Aachen: Die ganze Welt beim CHIO in der Soers vertreten

Aachen : Die ganze Welt beim CHIO in der Soers vertreten

Die mehrsprachigen Prospekte hat Karen Zetsche immer griffbereit. Ob Englisch, Französisch und Ungarisch, Polnisch oder Schwedisch. „Wir haben die Prospekte in fast jeder Sprache vor Ort“, sagt die Leiterin der deutschen Handelsvertretung eines amerikanischen Pferdenahrungsmittelherstellers.

Schließlich wisse man nie, aus welchem Land plötzlich jemand beim CHIO vor einem steht. Zetsche, eine Engländerin, die in Deutschland lebt und Jahr für Jahr in der Soers die amerikanische Firma vertritt, steht beispielhaft für die Entwicklung, die der CHIO in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hat.

Der Concours Hippique International Officiel — zu deutsch: Internationaler Offizieller Pferdesport-Wettbewerb — zieht Menschen aus aller Welt in die Soers. „Deshalb sind wir hier“, sagt Zetsche, die um die ganze Welt reist, um ihre Produkte anzupreisen. Schließlich gebe es wenige Orte, an denen man sich besser einem internationalen Publikum präsentieren könne.

Ein „guter Markt“

In der Zeltstadt hört man solche Worte bei den Ausstellern immer wieder. „Deutschland ist ein großartiger Markt für uns“, sagt etwa ein Engländer, der ein paar „Straßen“ von Zetsches Stand entfernt zum zweiten Mal in Folge Decken und Tücher aus Alpaka-Fell verkauft. „Der CHIO wurde mir als guter Standort empfohlen“, sagt er.

Unter den knapp 220 Ausstellern sind zahlreiche Nationen vertreten — ob nun durch die Verkäufer selbst oder die Waren, die sie an den Mann und die Frau bringen wollen: Hafer aus den Niederlanden, Ledertrensen — je nach Bedarf und Disziplin in mexikanischer, schwedischer oder englischer Ausführung —, Safarireisen hoch zu Pferde in Südafrika, der Mongolei oder Australien.

Selbst die Lederhosen und Dirndl stammen nicht etwa aus Bayern, sondern von den Nachbarn aus den Niederlanden („Schließlich haben wir in Sittard mittlerweile das achtgrößte Oktoberfest“). Allein das Partnerland China beschränkt sich dieses Jahr überwiegend auf das kulinarische Angebot. Und der Dekoration um diese herum. Chinesische Lampions neben einem Hinweisschild für Champignons oder Pommes rot-weiß — auf dem CHIO ist das kein Widerspruch.

Dass sie beim Bestellen eines Mittagssnacks ohne Probleme Englisch sprechen kann, freut Jessica Green ganz besonders. Die Australierin ist zum ersten Mal beim CHIO dabei und gehört zum Team der Vielseitigkeitsreiter von Down Under — in Aachen allerdings nur als Zuschauerin, auch wenn sie Zuhause selbst in der Disziplin Turniere bestreitet. „Wir wurden vorhin schon gefragt, ob überhaupt noch Australier in Australien sind — so viele tummeln sich anscheinend hier“, sagt die 27-Jährige lachend.

So weit wie Green musste Wanda Gleixer nicht anreisen. Die 13-Jährige ist mit ihren Eltern „nur“ auf den Kanarischen Inseln ins Flugzeug gestiegen, um ihren Lieblingsreiter anzufeuern: den Dressurreiter Juan Matute Guimon — einer von insgesamt 358 Reitern und Fahrern aus 28 Nationen, die dieses Jahr in der Soers antreten. Für Wanda und ihre Eltern ist es der zweite Besuch beim weltgrößten Reitturnier.

„Hier kann man einfach die besten Reiter sehen“, sagt Wanda begeistert und ihre Eltern stimmen nickend zu. Eine Wiederholung im nächsten Jahr? Nicht ausgeschlossen.

In 140 Ländern übertragen

Dann wird wohl auch Tianzi Yin wieder mit von der Partie sein. Sie ist eine von mehr als 600 Journalisten aus aller Welt, die beim CHIO Bericht erstatten, hinzu kommen mehr als 200 TV-Mitarbeiter, die das Event in 140 Ländern übertragen. Nicht von ungefähr zeigen die grünen Uhren im Pressezentrum die Uhrzeit in New York, Calgary, London, Aachen, Dubai und Sydney an.

Yin berichtet mit ihrem vierköpfigen Team das zweite Mal in Folge für „Horsemanship“, eines der größten Reitsportmagazine in China. Mit dem Reich der Mitte als Partnerland sei das Interesse in ihrem Heimatland für das Reitturnier in Aachen dieses Mal natürlich besonders groß, betont Yin. „Wir haben schon vor dem Event zahlreiche Berichte veröffentlicht.“

Die Reitindustrie in China wachse schnell. Eine halbe Million Pferdeliebhaber seien mittlerweile in mehr als 2000 Reitklubs organisiert. Um die heimischen Turniere besser aufzustellen, seien dieses Jahr sogar zahlreiche offizielle Vertreter aus China in Aachen zu Gast. „Sie wollen lernen, wie man so ein Turnier organisiert“, sagt Yin. Für Yin und ihre beiden Video-Kollegen Ama Kouadio und Ting Gu — die wiederum aus Frankreich stammen — ist der organisatorische Hintergrund des CHIO indes nicht von Interesse.

„Das Highlight ist für uns Journalisten natürlich der Rolex Grand Prix am Sonntag“, sagt Yin. Während sich im Hintergrund einige Kollegen laut auf Französisch unterhalten, widmet sich Yin wieder ihrem Artikel. Schritt für Schritt wächst die Anzahl der chinesischen Zeichen auf ihrem Laptopbildschirm. Und Aachen und sein Reitturnier wird in der Welt wieder ein bisschen bekannter.

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