Aachen: Ein Jahr Aquis Plaza: Geburtstagsparty hier, Leerstände dort

Aachen: Ein Jahr Aquis Plaza: Geburtstagsparty hier, Leerstände dort

Die Kritiker standen schon Schlange lange Zeit vor den ersten Wartereihen an den Geschäftskassen. Eine riesige Shoppingmall mitten in Aachen? Auf keinen Fall! Das wäre der Tod für den Einzelhandel in Aachen.

Das würde den endgültigen Verkehrskollaps rund um den Kaiserplatz bringen. Und so weiter und so fort. Am Freitag nun feierte das 290-Millionen-Euro-Einkaufszentrum Aquis Plaza seinen ersten Geburtstag. Grund genug, Bilanz zu ziehen.

Während im Aquis Plaza der erste Geburtstag gefeiert wird, herrscht andernorts in der City Tristesse. Der Konsumtempel habe aber generell für eine Belebung gesorgt, hieß es gestern. Foto: Jaspers

Wenig überraschend: Die fiel von Seiten des verantwortlichen Managements rundum positiv aus. „Wir haben von Anfang an beteuert: Wir wollen ein Teil von Aachen sein“, sagte Centermanagerin Kathrin Landsmann. Nach 365 Tagen könne man konstatieren, dass dies gelungen sei.

Am Kugelbrunnen brummt es

Dieser Einschätzung stimmten im Großen und Ganzen auch der städtische Dezernent Dr. Manfred Sicking, Einzelhandesverband-Geschäftsführer (EHDV) Jörg Hamel und der Geschäftsführer des Märkte und Aktionskreis City (MAC), Manfred Piana, zu.

Fakt ist: Das Aquis Plaza hat sich im abgelaufenen Jahr als Publikumsmagnet für alle Shoppingfreunde etabliert — und zwar nicht nur für jene aus Aachen, sondern weit über die Stadtgrenzen hinaus bis ins benachbarte Ausland. Dies belegen Zahlen, die Betreiber ECE am Freitag präsentierte.

26.400 Besucher strömten bisher im Schnitt pro Tag in den Konsumtempel. Der Großteil davon (55 Prozent) betritt die Galerie mit knapp 130 Shops dabei über den Eingang am Kugelbrunnen. Dieser Wert verrät Interessantes über die zuletzt viel diskutierten Kundenströme in der Aachener Innenstadt.

Zahlreiche Einzelhändler, vor allem rund um Dom und Rathaus, hatten gegenüber der AZ beklagt, dass nach dem Hype der Aquis-Plaza-Eröffnung im Herbst 2015, der deutlich mehr Menschen in die gesamte City schwemmte, in den vergangenen Monaten spürbar weniger Kunden die Altstadt aufgesucht hätten. Zudem hat eine AZ-Erhebung jüngst ergeben, dass die Quote der leer stehenden Geschäfte mit aktuell über 90 verwaisten Ladenlokalen einen neuen Höchstwert erreicht hat.

Trägt etwa das Aquis Plaza die Hauptschuld an dieser Entwicklung? Nein, beteuerten Landsmann, Sicking, Hamel und Piana am Freitag unisono. Natürlich gebe es wichtige städteplanerische Projekte — Stichwort Büchel —, die dringend von der Planungs- in die Umsetzungsphase treten müssten, um den Einkaufsstandort Aachen generell zu stärken.

Die 29.000 Quadratmeter große Mall zwischen Kaiser- und Willy-Brandt-Platz habe aber insgesamt zu einer deutlichen Belebung der Innenstadt beigetragen. Die „kontrapunktische Ergänzung zur Altstadt“ (Sicking) gelte es nun noch besser zu nutzen. Wie genau? Das müsse im Einzelnen noch analysiert und besprochen werden. „Wir müssen nun genau hinschauen: Wie gehen die Menschen durch die Stadt“, forderte Jörg Hamel und sieht vor allem im Bereich Kugelbrunnen Potenzial, um „die dort hohe Frequenz des Aquis Plaza noch besser für die Stadt zu nutzen“.

Die ECE-Analyse hat des Weiteren ergeben: Vor allem junge Menschen besuchen das Aquis Plaza. Gut 64 Prozent sind zwischen 16 und 39 Jahre alt. Deren Kaufkraft wird zwar generell als niedriger eingestuft im Vergleich zu älteren Kunden. Das sei aber genau das Klientel, das man erreichen wolle, so Landsmann. „Mit unseren Schwerpunkten in Young Fashion und Gastronomie wird so das Einkaufsangebot in Aachen sehr gut ergänzt.“

Wer einmal die Portale des Konsumtempels durchquert, bleibt in der Regel bis zu zwei Stunden in der überdachten Mall (69 Prozent der Kunden). Und: Vor allem am Wochenende lockt das Aquis Plaza viele Menschen aus der Euregio nach Aachen. 22 Prozent der Besucher kommen dann aus Belgien und den Niederlanden zum Shoppen in die Galerie.

Die Baustellen in der Einkaufsstadt sind dennoch nicht zu übersehen: Neben dem in der Planung befindlichen Altstadtquartier Büchel bereiten vor allem die untere Adalbertstraße direkt neben dem Aquis Plaza ebenso wie die untere Großkölnstraße allen Akteuren Sorgen. Die Gründe, warum es dort zum Teil seit vielen Jahre nicht gelinge, eine Belebung der Geschäftswelt hinzubekommen, sei vielfältig und ursächlich nicht im Aquis Plaza zu suchen — geschweige denn zu finden, hieß es.

„Guerilla-Marketing“

Was bleibt, sind zahlreiche Herausforderungen, um den Standort Aachen im hart umkämpften Markt um Kunden (und Besucher einer Stadt generell) weiter zu stärken. Das Plaza-Management sei bei diesen Fragen stets ein guter Partner und beteilige sich aktiv an Aachener Marketingkampagnen, betonte Sicking. Erst einmal macht das Einkaufszentrum aber vor allem in eigener Sache Werbung, lockt eine Woche lang mit unzähligen Geburtstagsspecials und Gewinnspielen die Besucher.

Nicht nur deswegen war Center-Managerin Kathrin Landsmann die gute Laune am Freitag ins Gesicht geschrieben. „Wir sind sehr zufrieden mit dem ersten Jahr“, unterstrich sie. Konkrete Zahlen zu Umsätzen nannte sie branchenüblich zwar nicht, aber auch in dem Bereich liege man voll im kalkulierten Schnitt. Zudem habe sich der Mix an Geschäften bewährt. Zwei neue Mieter ziehen gerade ein, ein weiterer soll bis Ende des Jahres folgen. „Dann sind wir wieder voll ausgelastet“, so Landsmann.

Eine frohe Botschaft, die gleichwohl nicht aus allen Ecken der Geschäftswelt zu hören ist. Wie man der von einigen empfundenen Übermacht eines solchen Shoppinggiganten begegnen kann, beweist unterdessen ein Einzelhändler am Markt.

Der setzt der offensichtlichen Anziehungskraft der Mall und den dadurch veränderten Kundenströmen eine ganz individuelle Strategie entgegen. Das Stichwort lautet „Guerilla-Marketing“. In seinem Schaufenster stehen seit wenigen Tagen alte Sessel und Tische im Stil der 50er Jahre. Das Angebot an die Kunden: Setzen Sie sich doch da einfach mal ein Stündchen hin, trinken Sie einen Kaffee, schnützen dazu einen Keks und genießen Sie die Zeit.

Als „Belohnung“ gibt‘s pro Stunde im Schaufenster danach zehn Prozent Rabatt im Laden. Kleine Einschränkung: Bei 50 Prozent (gleich fünf Stunden) ist Schluss mit Nachlass. Funktioniert das? „Und wie!“, sagt der Inhaber. Die Resonanz sei schon jetzt überwältigend. Das Beispiel kommt wie ein Mut machendes Vorbild daher: Kreativität statt ständiger Kritik ist gefragt. Dann kann beides gut in der Shoppingstadt Aachen funktionieren — XXL-Mall auf der einen, facettenreicher Einzelhandel auf der anderen Seite.