhard Walther, Gerhard Richter, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Tom Wesselmann sind nur ein paar der rund 100 Künstler, die mit etwa 150 Werken, Dokumenten wie Filmen, Tonaufnahmen oder Plakaten und vielen Zeitzeugnissen zu sehen sind.

„Um ehrlich zu sein, lässt mich die Ausstellung merkwürdiger Weise kalt. Es ist alles so historisch”, findet Rune Mields, die 1968 gemeinsam mit dem Journalisten Klaus Honnef, dem Galeristen Will Kranenpohl und einigen anderen den Kunstverein „Gegenverkehr - Zentrum für aktuelle Kunst” in der Theaterstraße gegründet hat. Sie erinnert sich gut: „Es war damals schon spannend, weil die Leute von überall her nach Aachen kamen, weil endlich mal in einer Institution größere Ausstellungen interessanter Künstler gezeigt wurden.”

Die erste große Ausstellung von Gerhard Richter beispielsweise fand im März/April 1969 im Gegenverkehr statt, und Rune Mields hat sie gehängt. Politische Veränderung war damals den Künstlern wichtig, und für Chris Reinecke ist sie es noch heute: „Ich habe hier vieles gesehen, was mich wieder beschäftigt. Es sind Zeiten, in denen viel passieren müsste”, sagt die Künstlerin und Ex-Frau von Jörg Immendorff, die in der Galerie Aachen ausgestellt hat und von der in der Ausstellung auch zwei neue Werke zu sehen sind.

„Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964” zeigt in beeindruckender Weise, welche kunsthistorisch bedeutsamen Entwicklungen in Aachen und von Aachen aus geschehen sind. Interessiert hat das bei der Vernissage am Freitagabend einige hundert Besucher, viele Freunde des Museums, beide frühere Direktoren, Professor Wolfgang Becker und Harald Kunde, ehemalige Akteure der 60er und 70er Jahre, einige ihrer engen Mitarbeiter, Familienangehörige und Kinder, die den Weg nach Aachen (und über eine Stunde an Begrüßungsreden!) auf sich genommen haben.

Performance am Eingangist eine Überraschung

Die Designmetropole Aachen ist bereits vor über einem Jahr von der Museumsleitung beauftragt worden, den Performance-Gedanken der 60er Jahre in die Neuzeit zu übertragen.

Herausgekommen sind dabei neben der störenden Eingangskontrolle entführte LuFo-Fahnen, die gegen IKEA-Fahnen ausgetauscht wurden, sowie zwei Damen am Eingang zu einem Ausstellungsteil, die verlangten, sich mit Namen registrieren zu lassen.

Der Ausdruck auf gelbem Papier flog dann umgehend zerknüllt auf einen Haufen anderer Papierknäuel. „Wir wussten, dass die Designmetropole etwas veranstaltet, aber nicht was”, verrät Kuratorin Myriam Kroll.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Februar 2012 zu sehen.