Aachen: Ein süßer Duft von Heimat: Schüler illustrieren Geschichten junger Migranten

Aachen : Ein süßer Duft von Heimat: Schüler illustrieren Geschichten junger Migranten

Ein Boot wollte Reza aus Afghanistan auf keinen Fall zeichnen oder malen, um damit seinen Text zu illustrieren. Ein Boot — schon der Begriff weckt die schlimmsten Erinnerungen an den 5. November vor drei Jahren, Reza war 15 Jahre alt, als die Überfahrt per Schlauchboot von der türkischen Mittelmeerküste zur griechischen Insel Metolonie beinahe ein tödliches Ende für ihn und 50 Menschen gefunden hätte.

Reza hat das Steuer festgehalten — und seine schreckliche Angst einem Text anvertraut, der mehr aussagt, als jede Nachrichtensendung.

Künstlerisches Gestalten mit Gesine Müllen: Mohamad aus Syrien erfährt, wie man einen Fön für die Kunst einsetzen kann. Foto: Anne-Frank-Gymnasium

„Zwischen den Welten. Geschichten junger Migranten in Aachen“ ist der Titel eines Buches von Schülern und Schülerinnen des Aachener Anne-Frank-Gymnasiums. Das Projekt wurde 2017 mit dem Integrationspreis der Stadt Aachen ausgezeichnet. Die einen haben geschrieben, die anderen schufen ausdrucksstarke Illustrationen. Was Lehrerin und Theaterpädagogin Ruth Rebière ursprünglich als kreativen Schreibkurs „Heimat“ angeboten hatte, wirkte weiter in einer Arbeitsgemeinschaft, die Kunstpädagogin Gesine Müllen als Kooperation anbot und dabei den Jugendlichen unterschiedlicher Altersklassen zeigte, wie sie schnell zu künstlerischen Ergebnissen kommen — mit Hilfe der „Gel-Technik“. „Farben und Formen werden mittels einer Gelplatte auf das Papier aufgebracht“, erklärt sie. Schablonen, Stempel, Spachtel oder andere Hilfsmittel dürfen benutzt werden. Die Bilder sind erstaunlich: Lieblingsorte in strahlenden Farben, Wellen düsterer Gedanken, quälende Angst, Trauer, Sehnsucht nach einer Gartenbank, einer heimatlichen Haustür. Alles herausgelesen aus den Texten der Mitschüler. „Das war bewegend“, betont Gesine Müllen.

Was ist das Außergewöhnliche an diesem Projekt, bei dem Ruth Rebière gezielt Hilfestellung leistete, indem sie neben dem Stichwort Heimat auch Begriffe wie Flucht, Abschied, Lieblingsorte, Familie, Liebe und Glück in die Runde warf und damit Emotionen weckte? Anfangs griff keiner zum Stift — es wurde erzählt, gelacht, viel geweint und getröstet. Das Schreiben selbst sollte so ungezwungen wie möglich passieren — ohne Rücksicht auf Rechtschreibung, Zeichensetzung oder Satzstellung. Und so sind zum Teil schmerzliche, aber auch optimistische Lebensbilder gelungen, Erzählungen von liebevollem Familienzusammenhalt, grandios kochenden Mamas, den Farben, dem Geschmack und dem würzigen oder süßen Duft der Heimat.

Wer es liest begreift plötzlich: Vielfach leben in Deutschland, in Aachen Jugendliche in zwei Welten — eben „Zwischen den Welten“ — sprechen daheim eine andere Sprache als in der Schule und tragen eine Last aus unerfüllten Sehnsüchten und unausgesprochenen Erlebnissen. Ruth Rebière und Gesine Müllen haben es übernommen, sich durch all die mit viel Herzblut erdachten Texte zu arbeiten. „Wir haben die Erzählungen nur korrigiert und geglättet, prinzipiell nicht verändert“, betont die Theaterpädagogin. Alle Teilnehmer am Kurs sind am Buch beteiligt, darunter eine deutsche Schülerin, die in der Realschule „ihre ausländische Familie“ in einem starken Klassenverband fand.

Ohne Papiertaschentücher war kein Kreativ-Treff denkbar. „Das geht mir auch heute noch so“, meint die 16-jährige Riema. Die Irakerin, in Deutschland geboren, lebt mit fünf Brüdern in Aachen. Ihre ältere Schwester ist bereits mit einem Iraker verheiratet und lebt in Berlin. „Ich weinte und stritt mit meinen Eltern, denen ich die Schuld dafür gab, dass ich im Alter von 14 Jahren noch nie meine Großeltern, meine Cousins und Cousinen, meine Tanten und Onkeln hatte sehen dürfen“, schreibt sie in einem ihrer Texte. Sie hat Tränen in den Augen, wenn sie davon erzählt, wie ihr sehnlichster Wunsch dann doch in Erfüllung ging, die Reise nach Bagdad, zur Familie. „Von den Großeltern hatte ich eine andere Vorstellung, beschützend und stark“, meint sie nachdenklich. „Meine Großmutter ist inzwischen sehr schwach, ganz mager, der Großvater ist tot, nun versuchen wir, die Großmutter nach Deutschland zu holen“, erzählt sie bewegt. „Als ich aus dem Flugzeug stieg, lag ein süßer Duft in der Luft.“ Schreiben liegt ihr — das Buch hat bei allen für eine neue Form von Offenheit gesorgt.

Das ist in den anrührenden Berichten auch Hans-Joachim Geupel, Vorsitzender des Vorstandes Bürgerstiftung Lebensraum Aachen, aufgefallen. „Ein Projekt nach unserem Herzen, es bringt die Menschen zueinander, das meinen wir mit Integration“, sagt er begeistert. Inzwischen hat die Bürgerstiftung nicht nur den Druck und die Mitherausgeberschaft übernommen, das Buch, das mit Unterstützung des Medienhauses Aachen Gestalt annahm, kann man auch bei der Stiftung kaufen.

Für Ruth Rebière steht fest: „Als Lehrer kann man sich nicht nur auf sein Fach beschränken, man muss gemeinschaftlich die menschlichen Gesichtspunkte aufgreifen“, betont sie. Im Schulalltag, so ihre Erfahrung, werden Schüler mit Flucht- oder Migrationshintergrund häufig „stehen gelassen“. Man interessiert sich nicht besonders für die Herkunft. Das hat sich durch das Projekt deutlich gewandelt.

Während Riema Deutschland, wo sie geboren ist, als „eine Heimat“ empfindet, Reza schon erwachsen wirkt, ohne Eltern bei einer Pflegefamilie lebt und auf jeden Fall eine Ausbildung im technischen Bereich anstrebt, ist der inzwischen 18-jährige Mohamad aus Syrien zwar aufmerksam, aber in sich gekehrt. „Ja, er hat am Anfang fast gar nichts gesagt“, berichtet seine Lehrerin. „Er hat nur zugehört.“

Wie war das Erinnern für sie alle? „Schwer“ nickt Reza, der während der Flucht in der Türkei ins Gefängnis musste — als 15-Jährige. „Als ich das aufgeschrieben habe, kamen Angst und Schmerz zurück.“ Riema muss mit der Tatsache, dass nicht alles im Herkunftsland ihren Träumen entspricht, erst fertig werden. Und Mohamad ist in Gedanken in Aleppo, bei seinem Vater, mit dem er täglich telefoniert. „Hier in Deutschland herrscht zwar kein Krieg, aber ich fühle mich fremd“, hat er in seinem Text geschrieben. Die Familie erwartet, dass er Abitur macht, studiert — und zurückkommt. „Dann fängt für mich wieder das Leben an“, hat er geschrieben. Aber er trägt eine schwere Bürde, hat Probleme im Fach Philosophie und in Englisch. Eine Klasse wiederholen? Bloß nicht. Die Familie wartet auf ihn. „Ich muss das schaffen“, sagt er ernst.

Was die Jugendlichen bei aller Freude über das Gelingen des Buches belastet, ist ein schlechtes Gewissen — weil sie in Sicherheit sind.

Mehr von Aachener Zeitung