Aachen: Ehemalige St.-Elisabeth-Kirche wird zur „Digital Church“

Aachen: Ehemalige St.-Elisabeth-Kirche wird zur „Digital Church“

Dass es in einer Kirche auch mal etwas lauter zugeht, ist per se nicht ungewöhnlich. Doch in der Regel sind es laute Singstimmen, die die Dezibelzahl in einem Gotteshaus ansteigen lassen, und keine Hammer oder Bohrmaschinen. Doch der Regelbetrieb herrscht in der rund 1000 Quadratmeter großen St.-Elisabeth-Kirche am Blücherplatz bekanntermaßen schon lange nicht mehr.

Im April vergangenen Jahres wurde die mehr als 100 Jahre alte Kirche entwidmet und damit wieder zu einem „ganz normalen“ Bauwerk erklärt. Mit dem Aachener Investor Norbert Hermanns, Vorstand der Landmarken AG, haben die Kirche sowie die Kaplanei und die zwei Nachbargebäude an der Jülicher Straße 68 und 70 seit Dezember 2015 einen neuen Besitzer — und nun auch endlich einen neuen Namen.

Der klingt ebenso modern und neumodisch wie die bunten Graffiti-Bilder aussehen, die mittlerweile in der Kirche hängen: Aus der St.-Elisabeth-Kirche wird die „Digital Church“ — die digitale Kirche. Und bis diese in zwei Wochen offiziell eröffnet wird, müssen noch einige Tische aufgestellt, Teppiche verlegt und Nägel gehämmert werden.

Denn auch ohne göttlichen Segen soll die Kirche ein Ort der Begegnung bleiben — nur eben in erster Linie für kreative Köpfe aus dem Unternehmerbereich. Mit der „Digital Church“ hat der „Digital Hub“ seinen neuen Standort in Aachen gefunden. Gemeinsam mit der Landmarken AG hat das Aachener Digitalisierungszentrum einen sogenannten Co-Working-Space entwickelt, also einen gemeinschaftlichen Arbeitsplatz, an dem Menschen unterschiedlicher Unternehmen unter einem (Kirchen-)Dach zusammenfinden und flexible Arbeitsplätze anmieten.

Denn anders als in herkömmlichen Bürogebäuden haben die Mieter in der „Digital Church“ keinen fest zugeteilten Schreibtisch. Stattdessen bringen sie Laptop und alle benötigten Unterlagen mit und setzen sich dort hin, wo gerade Platz ist. Um so mit immerzu frischen Gedanken digitale Geschäftsmodelle, Lösungen und Produkte zu entwickeln und zu diskutieren.

„Es ist schön, wenn man lange Zeit an einem Plan gearbeitet hat — und dieser dann so gut wird, wie man ihn sich erhofft hat“, sagte Norbert Hermanns am Donnerstag sichtbar stolz, als er gemeinsam mit Dr. Oliver Grün, Vorsitzender des „Digital Hub“, das neue Konzept präsentierte. Rund 100 flexible Arbeitsmöglichkeiten sollen bis zum 7\. Juli entstehen.

Dazu kommen Rückzugsmöglichkeiten, Schließfächer für persönliche Gegenstände und/oder Unterlagen, bunte Sitzecken und Besprechungsräume im angrenzenden Kaplanshaus. Und wer mal etwas lauter telefonieren muss, kann sich in eine Art schallgedämmte Telefonzelle zurückziehen, berichtet Hermanns. Apropos Schall: Neben der technischen Aufrüstung des Gebäudes lag dem Investor bei den Umbaumaßnahmen gerade auch dieser Aspekt am Herzen. „In einer Kirche will man natürlich, dass es schön hallt. In einer Arbeitsatmosphäre ist das aber eher ungünstig.“

Überaus günstig seien hingegen die flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten der ehemaligen Kirche. Denn auch als „Leuchtturm des digitalen Wandels“ in der Region, zu dem Investor und Hauptmieter das Gebäude machen wollen, soll das Gebäude eine „offene Begegnungsstätte“ für alle Aachener sein und kein „exklusiver Ort“, sagte Grün. Deshalb teilen sich in der „Digital Church“ nicht nur Start-ups, mittelständische Unternehmer und Vertreter der Industrie den Raum. Der „Digital Hub“ teilt sich das Gebäude als Hauptmieter auch mit anderen Veranstaltern, die die außergewöhnliche Atmosphäre in der alten Kirche für kulturelle Veranstaltungen oder Konferenzen nutzen wollen. Deshalb lasse sich das umgebaute Kirchenschiff auch blitzschnell für Events aller Art umräumen.

„Wichtig ist, dass die Kirche vielen Menschen zur Verfügung steht“, sagt Herrmanns. „Wir können hier ein tolles Projekt für die Region entwickeln“, ist Herrmanns überzeugt. Dabei soll gelten: Je kommerzieller die Veranstaltung, desto höher die Miete.

Nicht zuletzt die Erfahrungen mit „Hotel Total“ hätten den Verantwortlichen gezeigt, dass der Bedarf nach Kulturveranstaltungen in einem so außergewöhnlichen Raum wie einer Kirche in Aachen groß ist. Drei Monate lang diente die St.-Elisabeth-Kirche im vergangenen Jahr unter dem Namen „Hotel Total“ als Übernachtungsmöglichkeit, als Ort der Kreativität, als Kulturschauplatz. Für Hermanns steht fest: „Aachen braucht so einen Ort.“

Davon erhofft er sich nicht zuletzt auch eine Strahlkraft in das gesamte Stadtviertel hinein. „Ich würde mir wünschen, dass der Blücherplatz in Zukunft eine wichtigere Funktion erfüllt“, erklärte Herrmanns. Sei es, weil vom „Silicon Valley“ Aachens aus die Digitalisierung in die ganze Region ausstrahlt.

Oder weil abends doch wieder laute Singstimmen die Dezibelanzahl in der ehemaligen St.-Elisabeth-Kirche ansteigen lassen — nur eben nicht im Rahmen eines Gottesdienstes.

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