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Nachfolger für Hilfsaktion gesucht: Ein Berg aus 30.000 Brillen für Menschen in Not

Nachfolger für Hilfsaktion gesucht : Ein Berg aus 30.000 Brillen für Menschen in Not

Rund 30.000 Sehilfen gehen jetzt über die Deutsch-Indische Gesellschaft an Notleidende in Entwicklungsländern. Es ist der letzte derartige Hilfstransport. Der Projektleiter sucht nämlich einen Nachfolger.

Der Schauplatz ist eine riesige Lagerhalle in der Philipsstraße, die Heimat der Kartonagenfirma Brettschneider. Zwischen Verpackungen, Gabelstaplern und Regalen ragt er in die Höhe, der riesige Berg aus Brillen. Immer wieder treten fleißige Helferinnen und Helfer an das Meer von Seehilfen heran und legen weitere Brillenetuis, Linsen und medizinisches Gerät hinzu.

Jürgen Franz und Jürgen Schmitter stehen einige Meter daneben und blicken voller Zufriedenheit auf ihr Werk. „Das müssten an die 30.000 Brillen sein“, schätzt Franz, Vorsitzender der Deutsch-Indischen Gesellschaft e.V. Aachen (DIG). Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Schmitter, der für die Firma Brettschneider tätig ist, wird er die gesammelten und gut verpackten Brillen bald in einem Lkw in die Nähe von Antwerpen fahren. Dort erfolgt dann die Verfrachtung per Schiff – so dass die Brillen sicher dort ankommen, wo sie Menschen in Not helfen: In arme Länder, wo die medizinische Versorgungslage mehr als ernst ist.

Das Elend bekam Franz auf der ersten Mitgliederreise der 1989 von ihm gegründeten DIG Anfang der 1990er Jahre nach Indien zu sehen. „Insbesondere auf dem Land leidet eine Vielzahl der Menschen an Grauem Star oder anderen Augenkrankheiten. Die Gründe dafür: Mangelernährung und schlechte medizinische Versorgung“, berichtet der Vereinsvorsitzende. Er entschloss sich also, das Heft in die Hand zu nehmen und etwas zu tun.

„Ich habe angefangen, ausrangierte und nicht mehr gebrauchte Brillen zunächst im Kreis der DIG und in meinem Arbeitsumfeld in der Justiz einzusammeln. 1995 überbrachte ich neben anderen Hilfsgütern dann erstmals über 4000 Brillen der Wereld Missie Hulp (zu Deutsch: Weltmissionshilfe) bei Antwerpen, die diese direkt und unbürokratisch an Bedürftige in Indien verschiffte“, berichtet er weiter. Warum eine Organisation aus Belgien? „In Deutschland habe ich trotz intensiver Suche einfach niemanden gefunden, der bereit war, so eine Lieferung zu tätigen“, erinnert sich Franz.

Lagerte der DIG-Gründer die Brillen, Gläser und Etuis anfangs noch in seiner Garage, fand sich mit Schmitter und der Firma Brettschneider schon bald ein Partner, der ausreichend Stauraum hatte. „Bei den ersten Sammelaktionen lagerten wir das Material noch in unseren alten Räumlichkeiten am Grünen Weg, mittlerweile hier in der Philipsstraße“, erinnert sich Schmitter.

Die Nutzung einer Lagerhalle wurde mit der Zeit auch bitter nötig, denn Franz weitete sein „Brillen-Netzwerk“ aus: Private Sammlungen, das Uniklinikum, Optiker – teilweise bis in den Raum Krefeld wussten nun alle Bescheid, wo sie alte, gut erhaltene Brillen abzuliefern hatten. „Mittlerweile sind aber auch viele neue Modelle dabei“, unterstreicht Franz.

Zum fünften Mal machen sich die beiden Freunde Mitte August auf nach Antwerpen. Während auch die zweite Brillensammlung 2001 über die Wereld Missie Hulp nach Indien ging, landete die dritte Lieferung 2008 auf Vorschlag der belgischen Organisation bei Notleidenden im Kongo, die vierte 2013 bei Bedürftigen in Ruanda. Auch dieses Mal überlässt Franz es seinem Kooperationspartner jenseits der Grenze, wohin die bislang größte, über neun Jahre angehäufte Ladung Brillen verfrachtet wird.

„Die wissen am besten, wo die Seehilfen jetzt am meisten benötigt werden. Mir ist nur wichtig, dass mir die Wereld Missie Hulp eine schriftliche Bestätigung ausstellt, dass die Brillen vor Ort vermessen und wirklich kostenfrei an die Bevölkerung verteilt wurden“, erläutert der fleißige Sammler. Dies geschehe durch Krankenhäuser und sogenannte Eye Camps, wie er erklärt.

Einen kleinen Wermutstropfen hat die Aktion dennoch: Es wird die letzte Fahrt nach Antwerpen sein für Franz und Schmitter. „Das Einsammeln der Brillen ist sehr anstrengend, ich war eben selbst mit der Sackkarre unterwegs und habe schwer geschleppt. Irgendwann werden wir leider zu alt und ein Nachfolger ist aktuell noch nicht in Sicht“, schildert Franz die Situation.

Sicher sein können sich aber beide: Gerade diese beeindruckende Anzahl Brillen wird zahlreichen leidenden Menschen dabei helfen, ihre aktuelle Sehstärke zu erhalten oder sogar zu verbessern.