Enkelinnen sexuell missbraucht: Früherer Laienpriester gesteht Tat

Angeklagter gesteht : Ehemaliger Seelsorger soll Enkeltöchter missbraucht haben

Heinz-Günter und Irmtraud K. kommen gemeinsam ins Justizzentrum. Die Eheleute aus Aachen tragen eine identische Kappe, sie teilen später ihre Butterbrote, sie wirken vertraut.

Das Paar – er 75, sie 68 Jahre alt – sitzt gemeinsam auf der Anklagebank der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts, auf ihnen lastet ein schwerer Verdacht. Was Oberstaatsanwältin Carolin Kraft zusammengetragen hat, klingt furchtbar.

Heinz-Günter K. soll in 73 Fällen sexuellen Missbrauch begangen haben – an seinen beiden Enkelinnen. Seiner Frau wird Förderung sexueller Handlung an Minderjährigen oder vielleicht auch Beihilfe vorgeworfen. Die Eheleute werden von der Vergangenheit eingeholt, denn die Vorwürfe sind mindestens 16 Jahre alt. Der Tatzeitraum soll zwischen September 2001 und Februar 2003 liegen.

Und noch ein schlimmer Verdacht schwingt in diesem Verfahren mit, nämlich, dass die neuapostolische Kirche Aachen seitdem von den schweren Straftaten wusste und nicht reagierte. Heinz-Günter K. wirkte damals als Seelsorger und Laienpriester in der Gemeinde.

Folgt man der Anklage, holten die Großeltern die kleinen Mädchen damals regelmäßig im Kindergarten ab, häufig schliefen sie auch am Wochenende bei ihnen. Heinz-Günter K. soll – bis zu vier Mal im Monat – sich bei solchen Gelegenheiten an seinen Enkelinnen vergriffen haben. Er befriedigte sich an ihr oder ließ sich von ihr befriedigen, steht in der Anklage. Überwiegend war das ältere Mädchen das Opfer, aber auch ihre jüngere Schwester sei in einem Fall betroffen gewesen.

Milchreis als Belohnung

Die Taten sollen sich primär im Wohnzimmer ereignet haben. Irmtraud K. habe regelmäßig die Tür zugezogen haben, um in der Küche Milchreis zu kochen. Den gab es dann später für die Mädchen als Belohnung, trägt Oberstaatsanwältin Kraft vor.

Erst als eines der Kinder Karneval 2003 eine kompromittierende Bemerkung gegenüber ihrer Mutter machte, zogen die Eltern die Notbremse. Seitdem haben sie ihre Kinder nicht mehr in die Obhut der Großeltern gelassen.

Heinz-Günter K. lässt seinen Anwalt Markus Jentgens eine Entschuldigung vortragen. „Ich schäme mich über alle Maßen, ich habe große Schuld auf mich genommen“, sagt er. „Damit muss ich bis zum meinem letzten Atemzug leben.“ Er habe keine Erklärung für das „abscheuliche Verhalten“. Nun sei er fast froh, dass es noch zum Verfahren komme, „und ich für meine Fehler bestraft werde“. Der Angeklagte räumt nur vier und keineswegs 73 Handlungen ein. Seine Frau sei völlig unbeteiligt, teilt er mit, vielmehr habe er damals immer auf „günstige Momente“ gewartet.

Die 68-Jährige schweigt vor Gericht, macht weder Angaben zur Person noch zum Inhalt der Anklage. Ihr Verteidiger versucht vergeblich zu verhindern, dass die Anklage öffentlich vorgetragen wird. Er hält die Vorwürfe für verjährt, die Frau sei keine Mittäterin, habe nicht auf die Kinder eingewirkt. Auch mit seinem Antrag, das Verfahren gegen die Frau einzustellen, scheitert er.

Der gelernte Elektriker Heinz-Günter K. arbeitete damals bei der Neuapostolischen Gemeinde in Aachen. Er war sogar der Lehrbeauftragte für die Kinder . Die Eltern der Mädchen gehören auch zur Gemeinde, sie wendeten sich an einen Seelsorger, trugen ihre Erkenntnisse vor. Sie wurden um Stillschweigen gebeten. „Sie würden es sehr befürworten, wenn keine Anzeige gestellt werde“, erinnert sich die Mutter an ein Gespräch mit den Kirchenoberen. „Missbrauch und Kirche sei ein gefundenes Fressen für die Presse“, war das Argument. Im Gegenzug versprachen die Kirchenmänner, man werde intensiv für die Familie beten.

Die Eltern müssen noch einmal insistieren, weil der Priester damals weiterhin auch Kinder unterrichtet. Erst 2005 wurde er „aus Gesundheitsgründen“ beurlaubt. Die Familie verzichtete auf eine Anzeige, obwohl Heinz-Günter K. schon damals den Missbrauch familienintern eingestand.

Dass nach so vielen Jahren doch noch ein Verfahren initiiert wurde, hängt mit dem digitalen Zeitalter zusammen. Auf einer Opfer-Plattform schilderte die Mutter der beiden Mädchen ihren Verdacht. Ein unbeteiligter Mann aus Süddeutschland erstattete Anzeige, so kam das Verfahren ins Rollen.

Die Mädchen von damals sind inzwischen junge Frauen, im Gerichtssaal sehen sie ihren Großvater und ihre Großmutter wieder. Der Kontakt ist abgebrochen, zwei knappe Entschuldigungsschreiben des Angeklagten aus den Jahren 2010 und 2012 haben daran nichts geändert. Am Ende des ersten Verhandlungstages lässt sich sicher festhalten, dass alle Familienmitglieder noch gezeichnet sind von den Ereignissen, die mehr als 16 Jahre zurückliegen. Die Vernehmung der möglichen Opfer erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Richterin Regina Böhme bietet ihnen an, hinter einem Sichtschutz auszusagen. Das Verfahren wird am 3. Juni fortgesetzt.

(dpa)
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