Aachen: Die große Feier in Aachen soll nicht ausfallen

Aachen: Die große Feier in Aachen soll nicht ausfallen

Public Viewing mit Franziskus. Oder: Karlspreisverleihung ohne Karlspreisträger. Zumindest nicht in Aachen. Denn zum zweiten Mal wird der Karlspreis nicht in Aachen verliehen. Nach 2004, als Papst Johannes Paul II. die Medaille und Urkunde im Vatikan entgegennahm. 2016 also wieder ein Papst. Und wieder in Rom.

Das steht fest. Klar ist aber auch, dass der Karlspreis im kommenden Jahr in Aachen nicht ausfallen wird. Im Gegenteil. Auch wenn die eigentliche Zeremonie rund 1430 Kilometer südlich des Aachener Marktes über die Bühne gehen wird.

Dompropst Manfred von Holtum: „Ich habe auf die Spontaneität des Papstes gesetzt und freue mich sehr, dass er den Preis angenommen hat.“ Foto: Michael Jaspers

Es gibt einige Gewissheiten und viele offene Fragen rund um diesen Karlspreis für Papst Franziskus. Sicher sind sich Karlspreisdirektorium und Stadt Aachen, dass der Preis auch rund um Dom und Rathaus eine gewichtige Rolle spielen wird. Das zweitägige Volksfest auf dem Katschhof — mit Liveübertragung in Rom? — soll wohl wie gewohnt stattfinden, ebenso das traditionelle Rahmenprogramm mit Vorträgen, Diskussionen, Musik und Theater. Laut Direktoriumssprecher Dr. Jürgen Linden wird der interreligiöse Dialog ein Schwerpunkt der Auseinandersetzung sein. Das biete sich bei diesem Preisträger an, der Dialog der Religionen habe in Aachen zudem einen enorm hohen Stellenwert.

Die Tatsache, dass die Zeremonie nicht im Rathaus stattfindet, birgt auch eine Chance — für den Jugendkarlspreis. Der stand bisher immer deutlich im Schatten des „großen“ Karlspreises. Ohne die „Konkurrenz“ kann dem Karlspreis für junge, engagierte Europäer weitaus mehr Aufmerksamkeit zukommen als bisher.

Wie Linden und Oberbürgermeister Marcel Philipp am Mittwoch betonten, will man den Karlspreis aber auch sichtbar in der römischen Öffentlichkeit verankern. Auch in der italienischen Metropole könnten Karlspreis-spezifische Rahmenveranstaltungen angeboten werden, so Linden. Und wo man einmal in den ganz großen Kategorien denkt, scheut man sich auch nicht, auf größere Öffentlichkeit für die Verleihung selber zu setzen. Am 24. März 2004 fand die Feier in der Sala Clementina im Vatikan vor geladenen Gästen statt. Direktorium und Stadt Aachen liebäugeln schon damit, sich 2016 nicht ganz so abschotten zu müssen. Aber das bleibt auch eine der vorerst offenen Fragen. Anfang des Jahres soll der Rahmen festgezurrt werden.

Der Karlspreis 2016 für Papst Franziskus — wie ist die Entscheidung in Aachen aufgenommen worden? „Ich bin schon ein bisschen überrascht — aber positiv“, sagte Alois Poquett,Geschäftsführer des sozialen Hilfsvereins „Wabe“. „Beim zweiten Nachdenken freue ich mich sehr. Er hat als Mann der Kirche den Blick für die Menschen am Rande der Gesellschaft, ein Gedanke, der auch unsere Arbeit kennzeichnet. Es wäre allerdings noch schöner, wenn er zur Verleihung hätte nach Aachen kommen können.“

Günter Verholen (Vorstand des Caritasverbandes für die Regionen Aachen-Stadt und Aachen-Land), meinte: „Ich habe den Eindruck, dass einem Aachener Gremium bei einer Verleihung ein Coup gelungen ist — anders als jüngst beim karnevalistischen Treiben. . . Die Verleihung ist auch wichtig für unsere Arbeit, gerade weil der Papst jetzt das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat. Die Wahl verkörpert viele Komponenten des christlich-humanistischen Verständnisses und ist fernab von jedem nationalistischen Geschachere.“

„Franziskus war immer schon ein Mann, der Dinge in Bewegung bringen konnte“, sagte Professor Werner Janssen, Intendant der Euriade und Rektor der Martin Buber University in Kerkrade. „Er bringt die Menschen zum Nachdenken, und er fesselt sie durch seinen Auftritt. Man glaubt ihm — auch unabhängig davon, dass er das Oberhaupt der katholischen Kirche ist. Das kann man von manchen Politikern derzeit ja nicht sagen.“

Auch Hans-Werner Huppertz, Professor an der Musikhochschule, begrüßte die Entscheidung: „Ich finde die ausführliche Begründung sehr überzeugend, weil Franziskus gerade auch für sein beispielhaftes Vorleben als ,normaler‘ Priester und große Persönlichkeit gewürdigt wird. Und ich freue mich natürlich auch, dass wir seitens der Hochschule das Rahmenprogramm zum Karlspreis diesmal mit Tango bereichern dürfen“, fügte er augenzwinkernd an.

„Die Würdigung fällt in eine Zeit, in der Werte wie Solidarität und Demokratie in der EU infrage gestellt werden“, konstatierte Bert Wirtz, Präsident der Industrie- und Handelskammer. „Franziskus spricht mutig unangenehme Wahrheiten aus. Sein Satz ,Nicht Mauern, sondern Brücken sind immer eine Lösung‘ sollte in der europäischen Politik Maßstab sein.“

Auch bei den Vertretern der Ratsparteien gibt es ein eindeutiges Votum pro Franziskus. Harald Baal (CDU-Fraktionsvorsitzender): „Es ist eine Überraschung, und ich denke, dass es ein Signal ist, weil die Flüchtlingssituation im Fokus der europäischen Politik steht. Der Papst hat da schon früh nachhaltig Stellung bezogen. Es ist aber auch ein Zeichen besonderer Wertschätzung für den Karlspreis, dass der Papst ihn annimmt.“

Michael Servos (SPD-Fraktionsvorsitzender): „Eine interessante Wahl, die zunächst überrascht. Aber nicht mehr, wenn man intensiver nachdenkt über die subtilen und teils auch weniger subtilen Äußerungen des Papstes. Da geht es um Werte wie Solidarität oder Integration — Werte, die auch Europa braucht, aber im Moment nicht zur Gänze vertritt. Die Wahl ist ein spannendes Signal, denn Franziskus ist nicht als religiöser Führer ausgezeichnet worden, sondern weil er Solidarität, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit verkörpert. Das sollte in den Köpfen der Staatsoberhäupter präsent sein. Franziskus stößt in der Kirche Reformen an, die in die richtige Richtung gehen. Das ist sehr mutig. Es sind Reformen, die wir auch in Europa brauchen.“

Wilhelm Helg (FDP-Fraktionsvorsitzender): „In diesen stürmischen Zeiten war es schwierig, einen würdigen Preisträger zu finden, gerade im Blick auf den europäischen Gedanken. Der Papst ist sicher ein würdiger Preisträger. Vor allem sind mit dieser Wahl sicher breite Schichten der Bevölkerung einverstanden. Schade, dass die Verleihung nicht in Aachen stattfinden kann. Augenzwinkernd könnte man natürlich hoffen, das Franziskus von sich aus gerne nach Aachen kommen möchte.“

Und Leo Deumens von der Fraktion „Die Linke“ meint: „Die Wahl hat mich positiv überrascht. Die Linke kritisiert ja die neoliberale Ausrichtung des Karlspreises, aber Papst Franziskus ist da ganz anders. Er stellt den Menschen in den Mittelpunkt und nicht die wirtschaftlichen Interessen, und er steht für Gerechtigkeit und Frieden. Auch hat er immer wieder den Kapitalismus deutlich kritisiert. Damit kann er dem europäischen Gedanken neue Impulse geben.“

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