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Aachen: Die mörderische Frage lautet: Was ist Fiktion?

Aachen : Die mörderische Frage lautet: Was ist Fiktion?

Was wäre, wenn Romane keine erfundenen Geschichten, sondern durchweg Tatsachenberichte wären? Bei Krimis müssten dann auch die Mörder Tatsache sein. „Was unerbittlich nach der Frage ruft: Wer sind diese Mörder?“

Diese Frage treibt Fürchtegott Hofer um, der nach einer vorzeitig beendeten Buchhalterkarriere das Berufsfeld des Detektivs für sich entdeckt. Er ist einer der beiden Protagonisten des Stücks „Abendstunde im Spätherbst“ von Friedrich Dürrenmatt, das am morgigen Mittwoch seine Premiere im Aachener Grenzlandtheater feiert.

Anders als „Die Physiker“ oder „Der Besuch der alten Dame“ ist diese „utopische Komödie“ — so der Untertitel — von Dürrenmatt heute eher unbekannt. Als Hörspiel 1957 geschrieben, wurde das Werk 1988 auch fürs deutsche Fernsehen verfilmt.

Uwe Brandt, Intendant des Grenzlandtheaters, hat es jetzt bewusst wieder hervorgekramt: „Durch die dialogische Anlage und die Konzentration auf einen Raum ist es ein intensives Kammerspiel. Die Zuschauer müssen einiges aushalten“, verspricht er Spannung und überraschende Wendungen. „Auch ist es ein Genuss, die vermeintlich angestaubte Sprache zu hören.“

Regisseur Udo Schürmer gönnt dem knapp 70-minütigen Dialog zwischen Buchhalter und Detektiv Hofer (Michael Gerlinger) und dem Krimiautor und Nobelpreisträger Maximilian Friedrich Korbes (Frank Büssing) eine kurze Rahmenhandlung: In einem Tonstudio entsteht ein Hörbuch.

Der Autor beschreibt die Szenerie, bevor Hofer den Raum betritt. „Wir sind heute viel mehr gewohnt, als Dürrenmatt zu seiner Zeit den Zuhörern zumuten konnte“, begründet Schürmer diesen dramaturgischen Griff. So werde die Frage, was ist Fantasie und was Wirklichkeit, zusätzlich angeheizt. „Der Zuschauer ist durchaus gefordert, und im Anschluss darf gerne diskutiert werden.“

Das Bühnenbild von Steven Koop bietet entsprechend viel Raum für Projektion und Fantasie: Tisch und zwei Stühle vor einer Nussbaum-Vertäfelung, ein Mikro hängt von der Decke. Die frühen 1960er Jahre lassen grüßen, doch die Bühne suggeriert kein Versetzen in eben diese Zeit, sondern eher eine Draufsicht aus der Gegenwart.

Dass es mörderisch ausgeht, ist indes klar: Hofer will zwar den Autoren als Mörder entlarven, hat sich aber in seinem Aufklärungswahn keine Exit-Strategie ausgedacht. „Was darf Kunst und was erwartet das Publikum von Künstlern?“, stellt Schürmer die ihn leitende Frage heraus. Könne das weit verbreitete Bild eines Künstlers nicht häufig mehr eine Wunschvorstellung sein, die Ausschweifungen und Skandale nicht nur verzeihe, sondern geradezu erwarte? „Vielleicht ist Brad Pitt zu Hause total spießig.“