Die Rathausstraße in Aachen-Laurensberg und Napoleon

Aachens Straßen (Teil 4) : Die Straße mit den zwei Rathäusern

Sie hat etwas Napoleonisches, diese Rathausstraße. So schnurgerade, wie sie den Hügel in Laurensberg hinaufführt (und nur mit leichter Verschwenkung darüber hinaus nach Vetschau), könnte sie durchaus von dem Franzosenkaiser stammen.

Der hatte in der Blütezeit seiner Herrschaft weite Teile Kontinentaleuropas beherrscht und massenhaft wie mit dem Lineal gezogene Heerstraßen anlegen lassen.

Und war 1792 ja auch in Aachen eingerückt, das – mit einer kurzen Unterbrechung – bis 1814 französisch war. Bonaparte war gerne in Aix-la-Chapelle und ließ den Badeort ausbauen sowie seinen Sohn hier taufen, doch die Rathausstraße hat der Diktator nun einmal nicht anlegen lassen. Dietmar Kottmann, Vorsitzender der Laurensberger Heimatfreunde: „Die Reichsstadt Aachen veranlasste um 1780 den Bau einer Kunststraße, der heutigen Rathausstraße, für die an Haus Barrier Wegegeld erhoben wurde.“

Die andere nennenswerte Straße dieser Zeit, von der die Rathausstraße abzweigt, war der frühere Pontsteinweg, die heutige Roermonder Straße. Sie war ein Projekt des Abtes von Rolduc, um im 18. Jahrhundert den Kohleabsatz in das Valkenburgische und nach Maastricht zu fördern. Die Rathausstraße bestand also schon, als Napoleon Aachen in sein Herz schloss.

Bis in die 1940er Jahre hielt sich jedoch im Volksmund die Bezeichnung Napoleonsberg für das obere Stück der Rathausstraße, vermutlich wegen des sehr festen (und unter Franzosenägide erfolgten) vertieften Ausbaus der Steilstrecke, urteilte der langjährige Laurensberger Bezirksstellenleiter und spätere Heimatforscher Klaus Schmalen 1985 in einer Betrachtung über die Rathausstraße.

Auf diesem Luftbild aus dem Jahre 1957 ist der Verlauf der Rathausstraße noch gut zu erkennen. Im unteren Bereich befinden sich die Hallen der Spinnerei und Färberei Wienands, Casteel und Giesen, heute befindet sich dort das Wohn- und Gewerbeviertel Wildbacher Mühle. Foto: Nachlass Klaus Schmalen

Auch deren Fortsetzung als Orsbacher Straße wurde im Volksmund lange Napoleonstraße genannt: „Es kann keinen Zweifel geben, dass die Straße in den letzten beiden Jahrzehnten vor der französischen Herrschaft angelegt wurde“, erkannte Schmalen nach langem Quellenstudium: „Sie diente als Ersatz für die alte, verkommene ‚Via Regia’ über Melaten und Lemiers und sollte auch den überregionalen Verkehr von dem zu Aachen in starker Konkurrenz stehenden, industriell aufblühenden Vaals ablenken.“

Übrigens: Erfolgreich in Vaals war der aus Aachen ausgewanderte Textilfabrikant Johann Arnold von Clermont, der unter anderem den russischen Zar Peter den Großen mit Soldatentuch belieferte und – man ahnt es schon – Napoleon.

Die ländlich geprägte Gegend war nämlich schon sehr früh besiedelt, auf Laurensberger Grund und Boden sind Spuren mehrerer römischer Herrensitze gefunden worden, auf dem Kirchberg muss sich ein römisches Heiligtum befunden haben und im Mittelalter zogen auf der Via Regia nicht nur Könige zur Krönung nach Aachen, sondern verband diese wichtige Verkehrsachse bis in die Neuzeit den Rhein mit der Maas und der Nordsee.

Napoleon als Namensgeber für die Rathausstraße sei wahrscheinlich erst Generationen später, so Schmalen weiter, „aus Verkennung der Zusammenhänge und Huldigung an die Selbständigkeit der Gemeinde Laurensberg“ ins Benennungsspiel gebracht worden.

Nun muss man sich die „Marie de Laurensberg“ Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht als eine geschlossene Ortschaft vorstellen, eher als Ansammlung von Dutzenden von Höfen, Weilern und Quartieren von der Soers über Seffent und Vetschau bis zum Berger und Vaelser Quartier mit insgesamt rund 1700 Einwohnern. Gut Barrier auf der Höhe bildete die Zollstelle, auf dem Pflaster aus Katzenköpfen sollten die Pferde Halt finden.

Die Bergstrecke hinauf zum Rand des Talkessels teilte auch den schon in früherer Zeit entstandenen Siedlungskern, zu dem auch Landarbeiterhäuschen „Auf der Maar“ gehörten. Durchschnitten wurde ebenfalls von der Straßentrasse der Park von Gut Weyenberg, das über Jahrzehnte als Amtssitz des Bürgermeisters diente. Nach und nach wurde die Rathausstraße als Hauptstrang des noch sehr lockeren Ortskerns (später zu Preußen gehörend) dichter bebaut.

Im Dritten Reich, 1935, wurde die Rathausstraße in Adolf-Hitler-Straße umbenannt, erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg aber ihren alten Namen zurück. Denn nicht nur das 1964 abgerissene Gut Weyenberg war an ihr beheimatet, sondern auch das 1909 errichtete neubarocke Rathaus – unterhalb des ein Jahr später, nämlich 1910, angeschütteten Bahndamms der Strecke Aachen-Mönchengladbach, heute noch Sitz der Bezirksverwaltung. Nach und nach verlagerte sich die Bebauung in den unteren Bereich der Straße, wo auch Gewerbebetriebe wie eine Spinnerei und Färberei und Chemische Werke angesiedelt waren. In den 1950er-Jahren wurde unterhalb der Ackerstraße der – inzwischen wieder teilweise aufgegebene – Sportplatz angelegt; die Einwohnerzahl war inzwischen auf etwa 6500 angestiegen.

Die seit jeher auf Eigenständigkeit bedachten Laurensberger waren auch nicht besonders erfreut über die kommunale Neugliederung von 1972, immerhin handelte es sich um die größte (30 Quadratkilometer) Flächengemeinde Nordrhein-Westfalens mit seinerzeit 10.700 Einwohnern, auf deren Gelände seitdem alle wesentlichen städtebaulichen Erweiterungen Aachens, etwa der TH, des Uniklinikums, der Sportpark Soers oder die Campus-Projekte, Platz gefunden haben. Die Laurensberger, die sich wie auch andere der sieben Randgemeinden gegen die Einverleibung aussprachen, befürchteten nicht zu Unrecht, dass die von der Stadt gemachten Zugeständnisse wie der Bau eines Kulturzentrums (Sandhäuschen) im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten oder nur unvollkommen umgesetzt würden.

Immerhin konnte in den Verhandlungen erreicht werden, dass die Rathausstraße ihren Namen behalten durfte. Und wie an vielen Stellen Laurensbergs wurden auch an der nur gut einen Kilometer langen Rathausstraße immer mehr Wohngebiete aus dem Boden gestampft, etwa in den 80er Jahren an der Wildbacher Mühle. Vorbei waren da allerdings die Zeiten, in denen die früher vollständig von Rotdorn gesäumte Allee als blumengeschmückter Prozessionsweg an Fronleichnam diente, mit immerhin drei Altar-Stationen auf der Rathausstraße.

Rund 22.000 Einwohner hat der Stadtbezirk Laurensberg deshalb inzwischen nach den letzten statistischen Erhebungen, damit ist er der größte der 1972 einverleibten Gemeinden. Zu einem historisch gewachsenen, urbanen Zentrum hat es allerdings nicht gereicht.

Auch die Geschäfte und Hochhäuser gegenüber der Einmündung der Rathausstraße, ab etwa 1970 hochgezogen, haben den Vorortcharakter von Laurensberg kaum kaschieren können. Den hatte es – allerdings und immerhin – schon zu karolingischer Zeit, als Karl der Große Aachen zur Lieblingspfalz erkor und sich königliche Ministeriale im Umland ansiedelten. Und als Adresse zählt Laurensberg auch 1200 Jahre später noch zu den besseren in Aachen.