Mies van der Rohe als Comic-Held: Eine gezeichnete Biografie zum 50. Todestag

Mies van der Rohe als Comic-Held : Eine gezeichnete Biografie zum 50. Todestag

Ludwig Mies van der Rohe war einer der bedeutendsten Architekten der Moderne. Zum 50. Todestag des in Aachen geborenen Baumeisters ist ein Comic über sein Leben erschienen. So haben Sie Mies noch nicht gesehen.

Ein Mann schlendert durch die regennasse Straße einer pulsierenden Großstadt, die Hände in den Manteltaschen vergraben, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, die Zigarette im Mundwinkel. Die Szene erinnert nicht von ungefähr an Dennis Stocks ikonisches Foto von James Dean. Hier handelt es sich allerdings um Ludwig Mies van der Rohe, und die Straße ist nicht am New Yorker Times Square, sondern eher im Berlin der Gründerzeit zu finden. Im Hintergrund erhebt sich allerdings ein Bau, der absolut modern erscheint, glänzend, erhaben. Es ist Mies van der Rohes – abgelehnter – Beitrag zum Ideenwettbewerb „Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße“, entstanden im Jahr 1921. Ein erster Entwurf seiner später wegweisenden „Haut und Knochen“-Architektur – die Glasfassaden als Haut, die Stahlstützen als Knochen.

Für das Cover eines Comics, der sich mit dem Leben und der Arbeit Mies van der Rohes beschäftigt, ist diese Szene ziemlich genial gewählt. Genial, weil es den Architekten zum Superstar seiner Zunft stilisiert, der mit seinen Arbeiten den Übergang in die Moderne maßgeblich gestaltet hat. Der Comic stammt aus der Feder des spanischen Zeichners, Autors und gelernten Architekten Agustin Ferrer Casas; erschienen ist er zum 50. Todestag Mies van der Rohes. In sorgfältig komponierten Bildern erzählt er die Lebensgeschichte des gebürtigen Aacheners. Da Mies seine Geburtsstadt allerdings schon im Alter von 19 Jahren verlassen hat, kommt die bei Casas nur kurz vor. Dazu später mehr.

Der Comic funktioniert wie ein gezeichnetes Drehbuch zu einem biografischen Film. Casas’ dramaturgischer Kunstgriff: Er verfrachtet den fast 80-jährigen Mies in ein Flugzeug, mit dem er zur Grundsteinlegung der Neuen Nationalgalerie aus den USA nach Berlin reist. Unterwegs erzählt er seinem Enkel Dirk Lohan sein Leben – in Rückblenden, die bisweilen sprung- und bruchstückhaft sind. Wie es halt so ist, wenn Opa aus dem eigenen Leben erzählt. Das Verfahren erfordert gewisse Vorkenntnisse beim Leser, weil man sich in den Zeitschleifen leicht verheddern kann. Spaß macht es trotzdem.

Der Architekt als Comic-Held: Der Spanier Augustín Ferrer Casas widmet Ludwig Mies van der Rohe zum 50. Todestag eine gezeichnete Biografie. Foto: dpa

Casas hat ein Faible für markante Gesichter, klare Konturen, präzise Details und penibel aufgebaute Strips. Er nimmt sich die Freiheit, Dialoge zu erfinden und die Fakten neu zu interpretieren. So gewinnt ein Leben Gestalt, das geprägt war von unbedingtem Ehrgeiz und Erfolg. Zu erleben ist der private und der öffentliche Mies von der Rohe, seine Zeit als Direktor des Bauhauses, die Rivalität mit Walter Gropius, die Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten, bei denen er sich anfangs anbiedert, was jedoch nicht den erhofften Erfolg einbringt. Zu erleben ist ein Mann, der besessen ist von seiner Vision einer Architektur, die die Welt neu definiert. Casas beschreibt aber auch das riesengroße Ego dieses Martini trinkenden und Zigarre rauchenden Lebemannes, der Frauen reihenweise verführt, enttäuscht und fallenlässt. Der Zeichner greift da gerne mal zu deutlichen Bildern – Mies van der Rohe nackt!

Ein paar biografische Fakten fürs Protokoll: Geboren wurde Maria Ludwig Michael Mies am 27. März 1886 in der Aachener Steinkaulstraße als fünftes Kind des Steinmetzmeisters Michael Mies und seiner Frau Amalie, geborene Rohe. Er besuchte die katholische Domschule. Später gestand er, dass er als Messdiener im Aachener Münster sein Herz für die Baukunst entdeckt habe. Casas greift dieses Motiv auf, modelt es aber um: Auf zwei wunderbar gezeichneten Seiten – den einzigen im Buch, die in Aachen spielen – imaginiert der alte Mies, wie sein Bruder Ewald mit dem Vater im Dom arbeitet und dort ein Erweckungserlebnis hat. Da gehen dann doch die Pferde mit dem Spanier durch, wie überhaupt einige Szenen und vor allem Dialoge hölzern und pathetisch daherkommen.

Zusammenarbeit mit Aachener Architekturbüros

Als 15-Jähriger begann Ludwig eine Maurerlehre. Später besuchte er die Baugewerbeschule. Doch sein eigentliches Talent war das Zeichnen und Entwerfen, das er in mehreren Aachener Architekturbüros entfalten konnte. So bei Albert Schneiders, wo er am Fassadenentwurf für das neue Kaufhaus Leonhard Tietz am Markt arbeitete. Die Oberbauleitung lag bei einem Berliner Büro; so kam der junge Ludwig in Kontakt zu Berliner Architekten. Die erkannten sein Talent und lockten ihn in die Hauptstadt. 1905 siedelte der 19-Jährige dann nach Berlin über – der entscheidende Schritt von der Provinz in die große weite Welt der Baumeister. Nicht aus Zufall wird das Konstruktionstalent 1922 den Geburtsnamen seiner Mutter seinem Namen hinzufügen und die Bauteile mit einem eleganten „van der“ verbinden. Da hatte er sich gerade von seiner Frau Ada getrennt.

„Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden“, hat der Mies mal gesagt. Dieses handwerkliche Credo könnte auf die Schule des Vaters zurückgehen. Als Minimalist machte Mies die Maxime „Weniger ist mehr“ zu einer Art Kampfbegriff. So entstanden die Mehrfamilienhäuser der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung (1927), der deutsche Pavillon für die internationale Ausstellung in Barcelona (1928/29) oder die Villa des Ehepaars Tugendhat im mährischen Brno (Brünn, 1930) – Meisterwerke der Moderne.

1930 übernahm Mies die Leitung des Bauhauses in Dessau und Berlin, bis die Nationalsozialisten dort endgültig die Lichter ausmachten. 1938 kehrte er Nazi-Deutschland den Rücken und ging in die USA – 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. 1938 übernahm er die Leitung des Armour Institute in Chicago und später die Architekturabteilung des Illinois Institute of Technology (I.T.T.). Bereits bei der Neugestaltung des Hochschulgeländes zeigten sich die zukunftsweisenden Gestaltungselemente seiner amerikanischen Zeit: die gläserne Fassade und das sichtbare Bauskelett aus Stahlelementen – Haut und Knochen.

So entstanden die späten Meisterwerke: das scheinbar schwebende Farnsworth House in Plano (1945/50), die Crown Hall des I.T.T. (1956), das New Yorker Bürohochhaus Seagram (1958) oder die Neue Nationalgalerie in Berlin (1962-1968). „Manche Leute sagen, was ich mache, sei ,kalt‘. Das ist lächerlich. Man kann sagen, dass ein Glas Milch warm oder kalt ist. Aber nicht Architektur“, resümierte Mies einmal seine Arbeit.

Agustín Ferrer Casas: „Mies van der Rohe – Ein visionärer Architekt“, 176 Seiten, 20 Euro, Carlsen. Foto: Verlag

Casas durchläuft diese Stationen chronologisch, schiebt aber immer wieder Erinnerungsfetzen des alten Mies ein – Achtung: Zeitschleife! Die Darstellung der Entwürfe und Bauten folgen akkurat den historischen Vorlagen und Vorbildern. Dass der Zeichner selbst gelernter Architekt ist, erweist sich hier als immenser Vorteil. Grandios zum Beispiel die Doppelseite mit dem Seagram Building in New York – und einem Audrey-Hepburn-Lookalike im Vordergrund, die ein Taxi herbeiwinkt.

Der Comic endet in Berlin und im Wortsinne fantastisch: Wir sehen den Architekten vor dem Neubau der Neuen Nationalgalerie, an deren Eröffnung am 15. September 1968 er – schwer an Krebs und Arthritis leidend – tatsächlich nicht mehr teilnehmen konnte. Casas zeigt ihn in triumphaler Pose und inmitten einer Runde aus Personen verschiedener Lebensstationen (der Vater, die erste Frau Ada, Walter Gropius, Lily Reich, das Ehepaar Tugendhat, die ein oder andere Affäre). Am 17. August 1969, vor genau 50 Jahren, ist Ludwig Mies van der Rohe im Wesley Memorial Hospital in Chicago im Alter von 83 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben.

Eine Auswahl der gezeichneten Comics haben wir in einem Dokument zusammengestellt.

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