Aachen: Ehefrau mit Dutzenden Messerstichen getötet: Lebenslange Haft

Aachen : Ehefrau mit Dutzenden Messerstichen getötet: Lebenslange Haft

Manchmal weiß Mohammad M. nicht mehr, ob er mit sich selbst zufrieden sein soll oder nicht, ob es richtig war, seine Frau zu töten. Kurz nach der Tat hatte er der Polizei erzählt, dass er sich nun gut fühle, dass seine Ehre wiederhergestellt sei; eine Kriminalbeamtin sagte, M. habe gewirkt, als sei er stolz auf seine Tat.

Doch kaum ein halbes Jahr später sitze er manchmal in seiner Gefängniszelle, sei nervös, fahrig, schlafe nicht gut und überlege, ob er nicht doch einen Fehler gemacht hat, damals, am Abend des 3. Dezember, als er seine Frau in ihrer Wohnung in Aachen mit Dutzenden Messerstichen ermordete. So hatte er es den Richtern versucht zu erklären.

Ein Mann sperrt seine Familie ein

Am Dienstag nun ist der 37 Jahre alte Mohammad M. vor dem Aachener Landgericht wegen Mordes an seiner Frau Nura zu lebenslanger Haft verurteilt worden, und das Gericht hat M. keine Sekunde lang geglaubt, dass er auch nur das kleinste bisschen Reue empfindet.

Der Vorsitzende Richter Roland Klösgen warf M. in der Urteilsbegründung „verwerfliche Selbstgerechtigkeit“, „ungehemmte Eigensucht“ und eine „in hiesigen Kulturkreisen völlig unakzeptable Art, die Ehre wiederherzustellen“ vor. Klösgen stellte die besondere Schwere der Schuld fest, was für M. bedeutet, dass erst nach 17 Jahren geprüft wird, ob und wann er aus der Haft entlassen werden kann. Nach der Verkündung des Urteils bat M. um seine Auslieferung in den Irak, er und seine ermordete Frau stammen von dort.

Staatsanwältin Melissa Hilger hatte in ihrem bemerkenswerten Plädoyer die Chronik einer Ehe nachgezeichnet. „Was als Liebesheirat begann, wurde für die Frau ein mehrjähriges Martyrium, das in ihrer Ermordung endete“, sagte Hilger. Mohammad M., ein irakischer Kurde, war mit Teilen seiner Familie 1997 nach Deutschland gekommen, seine spätere Frau Nura im Jahr 2000 oder 2001.

Sie lernten sich 2003 kennen und heirateten 2005. Spätestens 2010, als die Familie mit ihren zwei Söhnen von Niedersachsen nach Düren gezogen war, begannen die Probleme, die sich zunächst hauptsächlich ums Geld drehten. M. warf seiner Frau vor, Geld zu verschwenden, ein Vorwurf, den M. vor Gericht wiederholte.

Das Gericht zeichnete in seiner Urteilsbegründung, die weitgehend Hilgers Plädoyer folgte, noch einmal nach, was die Ehrgefühle des Angeklagten offenbar so stark verletzt hatte, dass er sich zum Mord entschloss. Da waren zum einen die finanziellen Probleme der Familie, die auch daraus resultierten, dass M. lediglich als Gelegenheitsarbeiter tätig war und die Familie ansonsten Sozialhilfe bezog.

M. habe sehr genaue Vorstellungen davon gehabt, was seiner Ehefrau gestattet war und was nicht. Sie durfte sich nicht öffentlich zeigen, sie durfte nicht mit anderen Männern sprechen, M. gestattete auch anderen Männern nicht, über seine Frau zu sprechen. Mehrere Zeugen hatten dem Gericht gesagt, dass M. seine Frau und die Kinder zeitweise gar zu Hause eingeschlossen habe, so dass die Kinder nicht regelmäßig zur Schule gehen konnten.

Nachdem Nura M. sich von M.s Bruder im Auto mitnehmen ließ, habe er sie „als Schlampe tituliert“, sagte Richter Klösgen. Nura M. ging in der Folge selbst der eigenen Verwandtschaft auf der Straße aus dem Weg.

Mit Fortdauer der Ehe, spätestens ab 2013, als die Familie in Aachen lebte, habe M. seine Frau verdächtigt, ihm fremdzugehen. Das Gericht konnte bis auf M.s Verdacht jedoch nicht den geringsten Hinweis dafür finden, dass dies tatsächlich so gewesen sein könnte.

Klösgen sprach davon, dass M. seine Frau „moralisch verachtet“ habe, auch wenn die Untreue seiner Frau wohl eher ein Produkt seiner Phantasie gewesen sei. Im Gefängnis hatte M. gegenüber einem Bediensteten erklärt, er befinde sich zu Unrecht in Haft, denn seine Religion, der Islam, gestatte Ehrenmorde ausdrücklich.

Drogen und Affären

Zugleich galten aber alle Regeln, die M. aufgestellt hatte, nur für die Ehefrau, keineswegs für ihn selbst. Er habe „beträchtliche Summen für seinen Drogenkonsum“ aufgewendet und habe „wiederholt außereheliche Beziehungen geführt“, stellte Klösgen fest. Es sei nicht die Ehefrau gewesen, die die finanziellen Probleme verursacht habe, sondern Mohammad M. selbst. Auch in Anbetracht dessen sei sein Verhalten „nicht ansatzweise nachvollziehbar“, sagte Klösgen.

Am 3. Dezember war M. mittags von Wolfsburg aus mit dem Zug nach Aachen gefahren, gegen 20 Uhr erschien er im Mehrfamilienhaus, in dem die Wohnung seiner Frau lag. Seine drei Kinder, die ihren Vater seit Monaten nicht gesehen hatten, öffneten ihm freudig die Haustür. Er küsste sie und schickte sie zu seinem Bruder, der in der Nähe wohnt.

M. ging die Treppe hinauf, schlug die Tür ein und erstach seine Frau mit unvorstellbarer Brutalität. „Ich weiß nicht, was ich den Kindern erzählen soll, wenn sie mich eines Tages fragen, warum ihr Vater ihre Mutter getötet hat“, sagte Rechtsanwältin Silke Kirchvogel, die M.s Kinder im Prozess vertreten hatte.