Aachen: Drei Schicksale machen Probleme von Flüchtlingen begreifbar

Aachen: Drei Schicksale machen Probleme von Flüchtlingen begreifbar

Weltweit sind 45 Millionen Menschen auf der Flucht, weil sie in ihrer Heimat durch Verfolgung, Folter oder Tod bedroht werden. Seit 2001 erinnert der durch das Flüchtlingswerk UNHCR ins Leben gerufene Weltflüchtlingstag an die Situation und die Not der Flüchtlinge.

In diesem Jahr steht der Tag, der immer am 20. Juni begangen wird, unter dem Motto „Jeder Flüchtling hat (s)eine Geschichte“. Youssef K., Ali G. und Hussein F. sind drei von ihnen, die ihre Geschichte erzählen. Ali G. floh mit seiner achtköpfigen Familie aus dem Irak. Die Familie kam über das Resettlement-Programm der UNHCR nach Aachen. Ali hat einen Bombenangriff auf seine Schule miterlebt, musste mit ansehen, wie sein bester Freund dabei ums Leben kam. Er erinnert sich gut an die erste Zeit hier in Aachen. „Materiell hat es uns an nichts gefehlt“, erzählt er. Aber einsam fühlte er sich, trotz Familie.

Ali lernte Deutsch, ging für einen Intensivkurs sogar nach Köln und träumte von einem Bauingenieur-Studium. Doch in Deutschland wird sein Abschluss, den er im Irak gemacht hatte, nicht anerkannt. Das Abitur noch einmal wiederholen möchte er nicht. „Ich möchte eine Ausbildung machen, ich bewerbe mich im Elektrotechnikbereich und hoffe, dass ich einen Platz finde.“

Hussein F. kennt Deutschland aus seiner Studienzeit. Er floh vor 50 Jahren aus Syrien vor den damaligen politischen Verhältnissen, studierte in Köln und Münster, kehrte aber wieder zurück. 30 Jahre lang leitet er mit seinem Sohn in Damaskus ein Unternehmen für Solarenergie. Dann begannen die Unruhen. Hussein F. engagierte sich mit einer Hilfsorganisation, die Medikamente für Betroffene sammelte.

Bei einem Messebesuch in Deutschland erfuhren Hussein und sein Sohn, dass die Organisation zerschlagen, viele Mitglieder verhaftet, sein Fahrer an den Folgen der Folter gestorben sei. „Da wussten wir, wir können nicht zurück“, sagt er. Hussein F. stellte einen Asylantrag und wurde als Flüchtling anerkannt. Laut Rechtslage steht es anerkannten Flüchtlingen zu, dass sie Ehepartner und minderjährige Kinder in ihr Aufenthaltsland nachholen dürfen, ohne Vorlage irgendwelcher Papiere. Auch Hussein F. wollte seine Frau nachholen, da er fürchtete, dass sie durch seine Aktivitäten in Gefahr geraten würde.

Doch anders als es die Rechtslage vorsieht, erlebte Hussein F. eine fast einjährige Auseinandersetzung mit der deutschen Botschaft. „Die haben mir gesagt, wenn ich meine Frau sehen will, soll ich nach Syrien fahren“, erzählt er, immer noch empört. Für Ingeborg Heck-Böckler von der Aachener Amnesty-Internatonal-Gruppe ist Hussein Fs. Geschichte beispielhaft dafür, wie wenig flüchtlingsfreundlich Politik und Behörden oft agieren. Gleichzeitig begrüßt sie die jüngste Entscheidung der deutschen Innenministerkonferenz, weitere 10.000 Flüchtlinge aufzunehmen. Das sei ein deutliches Signal, auch innerhalb der EU.

Youssef K. kam mit einem Jahr mit seiner Familie aus dem Libanon. Er hat einen deutschen Pass und entschied sich, als seine Familie wieder in den Libanon zurückkehrte, in Deutschland zu bleiben. „Für meine Familie war das schwer, aber sie haben es akzeptiert.“ Youssef K. wuchs in Deutschland auf, studiert an der RWTH Raum- und Luftfahrttechnologie. „Natürlich kenne ich auch Situationen, in denen ich ,Der Ausländer‘ bin. Aber habe mich für Deutschland entschieden.“

Alle drei verbindet die Save-Me Kampagne, die von der lokalen Amnesty-International-Gruppe, dem Aachener Katholikenrat und dem Büro der Regionaldekane im Bistum Aachen. „Save Me“ setzt sich zum einen für eine humanere Flüchtlingspolitik ein, bietet aber auch die Chance, über Patenschaften Kontakte zu Flüchtlingen zu knüpfen. Ali G. begleitet seinerseits Flüchtlinge, übersetzt beispielsweise bei Behördengängen.

Über 600 Paten gibt es in der Städteregion Aachen, nach München der zweitgrößte Standort der Kampagne in Deutschland. Mit Save Me soll eine Willkommenspolitik im lokalen Rahmen verwirklicht werden, die sich die Verantwortlichen auch von der Politik wünschen. „Wir sind alle aufgefordert, Menschen, die ihr Land nicht freiwillig verlassen, eine Perspektive zu bieten“, sagt Holger Brantin, Vorsitzender des Katholikenrats Aachen und selbst Pate.

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