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Aachen: Die große Zeit der Femina-Bar: Treffpunkt für die Stars der Nachkriegszeit

Aachen : Die große Zeit der Femina-Bar: Treffpunkt für die Stars der Nachkriegszeit

Wegen einer Blessur an der Hand sucht die alte Dame den Orthopäden Christoph Eichhorn auf. In der Praxis in der ersten Etage über der Elisengalerie blickt sie sich aufmerksam um. „Da bin ich nach so vielen Jahren noch einmal in meiner alten Heimat“, lacht die alte Dame. Wie, alte Heimat, staunt der Doktor. „Hier war die Femina-Bar“, sagt die alte Dame, „und ich war viele Jahre lang die Geschäftsführerin.“

„Femina“ ist das Stichwort, das den Christoph Eichhorn elektrisiert. Klar weiß er, dass sein Praxiszentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie in den Räumen der ehemaligen Vergnügungsstätte liegt. Drei Bildchen im Wartezimmer erzählen den Patienten spärlich von den alten Zeiten, als die Galerie noch Nuellens-Passage hieß und sich über VW-Fleischhauer im Parterre die „femina“-Leuchtschrift lang über die Fassade zog.

Der Friedrich-Wilhelm-Platz Anfang der 1970er Jahre. In dem Haus auf der rechten Seite war die femina-Bar. Foto: Hein Call

Nur drei kleine Fotos, nichts Handfestes über die „Femina“. Da führt der Zufall dem stadtgeschichtlich interessierten Arzt die alte Dame ins Haus. Die ein dickes Album bringt und dem Herrn Doktor Fotos aus ihrem reichen Fundus überlässt. Bald darauf ziert die „Femina“-Wand das Praxiszentrum.

Schwelgen in Erinnerungen: Marion Beltrami und Dr. Christoph Eichhorn vor der Wand mit Bildern aus der alten „Femina“ (kleines Foto aus dem Archiv von Paul Naefe). Die befand sich einst in den Räumen der heutigen Arztpraxis am Elisenbrunnen. Foto/Repro: Heike Lachmann.

Die Wand: drei mal zwei Meter rubinrote Tapete, oben links weiß der „femina“-Name, in der Mitte signierte Autogrammkarten von einstigen Show-Größen, Bilder von der Bühne, stilisiert eine Nierentisch-Ecke in Magenta und die Speisekarte „Rußland bittet zu Tisch“ eines Anton Andrijs, Gastkoch aus Odessa im „Heidekrug“ der Bar. „Eine lustige Sammlung zum Stöbern in alten Erinnerungen“, freut sich Christoph Eichhorn.

„Metropole des Nachtlebens“

Die Patienten mögen die Wand. Die Wand informiert: „Wussten Sie eigentlich, dass unsere Praxis einmal die angesagteste Party-Location in Aachen war?“ Genau hier habe sich so ab 1952 bis in die erste Hälfte der 70er Jahre die „Femina-Bar“ befunden. „Zahlreiche Künstler und Persönlichkeiten traten hier auf und waren begeistert von der Atmosphäre und dem Aachener Publikum. Darunter Marika Rökk, Vico Torriani, Chris Howland, Josephine Baker, Roberto Blanco, Lale Andersen, Zarah Leander, Trude Herr, Heinz Erhardt. Internationale Kapellen und Tanzgruppen, die Gastronomie und die Freude am Tanz führten dazu, dass die „Femina-Bar“ zur Metropole des Aachener Nachtlebens wurde.“

Die Älteren und Alten stehen vor der Wand und erzählen: „Hier haben wir früher das Tanzbein geschwungen.“ Vor der Bilder-Galerie steht auch die alte Dame, die einst die Geschäftsführerin war. Sie heißt Marion Beltrami, mit Betonung auf dem a, und ist 86 Jahre alt. 1956, mit 25 Jahren, kam sie aus Berlin nach Aachen. „Mein Vater sachte, weeste wat, Kleene, jeh nach Westdeutschland in die Jastronomie, da kannste Jeld vadien‘n, jeh in die Jrenzstadt Aachen, da is wat los.“

Marion Beltrami kramt aus dem „Femina“-Album ihren ersten Vertrag: Start in den „Ahoi-Stuben“ an der Bar, Dienst von 20 Uhr bis vier Uhr morgens, 400 Mark garantiert. „Aber die Umsätze waren enorm, wir bekamen immer mehr.“ Die „kesse Jöhre mit Berliner Schnauze“ stieg schnell zur Geschäftsführerin auf. „Hör uff, ick hab allet jerejelt. Wenn eener rausflog, schwupp, war der die Treppe runter.“

Frau Beltrami blättert Seite um Seite im Album mit den Fotos und Zeitungsausschnitten: „Hier, alte Programme. Da, Heinz Erhardt, der schreibt: Was Aachen ohne Printen, wäre die Femina ohne Marion. Die Marika Rökk, 1963, die konnte sich stundenlang über Gulasch unterhalten. Der Kalanag, der größte Zauberer, den es gab. Willi Hagara. Gus Backus. Die Trude Herr, die war einmalig. Angèle Durand und Lou an Burg. Bernd Spier. Wolfgang Sauer.

Stürmischer Beifall für Josephine Baker, schreiben die Zeitungen, November 1957. Da, Chris Howland, für die beste Bardame von Aachen, signierte der. Hier, ein Artikel, Femina, die Hochburg des Aachener Karnevals. Kick, ja, die vielen Artisten, weltbekannte Leute, die kamen oft vom Zirkus Althoff, der hatte doch in Stolberg sein Winterquartier, bei uns traten die Artisten dann auf. Internationale Tanzkapellen. Nee, sowat wie unsere Femina jab et vielleicht noch in Köln im Kaiserhof, sonst nicht.“

„Es waren schöne Zeiten“, klappt Marion Beltrami das Album zu. Ihre Femina-Zeit endete 1967, Corrado Beltrami aus Mantua, Musiker in der italienischen Band „Latini“, hatte ihr Herz erobert, Heirat, ein Töchterchen kam zur Welt. Später machte sie eine Chemische Reinigung am Elsassplatz auf, verkaufte die wieder und wurde für 27 Jahre Hausdame im Hotel „Aquisgrana“. Am Elsassplatz, direkt am Kennedypark, wohnt sie.

Stadtarchiv zeigt Interesse

Für die „Femina“-Wand in der Praxis Eichhorn und die Geschichten von Marion Beltrami interessiert sich inzwischen auch das Stadtarchiv. Leiter René Rohrkamp, so Christoph Eichhorn, überlege, „wie die Wand beziehungsweise der Inhalt in geeigneter Form dem Stadtarchiv zur Verfügung gestellt werden sollte. Ich kann die Wand ja hier nicht gut rausreißen lassen“.

Ohne die verstauchte Hand der alten Dame Marion Beltrami wäre alles nicht in Gang gekommen. Apropos: Wer interessiert ist, darf die „Femina“-Wand in der Eichhorn-Praxis besichtigen kommen, auch ohne orthopädische Gebrechen.