Die Perspektiven des Aachener Traditionsklubs

Interview mit Alemannia-Präsident Martin Fröhlich: „Wir wollen endlich einmal die guten Spieler am Tivoli halten“

Seit gut einem Jahr ist Dr. Martin Fröhlich Präsident von Alemannia Aachen. Ein Job, der alles andere als vergnügungssteuerpflichtig ist. Nachdem das vorherige Präsidium im Rahmen der zweiten Insolvenz zurückgetreten war, grenzte es an ein kleines Wunder, dass sich überhaupt eine Nachfolgemannschaft fand.

An der Spitze steht in Martin Fröhlich ein Aachener, Pius-Schüler, Jurist, Wirtschaftsanwalt und von klein an Alemannia-Fan. Überraschenderweise bereitet ihm sein Amt auch heute noch mehr Freude als Verdruss. Die Gründe, eine Bestandsaufnahme und Ziele formuliert er vor dem Spiel am Samstag gegen Borussia Dortmund II (15.30 Uhr) – er hofft auf einen 2:1-Sieg seiner Alemannen – im Interview mit unserem Redakteur Hans-Peter Leisten.

Nach gut einem Jahr als Präsident: Wo liegt Ihr Gefühlsschwerpunkt? Bei Freude oder Frust?

Fröhlich: Fest steht zunächst einmal, dass mein Fußballkonsum außer der Alemannia massiv zurückgegangen ist. Sonst bekommt man Beruf, Familie und ein Engagement bei Alemannia Aachen nicht unter einen Hut. Aber nach einem Jahr kann ich sagen, dass die Freude das Leid doch überwiegt. Sonst könnte man so etwas als Ehrenamtler auch gar nicht bewältigen. Aber es macht sehr viel Freude zu sehen, welche Bedeutung Alemannia Aachen in dieser Region noch hat.

Können Sie sich noch erinnern, was Sie zur Amtsübernahme motiviert hat?

Fröhlich: Die Liebe zum Verein. Ich war auch in der Phase der zweiten Insolvenz davon überzeugt, dass er eine wichtige Rolle für die Region spielt und dass dieses Kapitel so nicht zu Ende gehen dürfte. Ich bin dann ins Notpräsidium gegangen und es hat sich eine kompetente Mannschaft gefunden, die von einem gemeinsamen Konzept überzeugt war.

Dass sich überhaupt noch jemand  fürs Präsidium gefunden hat?

Fröhlich: Ehrlicherweise muss man festhalten, dass sich vor der Geschäftsstelle keine Schlange von möglichen Verantwortungsträgern gebildet hat. . . Aber es gab und gibt viele engagierte Menschen in der zweiten und dritten Reihe, ohne die dies nicht geklappt hätte. Die ganzen Ehrenamtler, das Team Tivoli, Leute wie Manfred Werner und Horst Mohr und viele andere. Oder nehmen Sie als Beispiel Alois Poquett, der über Via Integration den Klömpchensklub betreibt. Er sorgt für Vereinsgeist im klassischen Sinn. Und unser zusammengestelltes Team in Präsidium und Aufsichts- und Verwaltungsrat funktioniert.

Wo lag die drängendste Aufgabe?

Fröhlich: Natürlich in einer möglichst schnellen Beendigung der Insolvenz, für die es ja viele Gründe gab. Auch Insolvenzverwalter Dr. Christoph Niering hatte ein großes eigenes Interesse, seine Arbeit am Tivoli abzuschließen. Dass die Zeit drängte, wurde auch in Sponsorengesprächen klar, denn wir hörten oft: Kommt erst mal aus der Insolvenz raus…

Was ja nun geschafft ist.

Fröhlich: Und das war ein enormes Stück Arbeit. Wir mussten Herrn Niering zunächst die Wirtschaftsgüter von Alemannia abkaufen und in eine neue Gesellschaft überführen. Dazu waren mit erheblichem Aufwand sehr viele Abstimmungsgespräche mit dem DFB und dem Westdeutschen Fußballverband nötig. Und das mussten wir als Ehrenamtler und Newcomer stemmen. Ohne das enorme Fachwissen unseres Aufsichtsrates Dirk Kall, das er in Düsseldorf und Chemnitz erworben hat, hätten wir das nicht geschafft. Da war es auch kein Fehler, dass Carsten Laschet, Johannes Delheid und ich Wirtschaftsanwälte sind.

In ungewohnter Rolle: Dr. Martin Fröhlich, Präsident von Alemannia Aachen, sitzt symbolisch auf der Spielerbank, auf der er die besten Kicker auch über die Saison hinaus sehen will. Foto: Andreas Steindl

Was antworten Sie Leuten, die sagen: Die Klubführung macht doch gar nichts?

Fröhlich: Die hätten diesen Brocken erstmal stemmen sollen. Die Insolvenz war bis in den Sommer das überragende Thema, die entscheidende Weichenstellung. Sicher im Grundsatz eine viel wichtigere Sache als die Verpflichtung eines Stürmers. Wir sind aber auch nicht mit jedem halbgaren Zwischenergebnis an die Öffentlichkeit gegangen.

Wieso finden die regionalen Unternehmen jetzt nicht zur Alemannia?

Fröhlich: Eine gute Frage. Viele haben natürlich in der Vergangenheit Negativerfahrungen gemacht.  Viele Sponsoren konzentrieren sich zudem auf die Großevents. Ohne Unterstützung der Wirtschaft kommen wir aber aus der Regionalliga nie mehr heraus. Im Moment sieht es nicht nach dem einen großen Sponsoring-Wurf aus. Wir haben nicht die fünf Unternehmer, die alle eine Million Euro auf den Tisch legen. Wir haben an sehr vielen Türen angeklopft und müssen jeden noch so kleinen Baustein nutzen. So hat uns zum Beispiel eine Gruppe um Tim Hammer bei der Verpflichtung von Dimitry Imbongo entscheidend geholfen. Wir sind jedem Sponsor und Förderer, der seinen Beitrag leistet, sehr dankbar.

Wo setzen Sie denn wirtschaftlich Ihre Prioritäten?

Fröhlich: Da sind wir wieder beim Thema Vertrauen in Alemannia. Es ist enorm wichtig, dass wir finanziell solide abschließen. Wir wollen unbedingt bei einer schwarzen Null landen und auch kein strukturelles Defizit vor uns herschieben.

Hat das Freundschaftsspiel gegen Borussia Dortmund dabei geholfen?

Fröhlich: Das Spiel durfte man nicht überbewerten. Sicher ein schönes Erlebnis. Mir ist lieber, wenn gegen Viktoria Köln am 16. November in der Meisterschaft 15000 Zuschauer kommen.

Was geht in Ihnen vor bei einem glücklichen 2:2 gegen Marienborn?

Fröhlich: Als das 0:2 fiel, war ich innerlich extrem angespannt. Der schlechte sportliche Start in diesem Jahr bedeutete natürlich eine enorm belastende Phase. Wir waren aber immer überzeugt vom sportlichen Team und haben Ruhe bewahrt.

Welchen Schritt kann Alemannia  denn 2018/19 tun?

Fröhlich: Wir wollen sportlich eine gute Rolle spielen und wirtschaftliche auf soliden Füßen stehen.

Geht es eine Spur konkreter?

Fröhlich: Gerne: Wir haben unser Ziel erreicht, wenn wir den Etat für die 1. Mannschaft wie auch in dieser Saison erhöhen können und vor allem unsere Leistungsträger über die Saison hinaus an Alemannia binden können. Wir wollen den Kern der Mannschaft zusammenhalten und gezielt verstärken.

Hat sich Ihr Verhältnis zur Alemannia in der Zeit, in der Sie als als Hauptfunktionsträger agieren, geändert?

Fröhlich: Eher zum Fußball allgemein. Der Fußball-Romantiker ist völlig aus mir raus. Die Freude am Fußball und vor allem an der Alemannia ist aber immer noch ungebrochen. Aber: Jeder Spieltag ist Arbeitszeit, jedes Tor hat strategische Bedeutung. Und immer wieder erwischt man sich bei der Überlegung: Ereignis A hat für den Verein die Folge B. Aber ehrlich: Wenn in der 86. Minute das 1:0 fällt, dann bricht auch bei mir grenzenlose Begeisterung durch.

Hört sich so an, als würden Sie immer Fan bleiben?

Fröhlich: Ich habe eigentlich keine andere Chance. Mein Vater ist durch und durch Alemanne und hat mich früh mitgenommen. Als kleiner Junge habe ich die ersten Spiele gesehen. Erinnern kann ich mich, als Grundschüler ein 2:0 gegen Rot Weiss Essen gesehen zu haben. Die Torschützen hießen Dirk Lehmann und Frank Schlutter. Zudem hat mich die Zeit unter Werner Fuchs sehr geprägt. Im Studium und Beruf habe ich unter anderem in Sevilla und München gewohnt, bin aber immer, wenn es möglich war, zu den Alemannia-Spielen gekommen.

Eine Frage zu den Fans: Wie politisch dürfen Fan-Parolen sein? Jüngst sah man große Spruchbänder „Ganz Aachen hasst die Polizei“. Darf ein Verein so etwas tolerieren?

Fröhlich: Aus ganz persönlicher Sicht: Nein. Ich bin unserer Polizei äußerst dankbar für ihren Einsatz für unseren Rechtstaat an vielen Stellen. Wir wollen auch im Stadion keine Meinung beschneiden. Aber der Satz ist schlicht falsch und überzogen. Ich würde mich mal über Banner für Offenheit und kulturelle Vielfalt freuen. Die Alemannia praktiziert diese Werte  täglich in allen Bereichen des Breitensports und der Jugendarbeit.

Wie beurteilen Sie Ihr Ansehen bei der Aachener Politik?

Fröhlich: Begeisterung schlägt uns nicht entgegen. Aber auch hier ist in der Vergangenheit viel falsch gelaufen. Wir sind der Politik dankbar dafür, dass sie uns in der eingangs beschriebenen Umstrukturierung geholfen und den Stadionmietvertrag problemlos auf die neue Gesellschaft mit übertragen hat. Hier gilt wie bei den Sponsoren: Wir müssen uns das Vertrauen wieder erarbeiten. Aber ich denke schon, dass unser Einsatz für Alemannia in der Politik wahrgenommen wird. Wir Funktionsträger haben zum Oberbürgermeister und anderen Verantwortlichen der Stadt teils seit vielen Jahren gute persönliche Beziehungen. Das ist eine Basis. Nebenbei eine kleine Bemerkung erlaubt: Der Ministerpräsident dieses Landes und der Oberbürgermeister dieser Stadt sind Alemannia-Mitglieder!

Wie bringen Sie Alemannia und Privatleben heute unter einen Hut?

Fröhlich: Meine künftige Frau ist auch fußballinteressiert. Sie kommt aus Köln und ist trotzdem mittlerweile Alemannia-Fan. Inzwischen joggt sie auch im Alemannia-Trikot durch den Kölner Stadtwald. Wenn wir am 24. November heiraten, heiratet sie auch ein Stück Alemannia. (Lachend) Aber das wusste sie von Anfang an.

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