Aachen: Die CDU will sich wieder um Inhalte kümmern

Aachen: Die CDU will sich wieder um Inhalte kümmern

Gemessen an den Turbulenzen, die die Aachener CDU in den vergangenen Monaten erschüttert haben, ist dieser Wert beinahe schon rekordverdächtig: Gerade einmal ein gutes Dreiviertelstündchen hat der erweiterte Kreisvorstand der zuletzt so schwer gebeutelten Partei benötigt, um den bevorstehenden Kreisparteitag am kommenden Freitag, 20. April, vorzubereiten.

Dabei soll dort ab 18 Uhr im Novotel an der Peterstraße nicht weniger als ein Neuanfang gelingen. Schließlich hat die bisherige Parteivorsitzende Ulla Thönnissen nach heftigen Vorwürfen und parteiinternen Querelen jüngst gemeinsam mit CDU-Schatzmeister Dieter Claßen ihren Rücktritt angekündigt, den beide nun auf dem Parteitag vollziehen wollen.

Der Vorstand habe am vergangenen Freitagabend „ruhig und kurz“ über die anstehende Weichenstellung beraten, teilt Holger Brantin am Sonntag auf AZ-Anfrage mit. Brantin ist Stellvertreter Thönnissens — und aller Voraussicht nach auch ihr Nachfolger. Kurz nach der Rücktrittsankündigung der zuletzt sehr umstrittenen Vorsitzenden hatte der 53-jährige Richter seine Bereitschaft zur Kandidatur für den Spitzenposten erklärt und damit wohl vielen Christdemokraten in Aachen aus der Seele gesprochen.

Denn Brantin gilt in der CDU als ein besonnener Mann des Ausgleichs und des Dialogs — Attribute, die nach der zuletzt arg konfliktbelasteten Ära Thönnissen nicht die schlechtesten sind, um die Partei in eine bessere Zukunft zu führen. „Ich erhoffe mir vom Parteitag, dass die Partei jetzt wieder zur Ruhe kommt und nach vorne schaut“, sagt der Kandidat und fügt hinzu: „Ich wünsche mir auch, dass wir dann wieder schnell zu einer stärkeren inhaltlichen Arbeit kommen.“ Und damit meint Brantin nicht nur kommunale Fragen, sondern auch eine Positionierung der Aachener CDU zu bundespolitischen Themen.

Denn zumindest im vergangenen halben Jahr war es in der Aachener CDU vornehmlich um Personalien gegangen, besser gesagt: hatten zunehmend Querelen um die Vorsitzende Ulla Thönnissen das Bild der Partei in der Öffentlichkeit geprägt. Das hatte begonnen mit heftigen Vorwürfen, die Ratsherr Ralf Demmer gegen die CDU-Chefin kurz vor dem jüngsten Parteitag im vorigen November erhoben hatte und die ihre knappe Wiederwahl überschatteten.

Damals ging es um fragwürdige Spendenbuchungen rund um einen Wahlspot von Thönnissen — Vorwürfe, die die Betroffene als widerlegt ansieht und die die Partei auf dem anstehenden Parteitag restlos klären will. Doch schwerwiegender war, dass im März ein heftiger Streit zwischen Thönnissen und dem Ratsherrn und ehemaligen CDU-Geschäftsführer Harro Mies öffentlich wurde, in den mittlerweile die Landespartei und deren Betriebsrat involviert waren. Die CDU-Chefin musste sich wegen vermeintlicher Beleidigung entschuldigen, verlor wegen ihres Umgangs mit der „Causa Mies“ aber weiter an Rückhalt in der Partei und warf schließlich die Brocken hin.

„Der Vorstand hat Thönnissen und Claßen für ihre Arbeit gedankt“, sagt Brantin nun — weiter will er sich zu den Inhalten der Vorstandssitzung nicht äußern. Und auch nicht zu den möglichen Personen, die in den fünfköpfigen geschäftsführenden Vorstand aufrücken werden. Klar ist: Wenn Holger Brantin zum CDU-Vorsitzenden gewählt wird, wird sein Stellvertreterposten frei. Außerdem muss ein neuer Schatzmeister gefunden werden.

Gegenkandidaten haben sich noch nicht in Position gebracht — und werden eigentlich auch nicht erwartet. Die zwei übrigen Stellvertreter Dr. Margrethe Schmeer und Wolfgang Königs wollen dem Vernehmen nach weitermachen. Offen ist noch die Frage, ob es nur zu Nachwahlen kommt oder ein komplett neuer Vorstand gewählt wird — was deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Aber ganz egal, wie der Parteitag hier entscheidet — länger als ein gutes Dreiviertelstündchen wird es mit Sicherheit dauern.