Eindrucksvolle Momente persönlicher Begegnung

Eindrucksvolle Momente persönlicher Begegnung

Die Schüler der Heinrich-Heine-Gesamtschule und des Anne-Frank-Gymnasiums am Schulzentrum Laurensberg sind mucksmäuschenstill, als Monika Leib die Geschichte ihrer Familie erzählt. „Ich bin gerne dafür nach Aachen gekommen. Ich danke Euch“, sagt die Brasilianerin in akzentfreiem Deutsch. Gemeinsam mit Wissenschafts- und Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen hat Leib die Ausstellung „We, the six million“ der RWTH im Rahmen der Jüdischen Kulturtage am Schulzentrum eröffnet. Noch bis zum 14. April können landesweit Veranstaltungen zu Kultur und Geschichte der jüdischen Community in NRW besucht werden.

Die Ausstellung zeigt das Leben der Jüdischen Gemeinschaft in Aachen vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Wie Familie Leib waren auch viele andere jüdische Familien in Aachen in der Textilbranche tätig, besaßen erfolgreiche Webereien und Tuchfabriken. Die Ausstellung zeigt die Verbreitung der Textilwirtschaft in der Stadt, beleuchtet die Biografien der jüdischen Familien und der Synagoge und macht deutlich, wie wichtig die Unternehmer für die Wertschöpfung in der Stadt gewesen sind.

Monika Leib selbst hat von der Aachener Geschichte ihrer Familie aus einem Märchenbuch erfahren. Nach dem Tod ihrer Mutter fand die heute 78-Jährige als jüngstes von drei Kindern ihrer Eltern beim Aufräumen des Elternhauses ein liebevoll gestaltetes Märchenbuch. Ihre älteren Geschwister haben es mit Bildern verschönert. „Meiner Mutter ist es gelungen, in poetischer Weise die dramatische Wirkung dieser Zeit rüberzubringen“ sagt Monika Leib. Sie selbst ist 1941 schon in Brasilien geboren. Ihre Eltern lebten vorher in Aachen, ihre Mutter stammt aus Berlin. Nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler zogen die Leibs von Aachen nach Vaals.

Die politisch interessierte und sehr belesene Marga Leib wurde nach der Reichspogromnacht panisch und fürchtete den Angriff der Nazis auf die Niederlande. Sehr schnell überredete sie ihren Mann Walter Leib zur Emigration. Leib hatte als erfolgreicher Textilfabrikant Angebote von Firmen aus Japan und Südamerika. Er reiste nach Brasilien, verliebte sich in Land und Leute und holte die Familie sofort nach. Dort starb er bereits 1952 im Alter von 51 Jahren.

Wie die Aachener Familie Pfeiffer daraufhin nach Brasilien reiste, um der Familie nach dem Verlust des Vaters zur Seite zu stehen, davon konnte Wissenschaftsministerin Pfeiffer-Poensgen berichten. Ihr Großvater lernte Walter Leib 1917 am heutigen Rhein-Maas-Gynasium als Abiturient kennen. Die Männer verband seitdem eine enge Freundschaft; auch die Familien freundeten sich an. Pfeiffer-Poensgen ist seitdem mit den Nachkommen der Leibs verbunden und beschreibt eindrücklich, was die Familien verband. „Unsere Väter verband die Musik, sie waren sehr emotional.“

„Für das Erinnern ist der persönliche Aspekt wichtig“, sagt Europaabgeordnete Sabine Verheyen: „Auch aus unserer Region sind Tausende ermordet worden. Wir dürfen nicht vergessen.“ Die Schüler sind beeindruckt von dem Besuch der Marga Leib und der Politikerinnen. Sie hören zu, reagieren emotional und werden sicher nicht vergessen.

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