Aachen: ERP-Tage für kleine und mittelständische Unternehmen feiern Jubiläum

Aachen : ERP-Tage für kleine und mittelständische Unternehmen feiern Jubiläum

Die Digitalisierung hat extreme Auswirkungen — vor allem in der Wirtschaft. Zum 25. Mal beschäftigen sich die Aachener ERP-Tage (www.erp-tage.de) mit dem Thema — im Jubiläumsjahr am 20. und 21. Juni am FIR an der RWTH Aachen im Cluster Smart Logistik auf dem RWTH Aachen Campus. Über Chancen und Gefahren hat AZ-Redakteur Robert Esser mit dem FIR-Geschäftsführer Professor Volker Stich gesprochen.

Warum sollten mit den Buchstaben ERP nicht nur Fachleute etwas anfangen können. Was bedeutet ERP? Und welchen Einfluss hat dies auf unternehmerische Prozesse?

Stich: „ERP“ steht für Enterprise Resource Planning. Dabei handelt es sich um ein betriebliches Anwendungssystem, mit dem heute praktisch jedes Unternehmen seine Ressourcen, also Mitarbeiter, Maschinen und Material, plant. Dadurch, dass so ein System unternehmensweit als zentrale Planungsebene im Einsatz ist, werden sämtliche Informationen aus allen Bereichen verknüpft. Dies vereinfacht die Prozesse und zahlt sich in barer Münze aus.

Initiiert vom FIR an der RWTH Aachen feiern die Aachener ERP-Tage dieses Jahr ihr 25. Jubiläum. Kann man in Kürze zusammenfassen, was sich in all den Jahren bereits geändert hat? Wie hat sich der Fokus verschoben?

Stich: Vor 25 Jahren wusste man von Enterprise Resource Planning noch nicht viel. Damals wurde das Thema in Deutschland unter dem Begriff Produktionsplanung und -steuerung gefasst, und der Titel der Veranstaltung lautete entsprechend „Aachener PPS-Tage“. Das Ziel war damals aber auch schon die Vereinfachung der funktions- und unternehmensübergreifenden Geschäftsprozesse.

Die zunehmende Digitalisierung ermöglichte erst die ERP-Systeme, wie wir sie heute kennen. In den letzten Jahren kamen immer mehr Systeme auf den Markt. Wie diese Systeme zusammen arbeiten können ist daher immer auch ein Thema unserer Veranstaltung. Industrie 4.0 sorgt jetzt dafür, dass heute auch über Themen wie mobile Endgeräte, Plattformen und Apps referiert und diskutiert wird.

Was gibt es zum Jubiläum Neues für Teilnehmer und Aussteller?

Stich: Erstmalig wird es im Messebereich eine Showcase-Area geben, in der die Teilnehmer verschiedene Systeme live und „zum Anfassen“ erleben. Ebenfalls neu sind sogenannte Startup-Pitches. Junge Unternehmen stellen ihre innovativen Ideen und Lösungen vor. Die Teilnehmer entscheiden am Ende, welcher Auftritt ihnen am besten gefallen hat. Die Sieger werden mit einem Forschungsbudget in Höhe von 10.000 Euro belohnt. Und nicht zuletzt laden wir für unsere Abendveranstaltung über den Dächern von Aachen in die UpTown Sky Lounge des Hotels Innside ein.

Das diesjährige Motto lautet „Digitale Transformation — Datenbasiert schneller entscheiden“ — Was bedeutet dies im Detail?

Stich: Der Unternehmenserfolg hängt künftig davon ab, schneller die richtigen Entscheidungen zu treffen. ERP-Systeme und Industrie 4.0 helfen, auf Basis großer Datenmengen zum einen Erfahrungswissen systematisch zu nutzen und nicht nur „aus dem Bauch oder der Erinnerung heraus“ zu agieren. Zum anderen stehen inzwischen Echtzeitdaten zur Verfügung, die einen guten Überblick schaffen und so dabei unterstützen, zügig eine Entscheidung zu treffen, die zum gewünschten Ergebnis führt — datenbasiert schneller entscheiden eben.

Wie funktioniert die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft?

Stich: Das FIR hat als leitendes Institut im Cluster Smart Logistik auf dem RWTH Aachen Campus die Möglichkeit, sehr eng mit renommierten Unternehmen zusammenzuarbeiten und an Themen zu forschen, die für die Industrie relevant sind. Und dies in einer einzigartigen Umgebung. Projekte können rasch initiiert, Prototypen schnell entwickelt werden, weil die Infrastruktur im Cluster Smart Logistik Know-how, Equipment und Raum dafür bietet.

Streetscooter oder e.GO wurden genau hier „erfunden“ und sind heute eigenständige und erfolgreiche Unternehmen. So entstand eine praxisnahe Testumgebung für Systemanbieter verschiedener Bereiche, die hier ihre Systeme schnell und vor allem praxisnah „ausprobieren“ und weiterentwickeln können.

Können Sie an einem Beispiel erläutern, welche Vorteile die Zusammenarbeit mit dem FIR für ein Unternehmen gebracht hat?

Stich: Das FIR an der RWTH arbeitet schon seit Jahren mit der Firma Ethen Rohre aus Aachen zusammen. Das spannende an der Zusammenarbeit ist, dass kein Thema zu schade oder abstrakt ist, um diskutiert und umgesetzt zu werden.

Durch die Einführung eines passenden ERP-Systems wurde im Unternehmen der Grundstein für den Weg in Richtung Industrie 4.0 gelegt. Die ermöglicht uns, Fragestellungen zu diskutieren, an die früher nicht zu denken war. Heute können Produktionsaufträge datenbasiert bewertet und optimiert werden. In Zukunft werden die Mitarbeiter in der Produktion durch Assistenzsysteme bei der Arbeit unterstützt und der Status der Aufträge durch eine aufs Unternehmen zugeschnittene Datenerfassung transparent gemacht.

Was passiert, wenn man als Unternehmer in Sachen Industrie 4.0 erst die weitere Entwicklung abwarten will, bevor man selbst einsteigt?

Stich: Schnelligkeit wird künftig über den Erfolg von Unternehmen mitentscheiden. Abzuwarten ist dafür sicher keine gute Strategie. Viel besser ist es, sich dem Thema offen und interessiert zu nähern und erste, kleine Schritte in Richtung Digitalisierung zu gehen. Das bedeutet nicht, „alles auf einmal zu wollen“; schlimmer wäre es allerdings vor lauter Ehrfurcht in Schockstarre zu verfallen, dann könnte man als Unternehmen leicht ins Hintertreffen geraten und anderen einen Vorsprung lassen, der kaum einzuholen ist.

Gibt es negative Folgen?

Stich: Negativ wird sich Industrie 4.0 nur auswirken, wenn man sich ihr verschließt. Als lernbereiter Mensch oder eben auch als lernendes Unternehmen werden die Vorteile überwiegen. Dazu gehört, dass Berufsbilder sich ändern. Stark repetitive Aufgaben werden Menschen künftig nicht mehr häufig erledigen müssen. Vielmehr wird es einen Wandel hin zu „Wissensarbeit“ geben. Dies erfordert Weiterbildung und Qualifikation. Der Trend zum lebenslangen Lernen wird sich fortsetzen.

Worin liegen diese Chancen?

Stich: Neben der persönlichen Weiterentwicklung birgt Industrie 4.0 enorme ökonomische Chancen. Heute zählt nicht mehr nur die Qualität eines Produkts, vielmehr verlangen Kunden ausgereifte Services. Für ein Unternehmen bedeutet dies, dass mit dem Verkauf eines Produkts, die Customer Journey nicht endet, sondern — wenn man so will — gerade erst richtig losgeht. Den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen, für ihn neue Services zu entwickeln und ein Produkt mit Hilfe des Kundenfeedbacks immer weiter zu verbessern, darin liegt die Zukunft. Und damit lässt sich Geld verdienen.

Kann man belegen, inwieweit Unternehmen, die in punkto ERP auf dem neusten Stand unterwegs sind, erfolgreicher wirtschaften?

Stich: Laut einer Studie der Trovarit AG führen ERP-Systeme primär zu einer Beschleunigung und Vereinfachung von Geschäftsprozessen. Informationen können darüber hinaus transparent und einfach bereitgestellt werden. Die gewonnene Zeit wird in die Weiterentwicklung von Produkten und Services gesteckt und die Wertschöpfungskette verlängert — das macht Unternehmen erfolgreicher.

Wie können Auswirkungen für die Belegschaft aussehen?

Stich: Mitarbeiter werden durch betriebliche Anwendungssysteme deutlich entlastet, ihre Arbeit wird abwechslungsreicher und sie gewinnen Zeit für ihre Kreativität und ihre Kunden.

Wie wird die ERP-Welt in 10, 20 Jahren aussehen? Was wird möglich sein? Welche Vision haben Sie?

Stich: Betrachtet man die rasante Entwicklung der jüngsten Vergangenheit, ist die Prognose für eine Welt in 20 Jahren nicht einfach. Wir als Forschungsinstitut arbeiten im Cluster Smart Logistik jedoch mit unseren Industriepartnern daran, die Möglichkeiten stets vorauszudenken und wertschöpfend zu realisieren. Wir können davon ausgehen, dass die Verfügbarkeit von Daten eine immer größere Rolle spielen wird.

Damit einhergehend ist die Vernetzung nicht nur innerhalb des eigenen Unternehmens wichtig, gerade die unternehmensübergreifende Verknüpfung von Informationen wird zunehmend relevant. Wissen zu teilen, auch über Unternehmensgrenzen hinaus, wird sich als Erfolgsfaktor etablieren.

Für wen ist also die Teilnahme an den ERP-Tagen im FIR sinnvoll?

Stich: Die Zielgruppe sind kleine und mittelständische Unternehmen aus der produzierenden Industrie. Die ERP-Tage richten sich speziell an IT- und Produktionsleiter, Geschäftsführer, Logistikleiter und Mitarbeiter, die sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen wollen oder in Zukunft müssen. Zudem werden die ERP-Tage gerne von Unternehmen besucht, die gerade auf der Suche nach einer neuen Systemlösung sind.

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