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Aachen: „Ehrenwert“ ist so bunt wie seine Vereine

Aachen : „Ehrenwert“ ist so bunt wie seine Vereine

Als 2008 das Büro für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in der Stadtverwaltung ins Leben gerufen wurde, zeigte sich augenblicklich, wie wichtig solch eine Anlaufstelle ist. Als Knotenpunkt, als Informationsplattform und als Urheber für viele Initiativen und Veranstaltungen, die das umfassende ehrenamtliche Engagement in der Kaiserstadt erst sichtbar machen und es wertschätzen.

Darum kümmern sich Petra Mahr und Heiko Hartleb. Gerade stecken sie mitten in den Vorbereitungen von „Ehrenwert — Aktionstag der Aachener Vereine“, das jährliche „Happening“ der Aachener Vereine im Herzen der Stadt.

Am 25. September findet zum 5. Mal „Ehrenwert“ statt. Wie ist die Resonanz?

Mahr: Wie immer sehr groß. Momentan haben wir knapp 100 Anmeldungen. Die erste ging bereits fünf Minuten, nachdem wir den Aufruf online gestellt hatten, ein. Bis zum 30. Juni kann sich jeder Verein noch anmelden.

Wie wichtig ist so ein Tag für die Aachener Vereine?

Hartleb: Sehr wichtig. Wir wollen mit so einem Aktionstag den Aachener Vereinen von Seiten der Stadt sichtbare Wertschätzung entgegenbringen und einmal „Danke“ sagen. Dafür stellen wir ihnen die komplette Altstadt als große Bühne kostenfrei zur Verfügung. Schade, dass es dieses Jahr wie sonst üblich keinen verkaufsoffenen Sonntag an diesem Tag gibt. Mahr: Die Idee besteht darin, allen Aachener Vereinen die Möglichkeit zu geben, zu zeigen, was sie im Jahresverlauf tun, wer sie sind, wofür sie stehen, welche Ziele sie haben. Gleichzeitig können sie für sich Werbung machen, Mitglieder und Sponsoren finden sowie Kontakte knüpfen.

Und wie wichtig sind die Vereine für Aachen?

Hartleb: Nicht zu ersetzen. In Aachen gibt es circa 1700 Vereine, darunter Fördervereine in Schulen, Vereine zur reinen Freizeitgestaltung, Vereine im karitativen Bereich und Umweltschutz, kulturschaffende und -fördernde Vereine und viele mehr. Die Engagementquote liegt in Aachen bei über 40 Prozent. Undenkbar, wenn dieser Bereich fehlen würde. Wie wichtig ein solches Engagement ist, sieht man ganz aktuell an dem Thema Flüchtlinge, bei dem die Stadt auf die immense Hilfsbereitschaft der Vereine bauen kann.

Ist ein Tag wie „Ehrenwert“ die logische Konsequenz?

Mahr: Ja. Im Frühjahr 2012 hatten Oberbürgermeister Marcel Philipp und der damalige MAC-Vorsitzende Willi Schillings die Idee zu dieser Gemeinschaftskooperation. Einkalkuliert hatten wir daraufhin ungefähr 20 bis 30 Vereine. Aber schon am ersten Anmeldetag waren es 20. Erst mit und mit wurde uns klar, was wir da eigentlich angezettelt hatten. Zum Schluss waren es 150 Anmeldungen, sodass wir zum Katschhof auch Markt, Münsterplatz, Ursulinerstraße, Hartmannstraße und Friedrich-Wilhelm-Platz als Stellflächen mit hinzunahmen. Wir haben damals schlichtweg nicht damit gerechnet, dass so viele mitmachen wollen.

Hartleb: Zum Glück sind im Laufe der Zeit neben den Mitgliedern des Beirates für Vereine, Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement auch viele Helfer hinzugekommen, zum Beispiel die städtischen Vermesser, die uns bei der Erstellung der Standpläne helfen. Früher sind wir selber mit dem Zollstock über den Katschhof gerobbt. Zudem hat sich ein ehrenamtlicher Helfertrupp für den Tag selbst zusammengefunden.

Vom Karnevalsverein bis zum Naturschutzverein: Was zeigen die Vereine?

Mahr: Das ist ganz unterschiedlich. Viele Vereine haben ihre Sache professionell im Griff. Aber nicht jeder Verein hat dieselben Möglichkeiten. Daher ist es völlig in Ordnung, wenn ein kleinerer Verein sagt: Wir haben gar nicht so viel mitzubringen, wir erzählen an unserem Stand oder auf der Bühne einfach etwas über uns. Bei einem Karnevalsverein bietet sich hingegen an, in Uniform und Kostümen aufzutreten. Die Vereine klären meist schon vorab ihre Bedürfnisse mit uns ab.

Zum Beispiel?

Mahr: In einem Jahr haben die Ingenieure ohne Grenzen uns darum gebeten, einen Stand in der Sonne zu bekommen, weil sie an ihrem Stand einen Solarkocher in Betrieb genommen haben. Natürlich versuchen wir, solche Wünsche zu erfüllen. Wir sind aber auch daran interessiert, dass es jedes Jahr ein bisschen anders aussieht. Außerdem achten wir darauf, dass eine gewisse Mischung da ist, sprich dass der Karneval nicht in der einen Ecke und die Fußballvereine in der anderen Ecke stehen. Dazu gehört ein gewisses Gespür dafür, was passt und was nicht. Ich kann zum Beispiel den Stand des Kinder-Hospizes nicht neben die Alt-Aachener Bühne stellen, weil an dem einen eine eher ruhige Gesprächsatmosphäre benötigt wird, während sich die anderen Trubel und Stimmung wünschen.

Manchmal kommt es aber wahrscheinlich doch zu ungewöhnlichen Begegnungen, oder?

Mahr: Ja, allerdings. In einem Jahr hatte der Aachener Bridge-Club einen Stand neben dem Karnevalsverein Regenbogen Venezia im Hof. Die haben sich wunderbar ergänzt, und die Herren von Regenbogen Venezia haben schließlich den Bridgetisch für die Damen immer der Sonne hinterhergetragen. Diese beiden Vereine hätten sich ohne „Ehrenwert“ wahrscheinlich nicht getroffen. Hartleb: Witzig war auch, dass vorletztes Jahr der Aachener Karnevalsprinz über Ehrenwert gefunden wurde. Axel Schwartz nahm mit den Stadtreitern teil. Am Stand des AKV hat er sich dann spontan erkundigt, wie man Karnevalsprinz werden kann. Das hat ja dann auch geklappt!

Womit können Vereine denn generell gut ankommen?

Mahr: Je attraktiver sich ein Verein im Rahmen des Ehrenwert-Tages präsentiert, desto größer ist natürlich das Echo, das man erzielt. Mitmachaktionen sind sehr beliebt oder Tiere. Der Imkerverein bringt zum Beispiel immer lebende Bienen mit. Das fasziniert groß und klein! Hartleb: Manche Vereine studieren auch extra für Ehrenwert etwas ein. Kleine Theaterstücke, Sketche, eine Modenschau mit schottischen Kostümen, Dog Dancing. Eine Seniorensportgruppe hat mal einen Sitztanz gezeigt. Und der Tierschutzverein stellt auf der Bühne Hunde vor, die an neue Herrchen vermittelt werden.

Kommen denn immer dieselben Vereine?

Mahr: Es sind viele Wiederholungstäter dabei, die sich aber gerne immer etwas Neues einfallen lassen. Es nehmen aber auch jedes Jahr neue Vereine teil. Wenn man alle bisherigen Teilnehmer zusammenzählen würde, dann käme man auf knapp 500 Vereine. Spitzenwert war in einem Jahr eine Teilnehmerzahl von 200 Vereinen. Wir nehmen uns jedes Jahr vor, am Tag selbst alle Vereine an ihren Ständen zu besuchen. Das funktioniert leider nie, weil man doch ständig irgendwohin gerufen wird.

Was waren bislang Ihre persönlichen Highlights?

Hartleb: Letztes Jahr stand ein Segelflugzeug im Elisengarten, der Kletterturm auf dem Markt ist natürlich auch immer wieder super. Und vor zwei Jahren ist auf dem Katschhof eine der größten transportablen Kegelbahnen Europas aufgebaut worden. Das war schon beeindruckend! Mahr: In einem Jahr bin ich zwischendurch von einem Verein in einer Rollstuhl-Rikscha herumgefahren worden. Das war klasse und kam meinen Füßen an dem Tag sehr entgegen (lacht).

Welcher Moment bei „Ehrenwert“ beeindruckt Sie jedes Jahr?

Mahr: Wenn man morgens in die Stadt kommt und überall wird gerade aufgebaut, das ist super! Da ist überall Betrieb, überall kommen Leute zusammen, teilweise in Uniform oder Kostümen, teilweise mit Hunden oder Hühnern. Das ist schon eine ganz eigene Stimmung.

Hartleb: Und viele Vereine machen ja ein richtiges Happening aus dem Tag. Dann wird Kaffee gekocht, gefrühstückt und alle sind froh, dass sie da sind. Sie machen sich untereinander am Stand einen schönen Tag, haben Spaß. Oft setzen sich viele abends beim Abbau noch mal kurz zusammen und stoßen auf den Tag an.

Gibt es dieses Jahr etwas Neues?

Mahr: Wir werden in diesem Jahr versuchen, bestehen zu lassen, was sich bewährt hat. Die Veranstaltung soll ihren Charakter behalten. „Ehrenwert“, so wie man es kennt, aber man wird natürlich auch Neues entdecken. Es wird nicht jeder da stehen, wo er im letzten Jahr gestanden hat. Es gibt ein anderes Bühnenprogramm. Da sind wir natürlich auf die Vereine angewiesen. Denn „Ehrenwert“ ist so bunt wie die Vereine, die sich beteiligen. Hartleb: Und wir verraten sicherlich nicht zu viel, wenn wir sagen, dass sich in diesem Jahr die Keimzelle des Aachener Karnevals, der Ausschuss Aachener Karneval, extrem groß und schön darstellen wird: Mit begehbaren Karnevalswagen und einem großen Ausstellungszelt.

Das Büro für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement organisiert aber nicht nur „Ehrenwert“.

Mahr: Das stimmt, wir machen rund um das Jahr eine ganze Menge. Die Stadt hat mit diesem Büro eine feste Anlaufstelle für Vereine und Ehrenamtler geschaffen, die jeden Tag zur Verfügung steht und jeden Tag angesprochen werden kann. Dabei haben wir drei Richtungen im Blick: bereits geleistetes, aktuelles und zukünftiges Ehrenamt. So sind viele Angebote und Aktionen entstanden wie der Ehrenamtspreis, der Ehrenamtspass, Fortbildungsangebote, der Aachener Frühjahrsputz, Ehrenwert oder eine Stellenbörse für Ehrenamtler. Hinzu kommen Einzelaktionen wie die Teilnahme am Bündnis für Flüchtlinge.

Was macht Ihnen am meisten Spaß an Ihrem Beruf?

Hartleb: Dass man morgens oft nicht weiß, was einen im Büro erwartet. Da kommt schon mal unerwartet ein Verein auf uns zu und berichtet, dass ihm gerade der Trainingsraum weggebrochen ist und dass er unbedingt einen neuen Raum braucht, der mindestens fünf Meter Deckenhöhe hat, weil bestimmte Hebefiguren geübt werden müssen. Dann lässt man sein Netzwerk spielen und versucht zu helfen. Man kann kreativ sein und hat viele Freiheiten. Mahr: Mir gefällt der Austausch mit immer unterschiedlichen Akteuren. Man hat mit alten und jungen Leuten zu tun, mit Menschen jeder Herkunft, mit Vereinen, mit Gewerbetreibenden, mit anderen Dienst- und Verwaltungsstellen, mit Großveranstaltungen, mit kleinteiliger Arbeit. Wir sind nicht immer am Schreibtisch, aber auch mal am Schreibtisch, es ist mal was am Wochenende, mal abends, aber auch schon mal Montagvormittag. Diese Abwechslung ist spannend.