Aachen: Die größte Bescherung im Grenzland

Aachen: Die größte Bescherung im Grenzland

Sozusagen aus der Vogelperspektive betrachtet, rückt Andrea Strang an diesem Morgen ruckzuck ins Blickfeld — trotz der vielen hundert Menschen, die bereits seit einem knappen Stündchen geduldig vor dem kleinen Tisch am Treppenhaus des Alten Kurhauses anstehen. Die junge Frau aus Eilendorf und der drollige weiße Flattermann haben einander jedenfalls gesucht und gefunden.

Wie ein Festbotschafter der etwas anderen Art thront das pummelige Plüschtier mitten auf einer der rund 2500 kunterbunten Weihnachtskisten, die seit Montagabend im Ballsaal auf neue Besitzer warten. Und schaut drein, als wollte es sagen: Hab‘ dich längst ausgeguckt! Nimm mich mit nach Hause!

Ein Glücksbote zum Geburtstag

Nach handgestoppten fünf Minütchen hat Tafel-Helferin Heike Penner mal wieder das richtige Händchen bewiesen und die ein wenig verschüchtert umherschauende Besucherin genau auf den richtigen Pfad durch den bestens organisierten Parcours der Präsente gelotst: „Ein Paket mit etwas weniger Schokolade wäre gut“, sagt Andrea Strang leise. Weil eines ihrer vier Kinder die leider nicht verträgt. Kein Problem. Die eine oder andere süße Tafel von der Tafel — auf kleinen Umwegen unter den Gabentisch gelegt von einem unbekannten Spender — kann man gleich beim Umpacken bestimmt noch gegen ein paar Kekse eintauschen. „Und der Kuschelvogel ist für meine Jüngste“, sagt Andrea Strang froh. „Die ist nämlich heute vier geworden!“ Könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, oder?

Freunde fürs Leben haben einander hier anlässlich des etwas anderen Festes vor dem Fest wohl schon ziemlich oft gefunden. Motto: Mit bestens gekramtem Nervenkostüm und fix aufgekrempelten Ärmeln lässt sich das organisatorische Meisterstück im Zeichen der Solidarität allemal bewältigen. Friedlich, mit Herz und Hand, aber gänzlich ohne Ellenbogen geht der karitative Kraftakt vonstatten. Man kennt sich, schließlich halten viele „Kollegen“ der Aachener Tafel seit Jahren die Treue.

Auch die meisten Menschen an der großen Flügeltür zum Ballsaal werden von Jutta Schlockermann mit Namen begrüßt. „Schön, dass Sie da sind!“, sagt sie, bevor manche(r) die obligatorische Kundenkarte überhaupt gezückt hat. Ein optimal sortiertes Team weiß die Tafel-Vorsitzende sowieso hinter sich — in jedem Sinn. Eine kleine Legion von vielleicht 30 meist ehrenamtlichen Helfern hat sich in ihrem Rücken postiert, um der riesigen Schar der Gäste die Qual der Wahl zwischen bunten Bergen von offenen, aber liebevoll geschmückten Gabenpaketen zu erleichtern.

Vor dem Portal unten an der Komphausbadstraße haben Gertrud Krüger und Renate Lindner die „Gelbphase“ unterdessen fast abgeschlossen. Traditionell werden Kunden, die eine gelbe Familienkarte vorweisen können, peu à peu, aber als Erste in den Ballsaal gebeten. Drei weitere „Etappen“, geordnet nach rot, violett und blau, stehen jetzt noch buchstäblich an.

Warmer Empfang am kalten Portal

Gertrud Krüger hat schon um halb acht morgens auf der Matte gestanden, um Kaffee zu kochen, eine Unzahl gespendeter Brötchen zu schmieren und aberhunderte Festgaben unter den barocken Lüstern ins rechte Licht zu rücken. Ein paar Stündchen wird sie jetzt noch in der Kälte stehen, um den Tafel-Gästen einen denkbar warmen Empfang zu bereiten.

Kurz nachdem Gertrud Krüger die Türen zur wohl größten Bescherung im Grenzland endgültig schließt, kann Jutta Schlockermann noch eine frohe Botschaft aussenden. „Dank der enormen Spendenbereitschaft der Aachener und unserer vielen Sponsoren haben wir wieder jedem Besucher eine Weihnachtskiste übergeben können“, bilanziert sie am frühen Abend. „Es sind sogar etwa 120 Pakete übrig geblieben, die wir an Flüchtlingsunterkünfte und andere Einrichtungen verteilen können.“

Da hat das Nesthäkchen und Geburtstagskind der Familie Strang seinen neuen Freund, den lustigen weißen Plüschvogel, vielleicht schon längst ins Herz geschlossen.