Aachen: Erinnerungen an Aachen unterm Stahlgewitter

Aachen: Erinnerungen an Aachen unterm Stahlgewitter

2. August 1914. Die größte Katastrophe, die die Welt bis dahin gesehen hat, bricht sich Bahn am „Tag des Herrn“. Auch und gerade von Aachen aus. „Sonntagsruhe aufgehoben“, vermerkt Dr. Bernhard Poll in seiner bekannten Stadtchronik knapp. Und: „Erster Mobilmachungstag, Aufruf des Landsturms.“

Es wird keine Ruhe mehr einkehren. Am 4. August marschiert das Infanterie-Regiment 25 über die Grenze Richtung Lüttich. Vier Wochen später liegt die berühmte Universitätsbibliothek von Leuven vor den Toren Brüssels in Schutt und Asche. Das große Schlachten fegt jegliche Zivilisation hinweg. Und Millionen von Menschenleben. Über vier Jahre wütet das bis dahin schlimmste Stahlgewitter aller Zeiten über dem Kontinent. „Bis heute, 100 Jahre danach, sind unsere Nachbarn traumatisiert von diesem Ersten Weltkrieg“, sagt Dr. Gerhard Curdes.

Als der emeritierte RWTH-Professor vor rund zwei Jahren das Geschichtsnetzwerk Euregio-Maas Rhein mit aus der Taufe hob, fragten seine Mitstreiter aus Belgien so ziemlich als erstes, wie die Stadt Aachen die Ereignisse von damals in Erinnerung zu rufen gedenke. Inzwischen kann die Initiative im Schulterschluss mit zahlreichen kommunalen Institutionen viele Antworten geben. Mit über 53 Veranstaltungen laden auch Theater Aachen, Volkshochschule, Deutsch-Französisches Kulturinstitut, Zeitungsmuseum, Stadtbibliothek, diverse Buchhandlungen und nicht zuletzt die RWTH zur Aus-einandersetzung mit der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ ein, wie Oberbürgermeister Marcel Philipp es am Mittwoch bei der Vorstellung des umfänglichen Programms formulierte.

Neun Ausstellungen, vier Tagungen und Seminare, zehn Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, elf Exkursionen und fünf Filmvorführungen füllen den Terminkalender bis in den Herbst hinein. Sie sollen weit mehr als ein paar neue Schlaglichter auf jenen gigantischen Feuersturm werfen, der doch auch die ersten Funken für den viel zitierten europäischen Gedanken überspringen ließ.

Pathetische Sonntagsreden sollen dabei allerdings allenfalls eine Nebenrolle spielen, unterstreichen die Initiatoren. So beteiligt sich das Theater im Oktober mit einer kompletten Themenwoche an der kreativen Auseinandersetzung, erläutert Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck. Ergreifende Korrespondenzen der Soldaten mit den Verwandten in der Heimat, Lesungen zeitgenössischer Werke (wie Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“) und Konzerte stehen dabei im Mittelpunkt. „Wir wollen vor allem den Alltag der Menschen in den Kriegsjahren in den Blick nehmen und auch ein Bühnenstück aus der damaligen Zeit präsentieren“, sagt Schmitz-Aufterbeck. Mehr will er über die Inszenierung noch nicht verraten.

Dafür präsentieren die Macher jetzt eine fast 80-seitige handliche Broschüre, die einen umfassenden Überblick über die Fülle der Themen und Termine ermöglicht und (wie alle Veranstaltungen) gratis zu haben ist. Dabei werden auch die historischen Zusammenhänge mit weiteren prägenden Zäsuren vermittelt, die 2014 durch besondere Jahrestage ins Gedächtnis gerufen werden — vor allem natürlich der Ausbruch des 2. Weltkriegs im September 1939 und die Befreiung Aachens im Oktober 1944.

Bereits Ende Mai wird im Zeitungsmuseum, das den Jahrestag bereits seit Ende November mit der Ausstellung „Niemand hat die Absicht, einen Krieg zu beginnen“ in den Fokus rückt, eine weitere große Schau über den „Ausbruch und Auftakt“ des Ersten Weltkriegs im Spiegel der zeitgenössischen Berichterstattung eröffnet. Auch in der RWTH-Aula, in der Sparkassen-Zentrale am Elisenbrunnen, in der Stadtbibliothek und in Haus Löwenstein wird der große Krieg unter unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Die ersten Tagungen und Exkursionen, auch zu externen Ausstellungen, stehen bereits in den nächsten Tagen an.

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