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Aachen: Einbruchsschutz: In Sekunden ist das Fenster aufgehebelt

Aachen : Einbruchsschutz: In Sekunden ist das Fenster aufgehebelt

Es gibt Einbruchsopfer, die waschen danach ihre komplette Wäsche und Kleidung, ausnahmslos alles. Weil sie nicht wissen, wo der fremde Täter überall war, welche Schublade er aufgemacht, wo er hineingegriffen hat. Andere haben Angst, in ihre Wohnung zurückzukehren, und wenn sie dann darin sind, haben sie Angst, sich dort alleine aufzuhalten.

Es gibt Studien, die besagen, dass 30 Prozent der Einbruchsopfer unter starken Angstgefühlen leiden, dass jedes dritte Opfer Alpträume plagen, fast jedes zweite Schlafstörungen hat. „Opfer eines Einbruchs zu werden, ist für viele Menschen ein traumatisches Erlebnis“, sagt Alex Milar, Leiter des Kriminalkommissariats 44 der Aachener Polizei. Milar und seine Kollegen brauchen solche Studien eigentlich nicht, um das zu wissen.

Denn jedes Einbruchsopfer wird in den Tagen und Wochen nach der Tat noch einmal von der Polizei besucht und befragt. Und die Beamten erleben dabei mitunter hautnah, wie sehr es Menschen verunsichern kann, wenn jemand in ihren intimsten Bereich, ihre eigenen vier Wände, eingebrochen ist.

Alle vier Stunden ein Einbruch

Milar und seine Kollegen vom KK 44, das sich um Opferschutz und Kriminalprävention kümmert, wollen deshalb mit dafür sorgen, dass es gar nicht so weit kommt. „Schon ein Einbruch ist ein Einbruch zu viel“, lautet die Devise der Präventivbeamten, denen die Zahlen, die die Realität liefert, aber immer wieder Kopfschmerzen bereiten. Denn im Jahr 2011 gab es in der Städteregion 2068 Wohnungseinbrüche. Voriges Jahr zählte man zwar „nur“ 1818 Fälle, doch in diesem Jahr zählt man schon wieder mehr Fälle. Man müsse wohl kein Prophet sein, wenn man für 2013 wieder mit mehr als 2000 Taten rechnet, meint Milar. Mit anderen Worten: In der Städteregion wird im Durchschnitt ungefähr alle vier Stunden in eine Wohnung oder ein Haus eingebrochen. Nicht mitgezählt sind dabei die Kellereinbrüche, da stellte man in der Städteregion 2012 noch einmal 1648 Delikte fest. Und die Aufklärungsquote ist im Übrigen dürftig: Nur jeder zehnte Wohnungs-, und nur jeder zwanzigste Kellereinbruch wird aufgeklärt. „Die Täter sind feige, arbeiten im Verborgenen, gehen schnell rein und wieder raus, hinterlassen kaum Spuren“, sagt der Leiter des KK 44.

Und sie sind jetzt auch noch im Sommer überaus aktiv, und nicht mehr vornehmlich in der dunklen Jahreszeit. Die jüngste Zunahme von Fällen in Aachen, Eschweiler und Stolberg hat die Aachener Polizei dazu bewogen, eine große Aufklärungs- und Beratungskampagne unter dem Titel „Riegel vor“ zu starten (siehe 1. Lokalseite). „Wir wollen uns verstärkt auf die Bürger zubewegen, um sie für das Problem zu sensibilisieren“, sagt Milar. „Denn alleine ist die Polizei da machtlos.“

Was in vielen Fällen schon hilft, um Einbrecher abzuschrecken, ist eine gut funktionierende Nachbarschaft. „Der aufmerksame Nachbar ist der Alptraum eines Einbrechers“, weiß Milar, der an alle Bürger appelliert, verdächtige Dinge in ihrer Straße sofort der Polizei zu melden. Das können unbekannte Fahrzeuge sein, deren Insassen verdächtig lange Häuser beobachten, das können fremde Personen sein, die man auf Nachbargrundstücken sieht. „Manchmal hilft es schon, wenn man dann fragt, ob man helfen kann“, meint der Kriminalbeamte. Denn hat ein Einbrecher einmal Aufmerksamkeit erregt, verzieht er sich in der Regel sofort. In Gefahr sollte man sich dabei aber nicht begeben — sondern besser die Polizei anrufen.

Noch wichtiger ist es aber, sein eigenes Haus einbruchssicher zu machen. Und das fängt beim Verhalten an. So sollte man Fenster und Terrassentüren keineswegs gekippt lassen, das ist geradezu eine Einladung für Einbrecher. Auch Türen, die lediglich ins Schloss gezogen und nicht abgeschlossen werden, stellen kein Hindernis dar. Fenster, Balkon- und Terrassentüren sollte man ohnehin — auch bei nur kurzer Abwesenheit — immer verschließen. Auch Leitern, Gartenmöbel, Mülltonnen und alles andere, was als Kletterhilfe dienen könnte, sollten für die Täter möglichst nicht greifbar, also am besten weggeschlossen oder fixiert sein.

Täter kennen Schlüsselverstecke

Und mit den Schlüsseln ist das auch so eine Sache. Wer diese versehentlich von innen auf Türen oder Fenstergriffen stecken lässt, hebelt die beste Diebstahlsicherung selber aus. Und wer sich mit einem besonderen Schlüsselversteck vor der Haustüre auf der sicheren Seite wähnt, sollte sich über einen Einbruch nicht wundern. „Die Einbrecher kennen garantiert alle Verstecke zwischen der ersten und siebten Geranie“, weiß Milar. Wobei solch ein leichter Einbruch mit Schlüssel für die Opfer auch noch andere schwere Folgen haben kann, denn: „Wenn es gar keine Einbruchspuren gibt, kann es auch mit der Versicherung schwierig werden“, sagt Norbert Winkler, technischer Berater der Aachener Polizei.

Auch eine längere eigene Abwesenheit sollte man möglichst mit ein paar einfachen Verhaltensmaßnahmen kaschieren, rät die Polizei mit Blick auf die bevorstehenden Sommerferien. So sollte man niemals auf dem Anrufbeantworter oder in sozialen Netzwerken im Internet seine Abwesenheit kundtun. Außerdem sollte man die Rollläden nicht ständig herunterlassen, den Briefkasten aber sehr wohl ständig leeren lassen und — zum Beispiel per Zeitschaltuhr — für eine ausreichende Innenbeleuchtung sorgen.

Meist durch den Garten

Unerlässlich ist aber vor allem eine vernünftige Sicherheitstechnik an Fenstern und Türen. Und dabei sollte man auf die Prioritäten achten, meint Milar: „Erst Mechanik, dann Elektronik“, laute eine Devise. Soll heißen: Nicht sofort eine Alarmanlage anschaffen, sondern besser Türen und Fenster erst einmal mechanisch sichern. Und das zuerst hinten und dann vorne, denn: Zumindest bei Einfamilienhäusern kommen die Täter fast immer durch den Garten oder über Balkon und Terrasse. Und die Vorgehensweise ist fast immer die gleiche: Nur selten wird eine Scheibe eingeschlagen, in der Regel „wird von hinten gehebelt“.

Und wie schnell das dann gehen kann, kann man sich in der Jesuitenstraße 5 in Aachen, in der Beratungsstelle des KK 44, anschaulich vorführen lassen oder auch selber ausprobieren. Norbert Winkler, der technische Berater, benötigt dazu nur einen halbwegs stabilen Schraubenzieher, den man in jedem Baumarkt kaufen kann. Ein-, zwei-, dreimal setzt er damit am Fensterrahmen an, hebelt kurz, und schon springt das Fenster auf. Keine zehn Sekunden hat das Ganze gedauert. Und es ist kein Schrottprodukt, das da in Windeseile vor dem Schraubenzieher kapituliert, sondern ein handelsübliches Fenster, wie es laut Polizei in rund 80 Prozent der deutschen Wohnungen und Häuser verbaut ist. Es hat sogar einen abschließbaren Türgriff, bloß hilft der wenig, wenn der ganze Fensterflügel aufgehebelt wird.

Einen solchen Flügel vernünftig nachzurüsten, koste etwa 300 bis 400 Euro, sagt Winter. Eine normale Terrassentür nachträglich zu sichern, schlage mit 500 bis 600 Euro zu Buche. Schon mit wenigen tausend Euro könne man ein normales Einfamilienhaus gut absichern, meint Milar. Wem das als zu teuer erscheine, der sollte sich die Folgen für die Opfer von Einbrüchen vor Augen halten und dann abwägen, meinen die Präventivbeamten. Denn manche Einbruchsopfer brauchen sogar therapeutische Hilfe, und in den schlimmsten Fällen hilft nicht einmal das. „Es gab schon Leute, die haben nach einem Einbruch ihre geliebtes Häuschen verkauft, weil sie es da nicht mehr ausgehalten haben“, sagt Milar.