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Die Stadt erlaufen: Ein Road-Trip durch Aachen der besonderen Art

Die Stadt erlaufen : Ein Road-Trip durch Aachen der besonderen Art

Niklas von der Aßen läuft in seinem Projekt „Straße für Straße“ im Jahr 2022 die Karlsstadt ab.

1994 rannte Tom Hanks als bärtiger, ausgezehrter Mann auf der Kinoleinwand durch die Vereinigten Staaten. Auf seinem Weg machte die Figur Forrest Gump kuriose Begegnungen und inspirierte viele Menschen, die ihm folgten, oder deren Leben durch seine Geschichte eine neue Wendung erfuhr. Forrest Gump hatte damals gar kein Ziel. Eines Tages beschloss er einfach „ein wenig zu laufen“. Und so lief er schließlich durch die gesamte USA.

Niklas von der Aßen gehört zu diesen inspirierten Menschen. Allerdings ist sein Vorbild keine Filmfigur, sondern der Kalifornier Rickey Gates, der 2018 in 45 Tagen San Francisco ablief. Diesen Lauf durch die Straßenschluchten hielt er damals auf Youtube fest. Nach drei Jahren in Leverkusen kehrte von der Aßen für eine Professur in Thermodynamik an die RWTH in seine alte Wahlheimat Aachen zurück: „Ich dachte mir, als Läufer ist die beste Art, die alte, neue Heimat wieder kennenzulernen, jede Straße abzulaufen.“ Die 1090 Kilometer über Asphalt will er in einem Kalenderjahr bewältigen.

Dabei hilft natürlich etwas Planung am Computer im Vorfeld. „Manchmal plane ich die Routen aber gar nicht, da bin ich im Entdeckermodus und laufe einfach los und lasse mich überraschen.“ Das Prinzip, so der Familienvater, sei mit dem Zeichnen des „Hauses vom Nikolaus“ zu vergleichen, „wo man ja auch jede Linie einmal mit dem Stift abfährt, ohne abzusetzen und eine Linie doppelt zu malen.“ So läuft er keine Straße zweimal. Eine interaktive Karte auf seiner Internetseite www.strasse-fuer-strasse.de/, die er selbst programmiert hat, zeigt seinen Fortschritt. Auf seinem Instagram-Kanal „strasse-fuer_strasse“ kann man ihm auch bildlich folgen. Drei bis viermal die Woche geht er für sein Projekt laufen. Eine moderne Laufuhr und natürlich sein Smartphone begleiten ihn dabei. „Wenn ich mich dann treiben lasse, entdecke ich die schönsten und unerwartetsten Dinge.“

Warum Niklas von der Aßen jede Straße in Aachen abläuft

Manchmal müsse er dabei buchstäblich neue Wege gehen. Die auf seinem Instagram-Account mit Hausnummern durchgezählten Touren nehmen auch zu Orten mit, die man als Läufer eher selten ansteuern würde. So führte ihn Tour Nummer 71, sinnbildlich betitelt mit „All along the Watchtower“ vorbei an der JVA. Halt – doch nur scheinbar vorbei. Ein aufgeregter Hund und der Tipp seiner Besitzerin, lotsten von der Aßen in eine Sackgasse an der Krefelder Straße. Entlang der dicken Mauern findet sich am Ende der Einbahnstraße – wer hätte es gedacht – ein Kinderspielplatz mit Sandkasten und Rutsche.

Manchmal fordert ihn jedoch auch die dynamische Infrastruktur Aachens heraus: „Da ist zum Beispiel die Turmstraße auf einmal mitten im Jahr nicht mehr da. Die muss man dann rechtzeitig erlaufen. Für mich sind das Aachen-Münchener-Gebäude und der Campus Melaten neu. Was mich aber besonders freut sind die zahlreichen Fahrradstraßen, die in Aachen dazugekommen sind.“

Der Campus Melaten ist für Niklas von der Aßen nach seiner Rückkehr nach Aachen noch Neuland. Aber auch hier ist er natürlich unterwegs.
Der Campus Melaten ist für Niklas von der Aßen nach seiner Rückkehr nach Aachen noch Neuland. Aber auch hier ist er natürlich unterwegs. Foto: Harald Krömer

Am 1. Januar 2022 lief Niklas von der Aßen los. Bislang hat er schon 64,1 Prozent, also 700 Kilometer der Stadtstraßen abgelaufen. Ungefähr 20 Kilometer müsse man pro Woche laufen. Die Herausforderung dabei sei, nicht krank zu werden. Bisher konnte ihn nur eine Corona-Erkrankung zeitweilig stoppen. So manche Tour kann auch mal bis zu drei Stunden dauern. Dabei unterstützt ihn auch seine Familie, die von den kleinen und großen Entdeckungen sofort erfährt: „Die Familie ist grundsätzlich immer begeistert, wenn ich mit schönen neuen Entdeckungen nach Hause komme. Sei es ein nettes Café oder ein Bach, an dem man einen Staudamm bauen kann. Da freuen sich meine Jungs auf jeden Fall.“

Von der Aßens Anspruch auf seiner Lauf-Safari: „die kleinen Dinge festhalten: ein Graffiti, ein tolles Auto.“ So fotografiert er schon mal einen kunstvollen Schokoladenfleck an einer Hauswand – der sogar vom Erfinder Rickey Gates lobend kommentiert wurde – oder ein Haus im Stil des niederländischen Künstlers Piet Mondrian.

Doch nicht immer begegneten ihm dabei schöne Dinge. Einiges lässt ihn nicht nur vor Ort innehalten: „Ich bin so dankbar, dass ich die Straßen laufen darf, und daher möchte ich auch etwas zurückgeben. Ich habe geschaut, was ich so auf der Straße erlebe und wo ich Bedarf sehe.“ Seine überwiegend privaten Spenden aus der Nachbarschaft oder durch seine 160 Follower auf Instagram gehen an gemeinnützige Organisationen der Region. So zum Beispiel die Aktion „breakfast4kids“, die in Zeiten der Inflation jedem Kind ein Pausenbrot garantieren möchte. Auch aktuelle, geopolitische Themen wie der Krieg in der Ukraine werden mit Spenden an die Unicef-Aktion „Kinder in der Ukraine“, unterstützt. Hier wünscht sich Niklas von der Aßen auch eine Zusammenarbeit mit Aachens lokalen Unternehmern: „Ich würde mich sehr freuen, einige Aachener Unternehmen für den guten Zweck zu begeistern.“ Sein Ziel von 1000 Euro Spenden hat er angesichts des Ukraine-Konflikts auf 2000 Euro erhöht. Fast 700 Euro sind bereits gespendet worden.

Auch beim Thema Nachhaltigkeit macht von der Aßen, der in ganz Deutschland vor allem an Bergläufen teilnimmt, nicht halt: „Die Stadt verändert sich natürlich – allein schon innerhalb eines Jahres – aufgrund der Jahreszeiten. Am Anfang des Jahres lag Schnee, die Bäche waren gut gefüllt. Aktuell sieht man überall die Dürre, viele Bäche sind komplett ausgetrocknet. Wiesen grau und trocken.“ Dem Waldsterben und anderen Klimaschäden „die man beim Laufen leider entdecken kann“, begegnet er mit eigenem Engagement für ein nachhaltiges Laufen. So nutzt er recyclebare Laufschuhe aus biobasierten Materialen, um seinen „ökologischen Fußabdruck“ zu minimieren.