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Aachen: Die Schnellstraße am Dom wurde noch verhindert

Aachen : Die Schnellstraße am Dom wurde noch verhindert

Wer durch den Stadtkern spaziert, erfreut sich an den ursprünglich wirkenden Plätzen und Bauten und genießt den Charme der uralten Geschichte der Kaiserstadt. Ein Vortrag des Bauhistorikers Jan Richarz machte auf Einladung des Aachener Geschichtsvereins nun deutlich, dass in Aachens alten Vierteln manches anders scheint als es ist.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ ein zerstörtes Aachen. 82 Prozent aller Gebäude waren beschädigt, 43 Prozent völlig verloren. Vor allem in der Stadtmitte lag kaum ein Stein mehr auf dem anderen. Die Überlebenden wollten nicht lange in Agonie verharren. Man wollte wieder leben und die Spuren der Zerstörung beseitigen. Zuerst war geplant, aus Aachen eine Stadt der freien Fahrt zu machen. Unterhalb des Domes eine mindestens zweispurige Straße und ober halb des Rathauses noch eine. Eine neue Stadt mit völlig neuem Grundriss! Doch die Stadtkonservatoren Hans Königs und Wilhelm Fischer hatten andere Pläne

Der Elisenbrunnen: 1951 schien ein Wiederaufbau noch unmöglich (Bild oben, Foto: Stadtarchiv Aachen). Einige Jahre später hatte die Rekonstruktion bereits deutliche Fortschritte gemacht.

„Der alte Grundriss unserer Stadt ist unser oberstes Denkmal“, sagte Fischer. Er wollte den Bürgern ein Stück Identität zurückgeben und setzte sich damit durch. Aber der Stadtkern war in weiten Teilen verloren. So war das Stichwort des Wiederaufbaus „Translokation“. Man ging daran, alles bauhistorisch Wertvolle aus den Trümmern zu bergen und in der Aula Carolina zu lagern. Schnell nutzte man auch den Bauhof Liebigstraße als Sammelplatz. Aus abrissreifen historischen Gebäuden wurden Fassaden hier bewahrt.

Der Elisenbrunnen: 1951 schien ein Wiederaufbau noch unmöglich (Bild oben, Foto: Stadtarchiv Aachen). Einige Jahre später hatte die Rekonstruktion bereits deutliche Fortschritte gemacht.

Wenn nun ein Bauherr bauen wollte, konnte er sich in der Liebigstraße eine alte Fassade aussuchen und verwenden. Einzige Einschränkung: Die Fassade musste irgendwie in den Kontext passen und die ursprüngliche Ausrichtung zur Himmelsrichtung musste einigermaßen stimmen. Jeder Aufbau einer alten Fassade wurde mit 50 000 Mark bezuschusst.

Dreimal Apfelbaum: Das linke Bild zeigt das völlig zerstörte Gebäude mit der Krämerstraße (1) und dem Becken des Hühnerdiebes (2) (Foto Stadtarchiv Aachen/Repro Andreas Schmitter). Lange Jahre bis 1964 existierte nur ein eingeschossiges, improvisiertes Lokal (Foto: Sepp Linckens). Das heutige Gebäude wurde mit einer Fassade verschönert, die die Verantwortlichen nach dem 2. Weltkrieg zwischengelagert hatten.

Ein Beispiel: Das Traditionsgasthaus „Goldener Apfelbaum“ an der Krämerstraße bestand bis 1964 nur aus einem eingeschossigen Wohnhaus mit Flachdach. Man ging nun hin und versetzte die Fassade und andere Teile des baufälligen barocken Schützenhofes der Jakob-straße auf die Reste des „Apfelbaumes“ — und ein Stück Altstadt präsentierte sich dem Betrachter. Alleine am Hühnermarkt gibt es fünf solcher Versetzungen. Und die ganze Kockerellstraße besteht aus örtlich versetzten Fassaden.

Dreimal Apfelbaum: Das linke Bild zeigt das völlig zerstörte Gebäude mit der Krämerstraße (1) und dem Becken des Hühnerdiebes (2) (Foto Stadtarchiv Aachen/Repro Andreas Schmitter). Lange Jahre bis 1964 existierte nur ein eingeschossiges, improvisiertes Lokal (Foto: Sepp Linckens). Das heutige Gebäude wurde mit einer Fassade verschönert, die die Verantwortlichen nach dem 2. Weltkrieg zwischengelagert hatten.

Der Nachfolger des Stadtkonservators Hans Königs, Leo Hugot, setzte diese Tradition des Wiederaufbaus fort. Doch es ging nicht um den Erhalt alter Baugeschichte, und ein Denkmalpflegegesetz gab es nicht. Das Wohngefühl in alten Mauern spielte keine Rolle, moderne Wohnungen waren etwa 2,50 Meter hoch. So wurden alte Fassaden, die einmal zu hohen Räumen mit Stuckdecken gehört hatten, einfach eingekürzt und passend gemacht. Es ging um die Anmutung einer alten Stadt. Hinter den Fassaden sollte modern gewohnt werden.

Dreimal Apfelbaum: Das linke Bild zeigt das völlig zerstörte Gebäude mit der Krämerstraße (1) und dem Becken des Hühnerdiebes (2) (Foto Stadtarchiv Aachen/Repro Andreas Schmitter). Lange Jahre bis 1964 existierte nur ein eingeschossiges, improvisiertes Lokal (Foto: Sepp Linckens). Das heutige Gebäude wurde mit einer Fassade verschönert, die die Verantwortlichen nach dem 2. Weltkrieg zwischengelagert hatten. Foto: Michael Jaspers

Die Fassade Augustinerplatz 2-4 stand früher am Templergraben 79. Wenn man die Rückseite des klassizistischen Gebäudes betrachtet, schaut man auf eine Zweckbau der frühen 1970er Jahre. Viele Gebäude der Altstadt, im Rosviertel, in der Paugasse sind neu und alt zugleich. Leider wurden viele barocke Fassaden, und um die ging es in erster Linie, idealtypisch wiederaufgebaut.

Das Kaufhaus Tietz war einmal: Nur Reste (linke Bildhälfte) künden 1965 vom Abbruch am Markt. Foto: Stadtarchiv Aachen

Fassaden der „Belle Epoque“ und Gründerzeit ab 1875 hatten in der Nachkriegszeit keinen Wert. Sie wurden ignoriert oder zerstört. So wurde die prächtige, den Markt prägende Fassade des Kaufhauses Tietz, die einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis alter Aachener hat, noch 1964 abgerissen. Bis in die späten 1960er Jahre wurde so Wiederaufbau betrieben. Dann änderte sich das Verhältnis zu alter Bausubstanz langsam, und man restaurierte Fassaden da, wo sie ursprünglich standen. Dahinter wurde nach wie vor neu gebaut. Erst ab den 1980er Jahren entwickelte sich langsam ein Gespür für Wohnen in alten Mauern und die Architektur des späten 19. Jahrhunderts. Bis vor etwa 40 Jahren galt es als oft als Makel, in alten Häusern und altem Ambiente zu wohnen. Heute wird eine ursprüngliche Altbauwohnung im Frankenberger Viertel bewundert und bewahrt.

Nachdem sich die Auffassung zu Denkmalschutz und Wiederaufbau verändert hatte, lagen immer noch tausende alte Bauteile im Bauhof Liebigstraße. Ein Steinmetz kaufte das alles und hoffte auf gute Geschäfte. Als diese ausblieben, baute er aus alten Versatzstücken eine lange Mauer in Sief. Vielleicht die letzte Versetzung in Aachens Baugeschichte.