Die erste Diskothek in Deutschland eröffnete 1959 in Aachen

Die erste Diskothek Deutschlands : Wie ein Aachener Discjockey einst Geschichte schrieb

Klaus Quirini: der erste moderierende DJ weltweit

Im Oktober 1959 eröffnete die erste Diskothek Deutschlands - ausgerechnet in Aachen. Gerade einmal 18 Jahre alt war Klaus Quirini, als ein Abend im legendären Aachener Scotch Club am Dahmengraben sein Leben änderte - und die Ära der Diskotheken startete.

Sie verdienen Millionen. Geld, zu dem sie mit elektronischen Sounds, modernen Remixen und gigantischen Liveauftritten auf der ganzen Welt gekommen sind. Kein Elektro-Festival findet ohne sie statt. Da, wo sie sind, ist die Party. Da, wo sie sind, ist das junge, solvente Partyvolk. Sie sind mehr Marke als Musiker, vielleicht gefragter denn je: Die Rede ist von DJ‘s.

Was in den 90er Jahren die Boy- und Girlbands waren, sind heute die Discjockeys. Sie werden gefeiert und verehrt. Doch was wären DJ‘s wie Felix Jaehn, David Guetta, Avicii oder Calvin Harris, wenn es Heinrich nicht gegeben hätte?

Mit 76 Jahren legt Klaus Quirini alias DJ Heinrich keine Platten mehr auf. Er stöbert lieber in den alten Fotos und Büchern oder schwelgt in Erinnerungen an eine grandiose Zeit. Eine dieser Erinnerungen ist ein Abend im Jahr 1965, an dem er mit Sänger Udo Jürgens am Mischpult im Scotch Club stand. Foto: Heike Lachmann, dpa

Als Heinrich im Jahr 1959 im Alter von gerade mal 18 Jahren durch sein zu forsches Mundwerk zum ersten moderierenden DJ weltweit wurde, startete der junge Aachener die Ära der Diskotheken, ohne es zu ahnen. Ganz ungewollt und ungeplant veränderte dieser Abend im legendären Aachener Scotch Club am Dahmengraben sein Leben.

Vielleicht legte er damals den Grundstein für Jaehn, Guetta und Harris. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte er nicht zum Mikrofon gegriffen und drauf los gesprochen. Doch genau das hatte er getan — und wurde so zum gefeierten Helden einer ganzen Generation. Und der Scotch Club zum angesagtesten Platz in der Stadt.

„Großer Heavy Metal Fan“

Heute legt Heinrich, der eigentlich Klaus Quirini heißt, keine Platten mehr auf. Er hört sie lieber. „Ich bin ein großer Heavy Metal Fan“, sagt er. Allerdings lauscht er ihnen inzwischen auf digitalem Weg. Allzu viele Platten habe er gar nicht mehr. Das Auflegen überlässt er nun dem Nachwuchs, seine letzten Platten habe er um 1975 vor Publikum abgespielt. Über die Arbeit von Jaehn, Avicii und Co. sagt er: „Mir ist egal, was ein DJ macht, Hauptsache der Umsatz stimmt. Klar ist doch, dass sie gut sein müssen, wenn sie diese Gehälter bekommen. Und dass sich immer wieder ein neuer Kult entwickelt, das ist ganz normal.“

Der Scotch Club 1965: „Hier war alles vom Feinsten“, sagt Klaus Quirini über das Lokal. Foto: dpa

Quirini hatte seine Zeit. Heute ist er ein zufriedener Mann, der kaum glauben kann, dass die jüngeren Generationen die Sänger, die für ihn damals die ganz Großen waren und die zu ihm in den Scotch Club kamen, nicht mehr kennen. „Bin ich wirklich schon so alt?“, sagt er und lacht.

Wenn Quirini über sich und die Jahre im Club erzählt, dann strahlen seine Augen. Dann fallen ihm so viele spannende Geschichten ein, so interessante Begebenheiten, dass er vermutlich Stoff für mehrere Bücher hätte. Kein Wunder, dass er der Musik immer treu geblieben ist. Er gibt nun Seminare im Urheberrecht und ist Vorsitzender des Verbandes Deutscher Musikschaffender (VDM). An den Ruhestand will er nicht denken. „In der Musikbranche hört keiner auf zu arbeiten“, sagt Quirini, der gerne in Erinnerungen schwelgt.

Zu laut gelästert

Als Volontär der Neuen Rhein Zeitung in Essen kam er 1959 nach Aachen. Er und zwei weitere Journalisten sollten über das erste Tanzlokal weltweit berichten, in dem keine Livebands mehr auftraten, sondern Platten abgespielt wurden. Der damalige Besitzer Franzkarl Schwendinger aus Österreich hatte sein nicht besonders gut laufendes Restaurant umgestaltet und wollte, dass die Hits aus dem Radio in seinem Lokal gespielt werden. Schluss mit Livebands, her mit den Platten, lautete seine Devise. Das kam zunächst jedoch überhaupt nicht an.

„Dort legte jemand einfach nur Schallplatten auf, klassische Musik war das. Ich meine das war ein Opernsänger aus Köln“, sagt Quirini. „Einige Leute gingen schon, es war ihnen einfach zu langweilig“, so Quirini weiter. Die Eröffnung der „Jockey Tanz Bar“ drohte zum Flopp zu werden. Die Anwesenden fingen an, zu lästern. Auch die drei Journalisten. „Ich habe dann wohl etwas zu laut gesprochen“, sagt er.

Schwendinger hörte ihn, kam auf ihn zu und sagte: Wenn er es besser könne als sein „Plattenaufleger“, dann solle er es doch bitteschön selbst versuchen. Quirini fackelte nicht lang. Er ging zu dem Plattenspieler, betätigte die Drehköpfe und schnappte sich das Mikrofon: „Meine Damen und Herren, bitte krempeln Sie die Hosenbeine hoch. Wir lassen Wasser in den Saal: ,Ein Schiff wird kommen‘ von Lale Andersen.“ Quirini wurde bejubelt, die Menschen tanzten. Der Rest ist Geschichte.

„Das war natürlich totaler Quatsch, aber das Publikum liebte es“, sagt Quirini und lacht. Auch für andere Songs hatte er solche Sprüche drauf. Schwendinger erkannte sein Potenzial und fragte ihn, ob er nicht bleiben wolle. Quirini passte perfekt ins neue Konzept. Er bot dem jungen Aachener 800 Mark monatlich. „Das war irres Geld zu der Zeit“, sagt Quirini. Also blieb er. Einfach war das jedoch nicht. „Ich war noch keine 21 und somit nicht volljährig“, sagt Quirini.

Schlagersänger Howard Carpendale (r.) singt 1965 im Aachener Scotch Club. Foto: dpa

Der Name „Bar“ sei damals noch verrucht gewesen. Sein Vater war nicht auf Anhieb begeistert. „Mein Vater wollte, dass ich den Namen Quirini nicht verwende. Und das kann ich auch verstehen.“ Also bediente er sich kurzerhand an dem Liedtitel „Oh Heinrich, ich hab nur dich“, von Trude Herr. Seither ist Klaus Quirini Heinrich. „Auch heute noch sprechen die Leute mich mit Heinrich an. Ich glaub‘, die Meisten wissen gar nicht, wie ich richtig heiße“, sagt er und lächelt. Einen Namen hat er sich als Heinrich gemacht.

Inspiriert vom Radiosender Radio Luxemburg, bei dem damals schon Schallplatten-Jockeys die Musik ansagten und ihre Zuhörer mit lockeren Sprüchen unterhielten, gestaltete auch Heinrich damals die Abende im Scotch Club. Er tanzte, moderierte, spielte Musik und erfand Spiele. Sein Publikum liebte ihn. Und so stiegen die wohl angesagtesten Partys im Dahmengraben in Aachen. „Da wurde so viel Alkohol getrunken, das schafft heute keiner mehr“, sagt Quirini und lacht.

Die Sänger Udo Jürgens, Udo Lindenberg und Howard Carpendale, Springreitlegende Hans-Günter Winkler und Moderator Frank Elstner — sie alle waren seiner Zeit in Aachen im Scotch Club. Zwei Gästebücher, die Quirini aufgehoben hat, zeugen davon. „Damals haben wir die Bücher immer weggesperrt und nur rausgeholt, damit sich die Promis eintragen konnten“, sagt er. Die meisten traten damals unentgeltlich auf. Schließlich standen sie noch am Anfang ihrer Karrieren.

Quirini sagt, dass er zu einigen auch heute noch Kontakt habe. Doch er betont: „Der Erfolg des Scotch Clubs kam durch das super Publikum.“ Aufgrund der vorherrschenden Kleiderordnung war dieses schließlich auch immer besonders schick. „Jackett und Krawatte waren Pflicht für die Männer“, sagt Quirini. Heinrich selbst musste stets im weißen Hemd am Mischpult stehen. Ein blaues wäre schon ein Kündigungsgrund gewesen.

Eine schillernde Zeit lag vor ihm. Er legte später auch in Zürich und Hamburg auf. War drei Mal zwischen den 70er und 90er Jahren in der Jury des Grand Prix Eurovision, betrieb die Diskothek „Crazy House — Heinrichs Club“ in der Aachener Peterstraße/Ecke Büchel, gab 20 Jahre lang die „Discotheken-Rundschau“ heraus und, und, und... Man könnte noch so Vieles aufzählen, doch das ist Quirini gar nicht so recht. Und auch nicht wichtig. Er gibt keineswegs an, wenn er von damals erzählt. Er sagt: „Es hat sich einfach so entwickelt.“

Angst vor dem Ordnungsamt

Ob sich moderne DJ‘s wie Felix Jaehn oder Calvin Harris von DJ Heinrich inspirieren ließen, ist nicht bekannt. Dass heute so viele DJ‘s weltweiten Rum erlangt haben, dazu hat er vielleicht beigetragen. In der Hochzeit gab es in Aachen schließlich 42 Diskotheken. Quirini und der Scotch Club wurden kopiert. Die US-Amerikaner folgten in den 70er Jahren. „Die Amerikaner hätten aus Aachen New Orleans gemacht“, sagt Quirini. In Aachen hätten aber viele Diskotheken aufgrund verschiedener Verordnungen irgendwann geschlossen.

Auch der Scotch Club machte 1992 zu, weil der neue Inhaber des Gebäudes dort keine Diskothek wollte, so Quirini. „Es gibt in Aachen nicht mal eine fernsehtaugliche Veranstaltungsstätte. Düren ist besser aufgestellt als Aachen.“ Näher möchte er darauf nicht eingehen. „In Aachen musste man nachts immer Angst haben, dass das Ordnungsamt kam. In dem Lokal passierte nichts Sittenwidriges“, sagt er. So habe sich die Disco-Landschaft mit und mit aufgelöst. Nur wenige sind übriggeblieben.

Doch ganz gleich, wie sich die Musik, die Discos und die DJ‘s entwickelt haben, die Zeit im Scotch Club kann ihm keiner nehmen.