Aachen: Dieses System schmeckt der Schule nicht

Aachen: Dieses System schmeckt der Schule nicht

Wenn sich die Zahl der Mittagesser verdoppelt, dann ist das ganz nach dem Geschmack von Annett Koch-Thoma und Michael Geurtz. So haben sie aber erlebt in den letzten zehn Wochen, berichten die Leiterin der Gemeinschaftshauptschule Drimborn und ihr Stellvertreter. 10.000 Euro aus der Margarete-Lorenz-Stiftung öffneten allen 430 Schülern die Türen in die improvisierte Mensa in der Schulaula. Und statt 240 gingen im Laufe der Woche bei Gaby Bröhl nach und nach 500 Essen (aus der „Waldschenke“) über die Theke.

Das Angebot eines warmen Mahles mit Salat und Obst konnte in diesen zehn Wochen kostenlos angeboten werden. „Wir wollten zeigen, dass die Schüler essen kommen, wenn es nichts kostet“, erklärt Koch-Thoma. Das Ergebnis gibt ihnen Recht.

Ohne das Sponsoring — vermittelt von Andreas Lorenz, der an der Schule in einem Mentorenprojekt ehrenamtlich Nachhilfe gibt — muss die Schule in Sachen Mittagessen nun zu einem System zurückkehren, dass der Schulleitung so gar nicht schmeckt. Denn mit Einführung des Bildungs- und Teilhabepaketes (beschlossen im März 2011) der Bundesregierung bekommen Schüler, deren Eltern Hartz IV oder auch Wohngeld empfangen einen Essenszuschuss.

Sie müssen nur noch einen Euro statt 2,70 für das Mittagessen bezahlen. Dafür müssen ihre Eltern allerdings einen Antrag stellen, mit dem Antrag zur Arge, dann wieder zurück zur Schule, die dann jeden Tag nachhalten muss, ob ein Schüler den Zuschuss erhält oder nicht. „Das ist alles sehr zeitaufwendig und nervig. Die gesamte Logistik bleibt an der Schule hängen“, kommentiert dies Koch-Thoma. Bröhl, Schulleitung und die Schulsekretärin müssen dies dennoch stemmen. Jeder einzelne Tag muss abgerechnet werden. „Und viele Kinder kommen mit großem Hunger zu uns“, sagt Bröhl.

Wohl noch schlimmer empfinden Koch-Thoma und Geurtz die moralischen Auswirkungen des Systems. „Das ist ein echtes Dilemma. Kinder haben Hunger und können nicht bezahlen — laut unserer Liste müssten sie dies aber. Sollen wir diesen Kindern das Essen verweigern?“, sagt Geurtz. Zudem komme nicht jeder ungeniert und gebe zu, dass die Eltern Hartz IV empfangen. „Das Geldeintreiben ist für alle Seiten unangenehm“, erklärt Koch-Thoma. Das Problem kennen nahezu alle Schulen. „Warum bekommen wir als Schule nicht eigenverantwortlich eine bestimmte Summe aus dem Bildungs- und Teilhabepaket und können das Mittagessen auf diese Weise für unsere Schüler organisieren?“, fragt sie.

Seit 2005 wird an der Hauptschule Drimborn ein Mittagessen organisiert. Die Schule zählt damit zu dem Pionieren in der Stadt — dabei ist sie formal eine Halbtagsschule. In den Klassen fünf bis acht wurde das Angebot nach und nach mehr und mehr angenommen. Mittlerweile gibt es einen Erlass, dass allen Kindern ein vollwertiges Mittagessen angeboten werden muss. Weil die Schule ( 9720020) aber keine Ganztagsschule ist, hat sie keinen Anspruch auf Zuschüsse. Dafür findet sie immer wieder Partner und Sponsoren — auch in der AZ-Aktion „Aachener Kindern den Tisch decken“. Und auch die Pläne für eine Mensa liegen ohne Anspruch auf Verwirklichung in einer Schublade.

„Wir würden uns das alles anders wünschen“, versichert Michael Geurtz. Ende des Monats muss wieder jeder Schüler einzeln abgerechnet werden. „Dabei hatten wir mit dem Angebot endlich alle Schüler erreicht.“ Und das war so ganz nach seinem Geschmack.