Eröffnung der ersten Aachener Fußgängerzone

Umdenken bei der Innenstadtgestaltung : Eine Erfolgsgeschichte mit Stotterstart

Heute vor 50 Jahren wurde Aachens erste Fußgängerzone Holzgraben/Dahmengraben eröffnet. Wirklich wahrgenommen wurde diese Zäsur aber nicht. Nur bei vielen Händlern: Sie protestierten aus Angst vor Umsatzeinbußen.

Liebe auf den ersten Blick war das offensichtlich nicht zwischen den Öchern und dieser neuen Idee. Autos weg von der Straße und den Raum wieder den Fußgängern geben. Und das Ende der 60er Jahre, als eigentlich die Philosophie der autogerechten Innenstadt noch beherrschend war. Trotzdem fiel auch in Aachen am 31. Oktober 1969 der Startschuss für die erste Fußgängerzone in unserer Stadt.

Der Holzgraben und der Dahmengraben waren so etwas wie die städtebaulichen Versuchskaninchen in einer Umbruchphase. Als einem Motor des Wirtschaftswunders war dem motorisierten Individualverkehr bislang Vorrang eingeräumt worden. In viele vom Krieg zerstörte Städte wurden Schneisen geschlagen, um mehrspurige Straßen anzulegen. Parallel entstand aber bereits 1953 in Kassel eine Fußgängerstraße. Von direkten Zonen sprach aber noch niemand.

In Aachen gab es unter dem Namen „Shoppingstraße“ so etwas wie Vorläufermodelle. Auch hier befand sich der Dahmengraben neben der Krämerstraße ein Jahr zuvor in einer Vorreiterrolle. Die Straßen wurden aber noch nicht umgestaltet. Eine Niveauangleichung zwischen Bürgersteig und Fahrbahn war noch nicht vorgesehen.

Der Holzgraben im Sommer 1970: Die Akzeptanz wuchs nach der Neugestaltung. Foto: Sepp Linckens

Die Geburtsstunde der ersten wirklichen Fußgängerstraße verlief dann auch vergleichsweise unspektakulär. „Kaum jemand nahm Rücksicht auf die Zone“, bilanzierten die Nachrichten nach dem ersten Tag. Im Gegenteil: Die eigentlich unmissverständlichen Verkehrsschilder mussten mit Polizisten aus der Abteilung Pappkamerad versehen werden, um der neuen Verkehrsregelung Nachdruck zu verleihen.

Vom Start weg war die Veränderung von Protesten begleitet. Obwohl die Beispiele anderer Städte gezeigt hatten, dass beim Einzelhandel die Kassen durchaus lauter klingelten, hatten die Händler am Holzgraben gemischte Gefühle. Obwohl Beispiele in Essen und Köln den Handel in Schwung brachten, wagten schon in der ersten Novemberwoche Holzgraben-Anlieger einen politischen Vorstoß. 15 Firmen richteten ein Schreiben an Oberbürgermeister Herrmann Heusch und Oberstadtdirektor Anton Kurze, an Fraktionen und Institutionen, in denen sie die „Aufhebung der Fußgängerzone“ forderten. Sie sahen – so stand es in der Volkszeitung – „eine tote Zone“ auf sich zukommen. Vor allem sie vorgesehene Lieferfrist bis 10 Uhr betrachtete man überaus skeptisch.

Erst nach mehreren Umgestaltungen erhielt er sein heutiges Gesicht. Foto: ZVA/Harald Krömer

Zwei Hauptgegner

Zwei Gruppen bildeten die Hauptgegner: Mehrere Apothekeninhaber, die sich um die mehrmals am Tag notwendige Nachlieferung mit Medikamenten sorgten, und die Taxi­Fahrer. Die hatten auf dem Holzgraben den nach ihrer Einschätzung optimalen Standort und zogen eher murrend an die Hartmannstraße auf die andere Seite des Elisengartens. Ihre Laune konnte auch das Versprechen nicht bessern, dass sie nach einer – allerdings nicht genau datierten – Umgestaltung des Friedrich-Wilhelm-Platzes ihren Standplatz vis-à-vis zum Elisenbrunnen bekommen sollten.

Am 31. Oktober 1969 hätte noch niemand vermutet, dass der Startschuss zu einem Erfolgsmodell fiel. Aber: Bereits nach kurzer Zeit änderte der Wind seine Richtung. In den Beständen des Aachener Stadtarchivs findet sich ein bemerkenswerter Eintrag des damaligen Baudirektors Quarten. Demnach wurde die Verwaltung in rund 20 Prozessen von Geschäftsleuten wegen Geschäftsschädigung verklagt. Was aus den Prozessen wurde, hier im Wortlaut: „Keiner wurde einer Entscheidung zugeführt, da spätestens nach einem Jahr eine nicht unerhebliche Umsatzsteigerung statt der befürchteten Verluste sichtbar wurde.“ Als dann 1970 der Sperrung die Neugestaltung folgte und 60 Pflanzkübel aufgestellt waren, hieß es seitens der Händler: „Gehabte Schmerzen hat man gern“.

Erfolgreiche Blaupause

Aus dem Versuchskaninchen Holzgraben/Dahmengraben wurde eine Blaupause für zahlreiche weitere Fußgängerzonen in Aachen. Die Bauexperten rechneten später sowohl bei der Beschränkung des Verkehrs auf dem Markt als auch bei der Sperrung des Katschhofs als Parkplatz mit Protest. Zum Erfolgsmodell wurden auch sie.

Mehr von Aachener Zeitung