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„Wohne lieber ungewöhnlich“, Teil 1: Ein Zuhause wie ein Trausaal

„Wohne lieber ungewöhnlich“, Teil 1 : Ein Zuhause wie ein Trausaal

Wohnen wie im Hochzeitszimmer: Martin Hülsermanns Zuhause gleicht dem „Weißen Saal“ im Aachener Rathaus. Wir haben den Architekten zum Auftakt der Serie „Wohne lieber ungewöhnlich“ in der Wilhelmstraße in Aachen besucht

Stuck? Haben viele. Auch an den Wänden? Eher selten. Hohe Decken? Kennen wir. Ein Kamin? Nicht unüblich. Säulen in der Wohnung? Jetzt wird’s langsam interessant. Goldene Kapitelle? Schon ungewöhnlich. All das zusammen in einem einzigen 90 Quadratmeter großen Raum oder besser gesagt Saal? Na ja, in historischen Bauten durchaus zu finden. Und in Martin Hülsermanns Wohnung. Der Aachener lebt in einer Mietwohnung im ersten Obergeschoss an der Wilhelmstraße, die frappierend an den „Weißen Saal“ des Aachener Rathauses erinnert. Und tatsächlich: Unter den Bewohnern und Nachbarn heißt es, dass dort früher Trauungen stattgefunden haben sollen.

Hülsermann liebt die Form, die Konstruktion, die Präzision. „Der hohe Detailgrad lädt jedes Mal wieder aufs Neue zum Untersuchen und genauen Betrachten ein“, richtet der Architekt den Blick Richtung vier Meter hoher Decke. Dort im Stuck sind in den Winkeln zum Beispiel Musikinstrumente wie Laute, Horn, Leier oder Harfe eingearbeitet, in direkter Nachbarschaft schauen die weißen Putten in den Raum hinab. Zwei Säulen aus Rouge Royal, einem luxuriösen Naturstein, dessen gedecktes Rot mit weißen Adern durchzogen ist, dienen nicht nur der Statik des Gebäudes, sondern markieren auch gleichzeitig den Mittelpunkt der Wohnung.

Das gesamte Haus, das im Jahr 1897 vom Aachener Zigarrenfabrikanten Querinjean erbaut wurde, steht unter Denkmalschutz, aber auch die „wandfesten Einbauten“ innerhalb der vier Wände dürfen nicht angetastet werden. Dazu gehören die beiden Zierkamine sowie Decken- und Wanddekor, wobei letzteres die Kassetten mit großflächigen Spiegeln, Schmucktapete und Wandleuchtern einschließt. „Die Wohnung ist eine fertige Box, der Saal steht für sich“, nimmt der 40-Jährige sein Zuhause als abgeschlossene Einheit wahr, „alles, was man einbringt, ist automatisch ein Accessoire und keine Komponente der Wohnung mehr.“

Gesehen hat Martin Hülsermann den Raum das erste Mal, als er bei seinen Vormietern ein Paket abgeholt hat. Er sei sehr beeindruckt gewesen, dass es in dem Altbau überhaupt solche Räumlichkeiten gebe, erinnert er sich. Zu der Zeit lebte er im selben Haus ein paar Etagen weiter oben. Auch diese Wohnung war schon ungewöhnlich: Das Schlafzimmer hatte eine Deckenhöhe von 4,10, die Küche eine von 2,10 Metern. Aber nicht nur das Ambiente im ersten Obergeschoss hat den 40-Jährigen angezogen, sondern besonders ein zusätzliches Bonbon, das die Wohnung zu bieten hat: „Wegen des Stellplatzes“ habe er sofort zugeschlagen, als er Kenntnis vom Auszug der Vormieter bekam. Die Städter können diese Begründung vielleicht nachvollziehen.

„Sofort“ ist dabei allerdings interpretationsfähig. „Zwei Abende Bauchgefühl und einige Drinks später war die Sache beschlossen“, beschreibt er die magengesteuerte Entscheidungsfindung. Mit Sack und Pack ist er dann im Januar dieses Jahres die paar Treppen hinuntergezogen. Sack und Pack bedeutet in Hülsermanns Fall: bunt zusammengewürfelte Möbel aus allen möglichen Epochen. Ein Tisch aus den 50er Jahren, ein modernes Schlafsofa, ein Schreibtisch aus den 70ern, ein giftgrüner 80er-Jahre-Tablettenschrank aus dem Klinikum Aachen … Und apropos giftgrün: immer wieder Kermit der Frosch in allen Variationen und Materialien, ob als Plastikfigur, Seifenschale oder Stofftier – eine ganz und gar nicht heimliche Leidenschaft des 40-Jährigen. „Aber egal, was man hier reinstellt, nichts ist der Wohnung entsprechend zeitgenössisch.“

Anfangs überkam ihn die Sorge, dass die Wohnung zu schnell überladen wirken könnte. Das Gegenteil ist der Fall, wie Martin Hülsermann mit der Zeit festgestellt hat: „Dadurch, dass es nicht viel Stauraum gibt, sammle ich auch nicht.“ Er könne keine Sachen mal schnell in ein anderes Zimmer räumen. Ein Vorteil, wie er inzwischen findet: „Ich bin ständig gezwungen, an mir zu arbeiten, um Unordnung gar nicht erst aufkommen zu lassen.“ Alles, was man nicht direkt wegräumte, fiele eben sofort auf.

Als Stauraum dienen ihm lediglich ein großer Kleiderschrank, der als Raumteiler fungiert und den Blick auf sein Bett verdeckt, sowie eine der zwei „blinden“ Flügeltüren, hinter der sich sein Schuhschrank befindet. Eine mittige Flügeltür beherbergt die Küche mit angrenzender Arbeitsplatte in L-Form.

Und ganz in der Ecke versteckt sich etwas, das Aufschluss über die frühere Nutzung der Räumlichkeiten geben könnte: ein fest in den Boden eingebauter Tresor, der sich allerdings nicht mehr öffnen lässt, weil die Zahlenkombination in Vergessenheit geraten ist.

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Solch einen metallenen Kubus findet man wohl eher in Standesämtern als in Mietwohnungen, ist sich der Architekt sicher. Er akzeptiert ihn als stillen Mitbewohner, genau wie alle anderen Besonderheiten, Eigenheiten und Ungewöhnlichkeiten seines Zuhauses: „Die schiere Größe dieses Raumes verleiht ein hervorragendes Wohngefühl, eine angenehme Belüftung und Belichtung.“ Wenn es nach Martin Hülsermann geht, so residiert er noch lange zusammen mit Putten und Fröschen in der Wilhelmstraße …

Hier geht es zur Bilderstrecke: Martin Hülsermann wohnt wie im Trausaal