Aachen: Die Geheimnisse eines gewissen Kalligaro

Aachen: Die Geheimnisse eines gewissen Kalligaro

„Sie sind sonderbare Menschen, da sie doch an einem so schönen Frühlingsabend hierher gekommen sind, um mir zuzuhören. Und ich sage das mit Dankbarkeit.” Mit diesen Worten begrüßte György Konrád in der ihn charakterisierenden, bedachten Art den kleinen Kreis von Zuhörern, der sich im Ratssaal zusammengefunden hatte, um sich von dem Karlpreisträger 2001 aus dem „Buch Kalligaro” vorlesen zu lassen.

Um sein Publikum nicht mit allzu schwerer Kost zu belasten, habe er für seinen Vortrag eine etwas fröhlichere Zeit aus seiner Autobiografie gewählt, sagte er. Und tatsächlich sind die Beschreibung seiner Geburt, der Jahre der Schulzeit und der ersten sexuellen Erfahrungen von Humor und Ironie geprägt.

Trotzdem blieben die Gesichter seiner Zuhörer über weite Strecken ernst. Das mag daran liegen, dass Konráds Lebensweg von Judenverfolgung, Krieg und Diktatur geprägt ist und dass eben dieser historische Hintergrund auch in den fröhlichen Passagen präsent bleibt.

György Konrád wurde 1933 als Sohn einer jüdischen Familie in Ostungarn geboren und entkam später nur knapp der Internierung ins Konzentrationslager Auschwitz. In seinen Romanen und Essays plädiert er für ein friedliches Europa, das die Grenzen zwischen Ost und West überwinden solle.

Als er im Jahr 2001 mit dem Karlspreis ausgezeichnet wurde, sei das eine Reaktion auf die politischen Geschehnisse 1989 gewesen, erklärte Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs. „Wir werden die langsame Revolution der Selbstbestimmung nicht übereilen”, habe Konrád aber schon lange zuvor gesagt.

Fast ein bisschen verdächtig

Hinter dem geheimnisvollen Namen Kalligaro, der fast ein bisschen verdächtig klinge, so Konrád, verbirgt sich der Autor selbst. „Wir sollten uns selbst als fiktive Person verstehen”, forderte er und erklärte damit gleichzeitig, warum er sich in seiner Autobiografie gegen die erste Person entschieden hat.

Kalligaro führt uns von der Provinz in die Großstadt und lässt uns teilhaben an seinen Eindrücken und Empfindungen. Die über 200 kleinen Erzählungen und Beobachtungen setzen sich zu einem Mosaik seines Lebens zusammen. Doch auch wenn die vorgetragenen Passagen in erster Linie ganz privater Natur waren, so führte die erste Frage aus dem Publikum Konrád doch unmittelbar auf die politische Ebene.

Er wisse nicht, ob die ungarische Demokratie stark genug sei, um den aktuellen Herausforderungen gewachsen zu sein, antwortete er nach kurzem Zögern. „Wir müssen warten und schauen, was geschieht.” Ungarn müsse noch viel lernen, aber die Ungarn seien keine schlechten Studenten, fügte er mit einem leisen Lächeln hinzu.

Nachdem er vor neun Jahren den Karlspreis entgegengenommen hat, kam Konrád jetzt anlässlich des kulturellen Rahmenprogramms zur Verleihung des Preises an Donald Tusk, den Ministerpräsidenten Polens, erneut ins Rathaus. Und verschaffte seinem Publikum dort einen besinnlichen Abend der leisen Töne.

György Konrád, Das Buch Kalligaro, Suhrkamp-Verlag 2007, ISBN-10:3-518-41883-1.

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