Aachen: Die große Gerechtigkeit: Abfälle, Altfälle und Glücksfälle

Aachen: Die große Gerechtigkeit: Abfälle, Altfälle und Glücksfälle

Es gibt in Aachen Restabfallbehälter, wie Mülltonnen offiziell genannt werden, die ihren Namen mehr als andere verdienen. Weil sie die letzten Reste eines Service darstellen, den es in Aachen auf dem Papier seit fast zwei Jahren nicht mehr gibt. Auf manchen Straßen in der Innenstadt aber sehr wohl noch.

Die Rede ist von der 60-Liter-Tonne mit Vollservice, bei der die Müllabfuhr die Tonnen - und zwar alle - aus dem Keller holt und abschließend auch wieder dorthin zurückbringt. Dieser Service wurde im Sinne der Gleichberechtigung zwischen Innenstadt und Außenbezirken - die diesen bis dato nicht kannten - zum Jahreswechsel 2008/2009 mit einer neuen Gebührensatzung abgeschafft.

Die 60-Liter-Tonne gibt es seitdem nur noch im Teilservice, bei dem der Hauseigentümer oder Mieter die Mülltonnen selbst an die Straße stellen muss. Den Vollservice wiederum gibt es nur bei größeren 120-, 770- oder 1100-Liter-Gefäßen. Eigentlich. Denn tatsächlich gibt es in der Innenstadt immer noch rund 260 Haushalte, die den alten Service für die kleinere Tonne erhalten. „Die Umstellung hat länger gedauert, als wir selbst erwartet hatten”, sagt Peter Maier, stellvertretender Leiter des Aachener Stadtbetriebs.

Für die 260 Betroffenen war es dennoch eine (unangenehme) Überraschung, als sie jetzt Schreiben des Stadtbetriebs erhielten, die sie über den Sachverhalt informierten und aufforderten, sich bis zum 1. Januar für Teilservice oder eine größere Tonne zu entscheiden. Und bei manchen der Adressaten roch die Müllinformation verdächtig nach Preissteigerung. Ihnen stinkt die Sache gehörig. Tatsächlich würden die Preise bei gleicher Tonnengröße konstant bleiben - bei weniger Service.

Oder eben mit der Größe der Tonne steigen. Laut Paragraph 2 der Gebührensatzung kostet das 60-Liter-Gefäß bei wöchentlicher Leerung ohne Vollservice 276 Euro, das 120-Liter-Gefäß ohne Vollservice 552 Euro und mit Vollservice 663,60 Euro. Wer also den Vollservice weiterhin in Anspruch nehmen will, der muss mit entsprechenden Mehrkosten leben. Wer zum 1. Januar 2009 auf diesen Vollservice mit größerer Tonne umgestellt hat, muss damit leben, dass andere Aachener die Mehrkosten für den Vollservice nicht stemmen mussten. Maier hat dagegen das gesamte System im Blick und sagt: „Wir haben Recht und Gerechtigkeit immer im Auge. Insgesamt reden wir über Peanuts. Ich kann dies auch gegenüber den Betroffenen verantworten.”

Beim Stadtbetrieb spricht man nun von Altfällen. Man könnte die rund 260 Haushalte auch Glücksfälle nennen, denn sie genießen seit zwei Jahren einen Service, den es so in der Abfallgebührensatzung eigentlich nicht mehr gibt. „Bei der Umstellung hatten sie damals Pech, weil die Politik die Strukturen geändert hat. Aber nun hatten sie eben auch Glück. Sie haben einen Vorteil, weil wir Zeit brauchten, um umzustellen. Wir hatten es uns schneller vorgestellt, mussten aber immer wieder andere Prioritäten setzen - etwa die Einführung der blauen Tonnen oder die Umstrukturierungen beim Personal”, sagt der stellvertretende Betriebsleiter weiter. Zum 1. Januar werden nun die letzten Haushalte auf die aktuelle Satzung umgestellt. Dann ist endgültig der Deckel drauf auf der Anpassung an die Abfallgebührensatzung.

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