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Aachen: E-Ticket: Ist das „Scangebot“ Unterstützung oder bloße Kontrolle?

Aachen : E-Ticket: Ist das „Scangebot“ Unterstützung oder bloße Kontrolle?

Aachens Busfahrer erhalten Unterstützung. Die neuen „Mitarbeiter“ sind zwar keine besonders guten Unterhalter, nehmen dafür aber nur wenig Platz ein. Die Rede ist von den frisch eingetroffenen Lesegeräten, die mittlerweile in fast allen der 220 Busse der Aseag samt Subunternehmen an der zweiten Tür installiert worden sind. Diese Validatoren werden nun schrittweise getestet.

Hintergrund ist die Einführung des elektronischen Fahrtickets. Nach anfänglichen technischen Schwierigkeiten haben Schüler, die mit dem School&Fun-Ticket durchs Stadtgebiet fahren, ihr E-Ticket nun weitestgehend erhalten. Auch das Semesterticket sei an alle RWTH-Studenten verschickt worden, sagt Aseag-Sprecher Paul Heesel auf Anfrage, auch wenn einige als unzustellbar zurückgekommen seien. „Alle weiteren Tickets werden derzeit an unsere Abo-Kunden und Inhaber von Zeitkarten, die mehr als einen Monat gültig sind, verschickt.“ Bis zum Fahrplanwechsel am 10. Dezember sollen die grauen E-Tickets im Scheckkartenformat im Briefkasten von insgesamt 120.000 Kunden landen.

Droht jetzt das Chaos an der zweiten Eingangstür? Abonnenten der Aseag sollen ab dem 8. Januar bei jeder Fahrt ihr E-Ticket an die neuen Lesegeräte halten, um dessen Gültigkeit zu überprüfen. Foto: Michael Jaspers

Eine Sendung, die keiner will

Auf ebenjene Postsendung würden einige der treuen Bus-Nutzer aber gerne dankend verzichten. Denn die Digitalisierungsoffensive geht mit einer neuen Regelung für den „guten Einstieg“ in die Busse einher. Ab 8. Januar gilt: Alle Kunden ohne Fahrkarte und mit gültigem Papierticket steigen vorne beim Fahrer ein und kaufen dort ihr Ticket beziehungsweise zeigen die Fahrberechtigung vor. Fahrgäste mit E-Ticket wiederum sollen an der zweiten Tür einsteigen, ihre Karte dort an das Lesegerät halten und damit dessen Gültigkeit überprüfen. Leuchtet das Lämpchen grün auf, kann es weitergehen. Bei Rot gilt das Ticket als ungültig.

Insbesondere letzter Punkt sorgt bei den Kunden nachhaltig für Aufregung. Bei Facebook bezeichnen Nutzer die E-Ticket-Regelung etwa als „größten Unsinn“, „offensichtlichen Bullshit“ und „absolut überflüssig“. Einige rufen gar zur „kollektiven Missachtung des Scangebotes“ auf. Ihre Befürchtung: Nun werde das Gedrängel zu Stoßzeiten noch stärker als sowieso schon. Nutznießer wären allenfalls Handtaschendiebe — und die Aseag, der unter anderem vorgeworfen wird, eifrig Daten über ihre Kunden sammeln zu wollen.

Insbesondere beim Thema Datenschutz bemüht sich Heesel um Beruhigung: „Alle gesetzlichen Regelungen werden eingehalten und keine personalisierten Bewegungsprofile erstellt.“ Zudem gebe es keine Pläne, die Daten in anonymisierter Form zu nutzen, um Fahrgastströme abzubilden. Gespeichert seien auf der Chipkarte neben Namen, Geburtsdatum und Kundennummer des Inhabers die entsprechende Tarifgruppe und der Geltungsbereich. Zudem werden die „letzten zehn Transaktionen“ — also die Einlesevorgänge am Lesegerät — festgehalten, sozusagen als „digitaler Kaufbeleg“ für den Kunden.

Überflüssig seien die neuen Einstiegsregelung aus Sicht der Aseag keinesfalls. „Das Lesegerät unterstützt den Fahrer bei der Kontrolle der Fahrscheine“, sagt Heesel. Bei den Fahrscheinkontrollen würden die Mitarbeiter zukünftig verstärkt auf Fahrgäste achten, die das Lesegerät nicht nutzen. „Wir können also effizienter kontrollieren, was für uns im Sinne der Einnahmesicherung wichtig ist.“ Sanktionen haben Abonnenten, die ihr gültiges E-Ticket nicht vorschriftsgemäß vor das Lesegerät halten, allerdings nicht zu befürchten. Heesel hofft trotzdem, dass die Abonnenten mitspielen und sich entsprechend „rücksichtsvoll“ an der zweiten Eingangstür verhalten. Dann müsste es auch nicht zum vom Kunden befürchteten Gedrängel kommen. Sein Appell: „Wir sollten es erstmal ausprobieren.“

Dass pro Bus nur ein Lesegerät installiert wird und sich damit der „gute Einstieg“ mit E-Ticket zwangsläufig auf eine Eingangstür verdichtet, begründet Heesel übrigens mit wirtschaftlichen Gründen. Denn in Sachen Digitalisierung werde sowieso schon tief ins Portemonnaie gegriffen. Die Kosten für die Einführung des E-Tickets, inklusive der rund 220 Lesegeräte, veranschlagt der AVV mit 7,9 Millionen Euro. Bezuschusst wird diese Summe mit 4,3 Millionen Euro vom Zweckverband Nahverkehr Rheinland (NVR) — eine notwendige Investition, so die Verantwortlichen.

Das Ziel ist Vernetzung

In Sachen E-Ticket sei der AVV nämlich sogar „Nachzügler“, betont Heesel. Benachbarte Verkehrsverbünde wie der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) seien schon vor geraumer Zeit aufs elektronische Fahrticket umgestiegen. Und auch wenn die Nutzung jeweils unterschiedlich gehandhabt werde, sei die Technik im Prinzip die gleiche. Und davon sollen auf lange Sicht die Kunden profitieren — erst Recht wenn voraussichtlich ab 2019 auch Gelegenheitskunden das E-Ticket nutzen können. Denn hinter dem großen Wort Digitalisierung steckt immer auch Vernetzung, und zwar nicht nur Aachen-intern mit E-Bike- und Carsharing-Angeboten. „Mittelfristig soll die Maßnahme dazu führen, dass das E-Ticket landes- und sogar bundesweit genutzt werden kann“, so Heesel. Zudem teste der AVV aktuell eine grenzüberschreitende Nutzung des E-Tickets.

Für viele Aseag-Abonnenten dürfte allerdings der Blick in puncto E-Ticket ab dem 8. Januar vor allem auf die zweite Eingangstür gerichtet bleiben — und den neuen kleinen „Mitarbeiter“ des Busfahrers.