Aachen: Die „Mission Herzrasen“ ist 42,195 Kilometer lang

Aachen : Die „Mission Herzrasen“ ist 42,195 Kilometer lang

Marco Buchholz ist an diesem Wintertag wie so oft mit seinem Hund Emma im Wald unterwegs. Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen. Was dabei herauskommt, ist zunächst nur eine Idee. Eine Idee zu einer Hilfsaktion der besonderen Art. Klar, so etwas hat der 27-Jährige schonmal gemacht — aber in kleinem Rahmen.

2017 ist er einen Halbmarathon gelaufen. Wer wollte, konnte je gelaufenem Kilometer eine Summe X spenden. Immerhin: Über 400 Euro kamen zusammen. Die hat Marco Buchholz an den Verein „Herzkrankes Kind“ überwiesen. Doch nun keimt in ihm der Gedanke, ob es im Sinne der schwerkranken Kinder und ihrer Angehörigen nicht auch eine Nummer größer geht.

Der Ehrenamtler: Marco Buchholz engagiert sich im Verein Herzkrankes Kind. Dort hat er eine Eltern-Kind-Gruppe ins Leben gerufen. Im Job ist er Kinderkrankenpfleger am RWTH-Uniklinikum. Foto: Andreas Steindl

Während Hund Emma neben ihm hertrottet, nimmt er sich vor, den Berlin-Marathon zu laufen. Und „seine“ herzkranken Kinder, die niemals selber einen Marathon werden laufen können, sollen trotzdem mitlaufen. Als Namen auf seinem Trikot. „Seine“ deswegen, weil Marco Buchholz Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger in der Kinderkardiologie des Uniklinikums in Aachen ist.

Und läuft und läuft und läuft: Marco Buchholz trainiert hart — und viele drücken ihm die Daumen, dass er es schafft. Foto: Michael Jaspers

Und so nimmt eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Geschichte im Wortsinn ihren Lauf. Man muss wissen: Marco Buchholz ist noch nie einen Marathon gelaufen. Laufen hat er immer schon gemocht, aber intensiviert hat er das erst vor ein paar Monaten. Im Angesicht seiner besonderen Idee gibt er sogar auf, was ihn sportlich bisher in erster Linie begeistert hat: Fußball. Denn Marco Buchholz ist bis zu diesem Zeitpunkt Spieler und Jugendtrainer bei Glück-Auf Ofden in Alsdorf. Damit schließt er nun ab. Und läuft. Und läuft. Und läuft — unter anderem im April einen Halbmarathon in Bonn und den in seiner persönlichen Bestzeit von einer Stunde, 29 Minuten und 15 Sekunden. Für ihn der Durchbruch einer Schallmauer, wie er erzählt.

Aber beim Marathon ist er damit noch lange nicht. Auch formal gesehen. Denn für den Berlin-Marathon muss man sich bewerben — was außer Marco Buchholz noch rund 100.000 andere Sportler tun. Aber nur rund 40.000 Läufer bei insgesamt 60.000 Teilnehmern werden zugelassen. Das Los entscheidet. Und das Los ist auf seiner Seite. Er hat die Startberechtigung. Jetzt kann er sich konkreter über sein Hilfsprojekt Gedanken machen. Wobei die nächsten Schritte auf eine sympathisch-bescheidene Art ablaufen.

Marco Buchholz verfasst ein Anschreiben, das er an einen überschaubaren Verteiler sendet. Er erklärt sein Projekt mit der Überschrift „Ihr Kind läuft 2018 einen Marathon“. Es ist kein stylischer Werbeflyer, es ist ein schlichter Brief. Mit ihm will er Eltern herzkranker Kinder erreichen. Für den kleinen Obulus von fünf Euro wird der Name des Kindes auf dem Shirt abgedruckt, das Buchholz in Berlin tragen wird. Rückmeldungen bekommt der Krankenpfleger, der in Eschweiler geboren wurde und dort auch lebt, aber nun nicht nur von Eltern kranker Kinder. Sondern auch von solchen, die gesunde Kinder haben. Und zwar reichlich. Also denkt der Marathon-Mann in spe um und nimmt auch diese Kinder mit nach Berlin. Mittlerweile sind es schon mehr als 60 Namen.

Verein „Herzkrankes Kind“

Marco Buchholz denkt nun — immer noch in bescheidenem Rahmen — weiter. Er spricht Selbstständige an. Erst solche, die er kennt. Ein Finanzdienstleister macht mit. Ebenso sein Kumpel Oliver Königs, der Physiotherapeut ist und ihn auch in Sachen Trainingsplan und Ernährung berät. Deren kleine Logos pappen nun auch auf dem Trikot. Keine Großsponsoren, aber immerhin. Nun muss die Sache aber auch organisatorisch auf andere Füße gestellt werden.

Firmensponsoren brauchen Spendenquittungen. Die kann der Verein „Herzkrankes Kind“ ausstellen, bei dem Marco Buchholz seit 2016 selbst aktiv ist und wo er sich ehrenamtlich mittlerweile auch im Vorstand engagiert. Eine Facebook-Seite soll zudem für eine breitere Außenwirkung sorgen. Doch dazu braucht die Benefiz-Idee noch einen Namen. Nach langem Überlegen entscheidet sich Buchholz, der zwischenzeitlich auch schon mal einen Benefizlauf mit dem Gymnasium Alsdorf gestartet hat, für: „Mission Herzrasen“. Das Logo entwirft der Laie am heimischen Computer. „Das hat mit meinem Textverarbeitungsprogramm Stunden gedauert“, lacht er.

Er lässt auch Aufkleber fürs Auto mit diesem Titel drucken. Für zwei Euro bekommt man einen. Doch manchem ist dieser Aufkleber mehr wert: „In einem Fall hat jemand für den Aufkleber 20 Euro gegeben“, sagt Buchholz und fügt an: „Da habe ich wirklich eine Gänsehaut bekommen.“ Die Facebook-Seite wird in kurzer Zeit mehr und mehr „geliked“. Für Marco Buchholz eine ungewohnte Situation: „Ich möchte hier keineswegs im Mittelpunkt stehen, das ist auch gar nicht meine Art“, sagt er. Und das nimmt man dem sympathischen jungen Familienvater sofort ab. Aber auch da muss er durch. Denn er weiß, dass der Erfolg dieser Aktion sehr wohl mit seinem Gesicht und seiner Person verbunden ist.

Zwischenzeitlich hat er schon „Einnahmen“ von rund 800 Euro zusammen. Ein großer Erfolg, mit dem Buchholz anfangs gar nicht gerechnet hat. Klingt wenig? Von wegen. „Das ist für die Arbeit des Vereins viel Geld, damit kann man zum Beispiel Reittherapiestunden für die Kinder finanzieren“, weiß der Ehrenamtler, wie wichtig jeder einzelne Euro ist.

Intensives Marathon-Training

Nun muss sich aber auch der Sportler Marco Buchholz um den Erfolg seiner Mission kümmern. Denn schließlich will er — gemeinsam mit den Kindern auf seinem Trikot, die ihm bildlich wie wörtlich am Herzen liegen — in Berlin die Ziellinie sehen. Also absolviert er seine Trainingseinheiten. Und wird von einer Erkrankung gleich einmal zwei Wochen zurückgeworfen. Zum Glück aber ist noch Zeit. Das 13 Wochen lange intensive Marathon-Training beginnt bald, bevor er dann am 16. September die Straßen Berlins unter die Sohlen nimmt. Es wird hart. Er weiß das. Bis zu 70 Wochenkilometer stehen jetzt auf dem Plan. „Meine Familie wird mich nicht so oft sehen. Deswegen bin ich dankbar, dass sie voll hinter der Sache steht“, sagt der Sportler.

Das gilt im Übrigen nicht nur für seine Familie: „In der Klinik habe ich die volle Rückendeckung“, lobt der Krankenpfleger seine Arbeitgeber und alle Kollegen. In der Tat: „Sein Engagement ist großartig“, spart etwa Professor Dr. Gunter Kerst auf Anfrage unserer Zeitung ebenfalls nicht mit Lob für den 27-Jährigen. Kerst ist seit knapp zwei Jahren Direktor der Klinik für Kinderkardiologie. Mit ihm wurde eine zehnjährige Vakanz dieses Postens beendet. Seither erlebt die Klinik eine wahre Renaissance und einen starken Patientenzulauf. So etwas hat natürlich auch mit Personen zu tun. Etwa in Person des renommierten Arztes Kerst. Aber eben auch mit Menschen wie Marco Buchholz. „Er macht einen prima Job“, sagt Kerst. Und das zusätzliche freiwillige Engagement beim Verein Herzkrankes Kind sei nicht minder wichtig. Sonnenklar ist für den Klinikdirektor: „Wir hier in der Klinik drücken ihm alle für Berlin die Daumen.“

Auch aus dem Vorstand des Vereins kommt breites Lob. Thomas Titz: „Beachtlich finde ich, dass er sich dabei eine richtige Herausforderung ausgesucht hat, weil er bis dato ja noch nie einen Marathon gelaufen ist.“ Jörg Däsler: „Die angenehme, produktive und enge Zusammenarbeit mit Marco macht unsere Teamarbeit noch erfolgreicher.“ Marlies Esser: „Mission Herzrasen ist ein tolles Projekt und einzigartig in unserer Region. Marcos ungebrochener Enthusiasmus und seine freundliche Art sind einfach ansteckend.“

Daumen drücken werden noch viele Menschen mehr — vor allem jene, deren Namen er durch Berlin trägt und die im Kampf gegen ihre Krankheit viel größere Sieger sind, als es ein Sportler je sein könnte. Für sie will auch Marco Buchholz durchhalten. Und er sagt mit einer großen Portion Optimismus: „Wir werden es schaffen — die Kinder und ich.“