Aachen: Einfühlsame Erinnerung an Pogromnacht

Aachen: Einfühlsame Erinnerung an Pogromnacht

79 Jahre sind seit der Reichspogromnacht 1938 vergangen. „Fast ein ganzes Menschenleben. Ist es also noch nötig zu gedenken?“, fragte Pfarrer Ruprecht van de Weyer von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit bei der Gedenkveranstaltung im Krönungssaal am Donnerstag.

„Ja“, sagte er mit fester Stimme, „denn noch immer werden in der Gesellschaft Menschen zu Sündenböcken gemacht. Noch immer können nicht alle Menschen ihren Glauben ausleben. Und nun sind wieder Menschen mit rechtem Gedankengut in das deutsche Parlament eingezogen.“

Schweigeminute: Am Synagogenplatz gedachte man der Opfer der Reichspogromnacht. Foto: Andreas Schmitter, Andreas Hermann

Im Zentrum der Gedenkfeier standen jedoch die Schülerinnen des St.Ursula-Gymnasiums Smilla Comanns, Abinaya Prabakaran, Annalena von Oesen, Hannah Dudzinski, Sonja Becker, Maria Hüning, Klara Goergens, Rea Wermter und Paula Hillermann. Sie alle hatten für die Gedenkveranstaltung einen Vortrag vorbereitet, in dem sie ehemalige Schülerinnen des St.Ursula-Gymnasiums poträtierten. Sie waren am 9. November 1938 auf Erlass aus Berlin aufgrund ihres jüdischen Glaubens des Gymnasiums verwiesen worden.

die Schülerinnen vom Einhard-Gymnasium Felicia Lehmann, Ava Moayeri, Mara Mummert und Claire Simon referieren über Carl Amberg Foto: Andreas Schmitter, Andreas Herrmann

Ein halbes Jahr lang setzten sich die Schülerinnen in einem Projektkurs unter der Leitung von Geschichtslehrer Karsten Breuer und der ehemaligen Schulleiterin Josefine Marsden mit den Lebensgeschichten jener Frauen auseinander, die einst genau wie sie das St. Ursula-Gymnasium besuchten.

Viele der Frauen beschrieben sie detailreich: „Hannelore Greifenhagen, eine von ihnen, kann es bis heute nicht ertragen, wenn Politiker wutentbrannt schreien“, trug eine Schülerin vor und spielte damit auf die Reden Hitlers an. Über andere konnten sie hingegen nicht viel mehr herausfinden, als dass sie nach dem Reichspogrom nach Amerika flohen.

Nicht zuletzt lernten die Schülerinnen in den Monaten der Recherche aber auch: Was bedeutet es in unserer heutigen Gesellschaft ausgestoßen oder verfolgt zu werden — sei es in der Schule, auf dem Pausenhof oder in der Gesellschaft als solche? „Der Geschichtsunterricht ist oft sehr sachlich und geht selten auf einzelne Schicksale ein“, sagte eine der Schülerinnen, „dabei kann man die Ereignisse auf der persönlichen Ebene besser nachvollziehen.“

Das zeigten sie schließlich auch auf der Bühne vor etwa 50 Zuhörern im Rathaus. „Wir sind in Zeiten des Friedens aufgewachsen und wünschen uns, dass das so bleibt“, sagte die 14-jährige Maria Hüning. Und als sie schließlich auf Fremdenfeindlichkeit zu sprechen kam, sagte sie: „Und sind wir doch mal ehrlich: Dieser Saal wäre um einiges leerer, wenn man nicht in Deutschland sein dürfte, nur weil man keine deutschen Wurzeln hat.“

Es war Bürgermeisterin Hilde Scheidt, die schließlich betonte, wie wichtig es ihr sei, dass vor allem junge Menschen in das Gedenken einbezogen werden. „Sie sind es, die die Zukunft gestalten und Antworten auf Fremdenfeindlichkeit in der Zukunft geben müssen.“

Identität abgelegt, Glauben verleugnet

Es wurde ganz still, als die Schülerinnen des Einhard-Gymnasiums von Carl Amberg und seinem Schicksal erzählten. Als jüdischer Junge in Aachen geboren, bekommt er früh die Repressalien der Nazis zu spüren. Amberg kommt mit dem Leben davon, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Das Gedenken an die Reichspogromnacht zentrierte sich in diesem Jahr auf das Schicksal unzähliger Kinder, die aus Deutschland fliehen konnten und in Großbritannien oder Belgien Zuflucht fanden.

„Sie mussten ihre Identität ablegen, ihren Glauben verleugnen und einen neuen Namen annehmen“, sagte Alexandra Simon-Tönges zu Beginn des feierlichen Gedenkens. Die Schülerinnen befassten sich im Rahmen des Projekts „Stolpersteine“ mit dem Schicksal jüdischer Familien. Amberg hatte das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium besucht, aus dem das Einhard-Gymnasium hervorging. Nach dem Gedenken in der VHS, Peterstraße, ging man für eine Schweigeminute zur Synagoge.

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