Aachen: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nach Motiven von Böll

Aachen : „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nach Motiven von Böll

Das „ChaOSTheater“ ist in der Aachener Theaterlandschaft seit vielen Jahren eine feste Institution. Die Gruppe um Regisseur Reza Jafari setzt in ihren Stücken den Fokus immer auf moralisch anspruchsvolle, zeitlose Stücke. Da ist auch „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nach einer Erzählung von Heinrich Böll und in einer Bühnenfassung von Günther Fleckenstein keine Ausnahme.

Anders als das letzte Stücke der Gruppe, „Heiliger Krieg“, richtet sich „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ weniger an ein junges Publikum, sondern an Menschen, die sich für die Machenschaften des Boulevardjournalismus interessieren.

Katharina Blum (stark: Kerrin Thomas) tanzt auf einem Hausball mit Ludwig Götten, einem gesuchten Bundeswehrdeserteur, dem Bankraub und Mord zur Last gelegt werden. Unwissend über diese Vorwürfe nimmt Katharina Blum ihn mit zu sich nach Hause. Am nächsten Morgen hilft sie Götten, ungesehen aus ihrer Wohnung zu entkommen, kurz bevor die Polizei sie stürmt. Katharina wird festgenommen. An dieser Stelle setzt die Inszenierung des „ChaOSTheaters“ ein.

Mit völlig unangebrachten Verhörmethoden wollen Kriminalkommissar Erwin Beizmenne (Sebastian Miß) und Staatsanwalt Peter Hach (in der Premiere: Frank Kreß) aus der jungen Frau herauspressen, was diese über Götten und seine Bande weiß. Gleichzeitig gibt Beizmenne sein Wissen aus den Verhören weiter an den Boulevardjournalisten Werner Tötges (Tobias B. Tillmann), der wiederum aus allem, was er bekommt, eine Schlagzeile zu basteln vermag.

Katharina, die während des Verhörs mehr als drastisch sowohl von Beizmenne als auch von Hach sexuell genötigt wird (was leider während des Stückes keine Konsequenzen hat), wird letztlich aus der Haft entlassen, weil Polizei und Staatsanwaltschaft hoffen, dass sie sie zu Götten führen wird. Katharina Blums Leben indes ist geprägt durch die Berichterstattung Tötges. Seine Schlagzeilen haben sie über Nacht zur Geliebten eines Mörders gemacht, zur Verschwörerin und Komplizen des Bankräubers.

„Mein ganzes Leben als Fotomontage“, weint sie an einer Stelle. Als Beobachter und innere Stimme tritt indes der Stellvertreter (Norbert Hossner) auf, der in Bölls Erzählung unter anderem auch den Schriftsteller selbst verkörpert. Er spricht sowohl mit Tötges über dessen Arbeitsmethoden („Alles nur Propaganda!“, „Was wird da angerichtet in den Köpfen der Leute!“) als auch mit Katharina über ihre Erinnerungen und Erlebnisse.

Die Inszenierung orientiert sich an anderen Stücken, die die Theatergruppe bisher auf die Bühne gebracht hat. Viel Arbeit hat die gesamte Gruppe, längst nicht alle stehen auf der Bühne, in die Gestaltung einfließen lassen. Noch vor wenigen Wochen glich die Bühne in den ehemaligen Räumlichkeiten der Theaterschule Aachen eher einer Turnhalle mit Abrisscharakter, am Premierenabend stand da eine komplette Bühne mit ausgefeilter Lichttechnik.

Mit minimalistischer Bühnenausstattung und einem überzeugenden Lichtkonzept konnte das Stück seine Zeitlosigkeit beibehalten. Dies war insbesondere an den Stellen wichtig, an denen der Text deutlichen Bezug zur Zeitgeschichte nahm. So ist es heute kein Problem mehr, sich auch als Anwalt oder Industrieller SPD-nah zu zeigen oder als „links“ zu bezeichnen. Und auch der Umgang der Polizei mit Katharina Blum wäre heute ein anderer. So mutete es ein bisschen seltsam an, dass Katharina gerade die Justiz zum Schutz vor dem Boulevard anrief: „Kann denn die Justiz nichts tun, um mich vor dem Dreck zu schützen“, obwohl die Justiz es war, die ihr gerade an die Brüste gefasst hatte.

Dennoch: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ist ein Stück, dass auch heute noch Aktualität hat und damit ganz das erfüllt, was sich der Gründer des Theaters, Richard Okon, der im Dezember letzten Jahres sehr plötzlich starb, für sein Theater gewünscht hat: Aktualität und schonungslose Erzählungen.

Weitere Vorstellungen von „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ im Bürgerzentrum St. Fronleichnam, Schleswigstraße 15, sind am 7., 9., 11., 14., 16., 18., 21., 23. und 25. März. Die Vorstellungen mittwochs und freitags beginnen um 20, sonntags um 19 Uhr. Karten kosten im Vorverkauf zehn, an der Abendkasse zwölf Euro und sind in der Buchhandlung Schmetz am Dom und in der Bücherinsel, St.-Josefs-Platz 1, zu haben.