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Jugendhilfe-Verein vor der Auflösung: Endstation für den „Chill Out“-Bus

Jugendhilfe-Verein vor der Auflösung : Endstation für den „Chill Out“-Bus

Der „Chill Out“-Bus tritt in Kürze seine wohl letzte Dienstfahrt an. Nach mehr als 20 Jahren muss der gleichnamige Verein das imposante Doppeldecker-Gefährt, das als etwas andere mobile Anlaufstelle für die offene Jugendarbeit regelmäßig in der Stadt unterwegs war, jetzt ausrangieren. Damit ist auch das Ende der Initiative in Kürze besiegelt.

Mehr als 20 Jahre lang ist er durch die Stadt getourt, vor allem im Kennedypark hat der imposante Doppeldecker-Bus des Vereins „Chill out“ bis Anfang 2019 regelmäßig Station gemacht, um Jugendliche, die vielfach den Anschluss an die Angebote der Offenen Türen zu verlieren drohten, auch im Wortsinn dort abzuholen, wo sie sich ohnehin meist trafen – um gemeinsam „abzuhängen“, Musik zu hören, zu spielen und zu quatschen. Mit Projekten wie „Rap im Park“ oder auch einer kreativen Schreibwerkstatt machte die Initiative rund um den Elsassplatz und auch in Richterich bald von sich reden.

Jetzt aber wechselt das hochbetagte, fast 50 Jahre alte Unikum gewissermaßen aufs Altenteil. In Kürze wird der stadtbekannte blaue Cabrio-Oldtimer mit dem unverwechselbaren Faltdach seine wohl letzte größere Fahrt Richtung Köln antreten, um dort in die Dienste einer Event-Agentur zu treten. Schweren Herzens hat „Chef-Chauffeur“ Marc Fischer damit nun auch die Endstation für die vordem so umtriebige gemeinnützigen „Chill Out“-Initiative ansteuern müssen.

Denn inzwischen sind auch Fischers Kollegen, die sich bislang mit viel Herzblut neben ihrer hauptamtlichen Tätigkeit als Sozialarbeiter engagiert haben, um die etwas andere offene Jugendarbeit unterm offenen Dach anbieten zu können, ein wenig in die Jahre gekommen. „Natürlich tut es ein bisschen weh, dass wir unseren ,blauen Wal‘ jetzt Richtung Rhein abschwimmen lassen müssen“, erzählt der langjährige „Chill Out“-Vorsitzende. „Aber mittlerweile sind wir alle um die 50, und natürlich fordern auch die eigenen Familien bei den meisten ihr Recht, so dass einfach nicht mehr genug Zeit blieb, zwei Mal pro Woche, meist in den Abendstunden, unterwegs zu sein.“ Und qualifizierten Nachwuchs zu finden, habe sich als praktisch aussichtslos erwiesen, zumal man das riesige Gefährt naturgemäß nicht ohne Lkw-Führerschein steuern darf. „Deshalb wurde bereits Ende 2018 klar, dass uns wohl nichts anderen übrigbleiben würde, als den Verein aufzulösen.“ So habe sich das Aus bereits angekündigt, noch bevor die Pandemiewelle die Kids im Dreiländereck zum gänzlich unfreiwilligen „Chillen“ in den eigenen vier Wänden gezwungen hat.

Etliche schwierige Klippen in Sachen Finanzierung hatte der Verein mit seiner mobilen Jugendarbeit bis dahin erfolgreich meistern können: Bereits 2011 war der erste extravagante „Chill Out“-Bus wegen erheblicher technischer Probleme schwer ins Schlingern geraten und musste schließlich ausrangiert werden. Fischer und seine Mitstreiter gaben aber weiter Gas, um das ungewöhnliche Projekt fortzuführen, sammelten mit einer Fülle von Aktionen Spendengelder – und konnten dank zahlreicher Unterstützer (darunter auch der Initiative „Menschen helfen Menschen“ unserer Zeitung) genug Geld sammeln, um einen „neuen“ Oldtimer an den Start zu bringen. Nicht zuletzt durch die tatkräftige Hilfe der Aseag sei es letztlich immer wieder gelungen, den knallblauen Koloss , Marke MAN SD 200, Baujahr 1976, fit genug zu machen, um auch dem strengen Blick der TÜV-Techniker standzuhalten, betont Marc Fischer. Seither konnte der Verein das Projekt vor allem mit Mitteln des Landschaftsverbands buchstäblich wieder Fahrt aufnehmen – immerhin noch fast zehn Jahre lang.

Mit großem Bedauern haben derweil auch die Ansprechpartner im städtischen Jugendamt den Abschied des Vereins aufgenommen. Vor allem in der präventiven Sozialarbeit habe die Initiative viele wichtige Impulse setzen können, heißt es in einem Statement aus dem Fachbereich. „Wir werden uns in jedem Fall jetzt bemühen, einen neuen Träger zu gewinnen, der zumindest ein alternatives Angebot entwickeln kann“, betone Björn Gürtler vom Presseamt. Auch wenn die Tage des „Chill Out“-Busses nun endgültig gezählt sein dürften.