Eilendorf: Ein lockeres Heimspiel bei den Boatengs

Eilendorf: Ein lockeres Heimspiel bei den Boatengs

Stell dir vor, „wir“ stehen im Halbfinale, und Boateng sitzt — nein, nicht auf der Ersatzbank, sondern mit seiner ganzen Familie bei Chips und Nüsschen daheim auf dem Sofa. Skandal? Schmerzhafte Verletzung im linken Knie? Keine Bange. Dem Mann geht‘s bestens!

Und schließlich darf er seinen wohlverdienten Feierabend beim großen Kick heute Abend gegen die Franzosen genauso genießen wie du und ich. Und seinem Namensvetter, dem wackeren Abwehrchef im deutschen Team, feste die Daumen drücken.

Berühmter Namensvetter: Jérôme Boateng dürfte heute wieder in Aktion treten... Foto: imago

Kann wohl sein, dass spätestens in der Halbzeitpause schon wieder das Telefon im Hause der Boatengs in Eilendorf nervt. „Tatsächlich bekommen wir oft Anrufe von wildfremden Leuten“, erzählt Kwame Appiah Boateng mit breitem Lachen. Seine Tochter Jennifer (14) hat sich inzwischen fast daran gewöhnt, dass sie, in der Schule oder sonstwo, immer wieder um Autogramme angebettelt wird. „Nein, nicht von mir selbst, sondern von Jérôme natürlich“, fügt sie hinzu und strahlt übers ganze Gesicht. Ist schon so eine Sache, wenn man einen berühmten Namen trägt — jetzt erst recht...

Nun ja. Streng genommen haben die Boatengs mit dem quirligen Kicker-Clan nur so viel gemein: Wie Jérôme und Co. hat der Papa seine Wurzeln in der Region Brong Ahafo im fernen Ghana. „Sein Vater hat in einem Dorf gelebt, das zehn Kilometer von meinem Geburtsort entfernt liegt“, erzählt er schmunzelnd. Und betont zur Sicherheit noch einmal: „Wir sind weder verwandt noch verschwägert.“

Als Boateng, längst ein waschechter Öcher, vor 35 Jahren nach Deutschland kam, hat freilich noch kein eifersüchtiger gallischer Hahn nach dem Bayern-Star gekräht (der seinerseits bekanntlich erst vor gut 27 Jahren in Berlin das Licht der Welt erblickte). Und seine Fußballerkarriere — als Mittelstürmer einer Alt-Herren-Thekenmannschaft in Stolberg — endete schon vor Jahren. Keine Zeit, wa.

Doppelpass nur vor dem Tor

Seine Brötchen verdient Boateng, der in der Kupferstadt flott eine Ausbildung zum Bauschlosser abschließen konnte, bei Continental. Vorher war er lange Jahre ein stolzer „Talbötter“, bis die Pleite des Waggonbauers von der Jülicher Straße ihn kurzzeitig ins Abseits manövrierte. Er fand aber schnell eine neue Anstellung beim Aachener Reifenbauer. Seine Frau Shirleen arbeitet als examinierte Altenpflegerin in der Itertalklinik. Vier charmante Töchter stellen schließlich gewisse Ansprüche. Sandra (18) hat gerade ihr Abi an St. Leonhard gebaut — Durchschnittsnote 2,1. Jennifer hat dortselbst soeben die Achte erfolgreich hinter sich gebracht. Whitney, die „Große“ (22), studiert auf Lehramt in Siegen. Und Nesthäkchen Kathy (5) ist ein echter kleiner Wirbelwind.

Pässe — Doppelpässe gar — sind für sie alle übrigens längst kein Thema mehr. Jedenfalls nicht jenseits des Rasens. Okay: Manchmal müssen die älteren Mädels ihre Ausweise präsentieren. „Weil die anderen uns oft nicht glauben, dass wir tatsächlich Boateng heißen“, griemelt Jennifer. „Wir sind Deutsche“, sagt Kwame Appiah Boateng schlicht. Vor zwölf Jahren haben die Boatengs sich ihr Häuschen in der kleinen Neubausiedlung nahe der Von-Coels-Straße gekauft. Sie gehörten zu den Ersten, die sich dort ansiedeln konnten. „Mit unseren Nachbarn haben wir nie irgendwelche Probleme gehabt“, sagt Sandra. „Ganz im Gegenteil — wir verstehen uns bestens.“ Apropos: Die Einladung zum nächsten Sommerfest zwischen den Gartenzäunen dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Da können gewisse Polit-Populisten von der AfD noch so seltsame Sprüche klopfen über Boateng, also den Münchener Berliner aus Ghana, nach dem Motto: „Guter Fußballer mag ja sein, aber als Nachbar eher nicht willkommen . . .“

Quatsch mit brauner Soße! „Auch unsere Töchter sind alle hier geboren“, sagen die Boatengs. „Sie wissen nicht viel mehr über Afrika als die Kinder von nebenan.“ Über Deutschland wissen sie eine Menge. Zum Beispiel, dass „Jogis Jungs“ sich heute Abend gegen die Männer in den blauen Trikots ganz geschmeidig (und im besten Sinne!) den Weg freischießen Richtung EM-Finale. „Ich tipp‘ mal 2:1“, meint Sandra cool. Und klar: „Am Sonntagabend sind ,wir‘ Europameister!“