Am Ende gibt es keine Verlierer mehr: DFB plant Revolution im Jugendfußball

Am Ende gibt es keine Verlierer mehr : DFB plant Revolution im Jugendfußball

Die geplante Revolution beginnt mit einer Erklärung. Manuel Schulitz, Verbandssportlehrer beim Fußballverband Mittelrhein, hat ein Mikrofon in der Hand und stellt seinen Zuhörern vor, wie in sehr naher Zukunft der Jugendfußball aussehen könnte.

Es ist ein sonniger Sonntagvormittag auf der Anlage in Verlautenheide, am Spielfeldrand lauschen ein paar Dutzend Eltern, die Sechs- und Siebenjährigen sind eher ungeduldig. Wann rollt denn endlich der Ball? Schulitz, der Fürsprecher der neuen Spielform, plädiert für eine ausführliche Kommunikation. Er muss an diesem Vormittag, an dem das neue Land betreten wird, viele Fragen beantworten. Das hat er erwartet, „wir wollen auch nichts mit Gewalt einführen“, sagt er.

Vier Teams von SV Verlautenheide, Arminia Eilendorf, SCB Laurenzberg und Eintracht Warden sind mit ihrer E-Jugend vertreten, die Teams kennen sich teilweise von den Ligaspielen, aber an diesem Sonntag ist alles anders. Der Nachwuchs spielt nicht wie sonst Sieben gegen Sieben, und er spielt auch nicht auf zwei große Fußballtore. An diesem Tag gehören zu jeder Mannschaft zwei oder drei Kicker, die auf jeweils vier Mini-Tore (1,20 mal 1 Meter) spielen, Torhüter sind bei den Kleinsten noch nicht vorgesehen. Jedes Team „bewacht“ und stürmt auf zwei Tore auf den kleinen Spielfeldern. In älteren Jahrgängen werden Tore, Spielfeld und auch Spielerzahl wieder größer – das ist die Idee. Der Fußballverband Mittelrhein ist einer der neun Pilot-Verbände, die in den nächsten Monaten an Schnupper-Tagen wie diesen das System testen will.

Dass sich der Jugendfußball ändern wird, gilt als ausgemacht. Der Charakter des Spiels ist anders, die kleinen Kicker sind häufiger am Ball, sie schießen mehr Tore. Mehr Kontakt zum Spiel bedeutet auch mehr Spaß, das ist das pädagogische Konzept. „Druck haben die Kinder schon in der Schule, den brauchen sie nicht noch in ihrer Freizeit“, sagt Stefan Gollaschin, der Jugendleiter des SV Verlautenheide.

„Wir müssen reden“: Verbandssportlehrer Manuel Schulitz (Mitte) muss viele Fragen zu den geplanten Veränderungen beantworten. Foto: Andreas Steindl

Einwechslungen gibt es nicht, wenn der Trainer sie für sinnvoll hält, sie werden vom Modus vorgegeben. Nach jedem Tor muss gewechselt werden, spätestens sonst nach zwei bis drei Minuten – und zwar der Reihe nach. „Der Trainer ist mehr Betreuer“, sagt Oliver Zeppenfeld, der Jugendbildungsreferent beim FVM. Wenn eine Mannschaft mit drei Toren in Rückstand liegt, darf sie einen weiteren Spieler dazu nehmen. Eine alte Bolzplatz-Regel kehrt zurück. Der Bonus-Spieler muss erst weichen, wenn es wieder unentschieden steht. Niederlagen verlieren ohnehin an Bedeutung, wenn nur ein paar Minuten später die nächste Partie ansteht. Und absehbar geht niemand mehr mit einer 0:12-Niederlage im Gepäck am Montag wieder zur Schule. Eine Tabelle wird nicht mehr geführt, andere Länder wie Belgien verfahren seit Jahren schon so. „Im Kinderfußball sollen sich die Kinder entwickeln – und zwar alle“, sagt Zeppenfeld. „Wir haben hier großen Optimierungsbedarf.“

Wer in der Liga schon mal bei Partien der Jugendlichen vorbeischaut, sieht Folgendes: Die meisten Spielerinnen und Spieler halten sich im Pulk da auf, wo der Ball ist. Aber statistisch haben zwei Spieler einer Mannschaft bis zu 70 Prozent aller Ballkontakte. Die Mitspieler sind eher Mitbeobachter. Sie sind häufig genauso unbeteiligt wie die Torhüter und die Ersatzspieler, die gelangweilt am Spielfeldrand rumdösen. Von dort ruft dann auch ein Trainer, aber das Knäuel lässt sich nicht so schnell auflösen. Taktische Disziplin, ein klares Positionsspiel gehören nicht zum kindlichen Wettkampf.

Fuñino. „Fun“ für die Kinder

Das Spiel auf der Anlage in Verlautenheide ist ein anderes, es heißt auch anders: Fuñino. „Fun“ steht für das englische Wort Spaß, „iño“ heißt Kind im Spanischen. Die Kleinen sind bei dieser Form eher mittendrin statt nur dabei. Sie sind beteiligt, dribbeln sich nach vorne, überbrücken mit Steckpässen zum Mitspieler den freien Raum, führen permanent Zweikämpfe. Spielerische Ausbildung. Auch bei Eckbällen oder Einwürfen soll der Nachwuchs ins Spielfeld eindribbeln.

Die Bereitschaft zu Reformen hat sicher auch mit strukturellen Problemen zu tun. In ländlichen Regionen braucht es schon Spielgemeinschaften, um noch Wettkämpfe zu organisieren. Werden die Kinder älter, folgen sie anderen Verlockungen und hören auf. Teams müssen wegen dieses „Fachkräftemangels“ zurückgezogen werden. In den Städten dagegen haben Klubs manchmal einen Aufnahmestopp, Ersatzspieler langweilen sich am Spielfeldrand, suchen vierblättrige Kleeblätter, ehe sie dann aufgeben.

Nicht erst seit der vermurksten WM im letzten Sommer gibt es die Erkenntnis, dass die Ausbildung ein paar eklatante Defizite hat. Die Dribbler, die mit ihren Finten das Abwehrdickicht überwinden, wachsen nicht mehr nach. Der imposante Misserfolg bei den Senioren hat die Bereitschaft für Reformen bei den Junioren jedenfalls erhöht. Das war schon nach dem desolaten EM 2000 in Belgien und den Niederlanden so, als Nachwuchsleistungszentren gegründet wurden.

Weniger Spieler als bislang, vier kleine Tore, mehr Aktionen: Der Jugendfußball wird sich in Zukunft gewaltig verändern. Foto: Andreas Steindl

Das Funiño-Konzept ist eigentlich schon ziemlich angestaubt, nur hat sich kaum jemand dafür interessiert. Es geht auf den ehemaligen Hockey-Bundestrainer Horst Wein zurück, der seine Ideen schon in den 80er Jahren in den Fußball als Trainingsform eingeführt hatte. Das Spiel auf vier Tore mit klar definierten Schusszonen schult das Gefühl für den Raum, erhöht die Handlungsschnelligkeit, so ist die Idee. „Erfolg wird nicht mehr in der Tabelle abgelesen, sondern jeder Spieler soll seine Erfolgserlebnisse haben“, sagt Schulitz.

Die Änderungen im Jugendbereich, hat das DFB-Präsidium schon beschlossen. Der große Verband wird seinen Landesverbänden empfehlen, die neue Spiel- und dann auch Trainingsform ab der nächsten Saison für die Fünf- bis Neunjährigen einzuführen. Freiwillig, ohne Zwang oder Strafandrohung.

Die Verbände können wählen, ob sie die Revolution wagen. In der nächsten Saison werden Eindrücke gesammelt, Daten analysiert, Rückmeldungen von Eltern und Trainern ausgewertet, frühestens ab der Saison 20/21 könnten die Änderungen bundesweit verbindlich eingeführt werden.

Nach den neuen Regeln sollen nun Turniere wie das am Sonntag in Verlautenheide, Festivals genannt, regelmäßig stattfinden. Auf den kleinen Feldern sind dann viele Teams unterwegs, jeder Verein kann auch mehrere Mannschaften stellen, gespielt wird mal fünf Minuten, mal sechs Minuten. Der Effekt wird erforscht, auch in Verlautenheide stehen Videokameras auf dem Tribünendach. Die deutsche Sporthochschule in Köln und der Dachverband in Frankfurt werten aus. So lassen sich Argumente für oder gegen die Veränderung finden.

Pilotstaffeln im Kinderbereich

Die Fußballkreise Aachen und Köln haben sich entschieden, in der kommenden Saison Pilotstaffeln im Kinderbereich umzusetzen, um so Erfahrungen mit veränderten Spielformen zu sammeln. Thomas Hütte, der Jugendbildungsbeauftragte im Kreisjugendausschuss Aachen, berichtet von viel Zustimmung, als die neuen Ideen vorgestellt wurden. Er sagt aber auch: „Die neue Form polarisiert, es gibt viele Trainer, die sie komplett begrüßen, andere, die sie komplett ablehnen.“ Veränderungen stoßen immer auf Skepsis. In den Foren beklagen Trainer schon jetzt, die neue Form sei nicht mehr ihr Fußball.

Fragt man Jan, Lukas, Niklas, Chris und Luca nach ihren ersten Eindrücken, sagen sie, dass die neue Form sehr anstrengend gewesen sei. „Und vier Tore auf dem Spielfeld sind noch sehr ungewohnt“, berichten die Nachwuchsspieler aus Warden. Dann erzählen sie natürlich von ihren Siegen in den ersten Spielen. Das ist die Währung, die sie kennen.

Bei ersten Feldversuchen in München hat sich gezeigt, dass bei der neuen Spielform jedes Kind 60 Prozent mehr Ballkontakte hatte, doppelt so viele Pässe spielt und etwa zehn Mal so oft versucht hat, einen Gegner zu umdribbeln. Am Ende des kleinen Demo-Turniers fragt Schulitz die kleinen Kicker, wer denn alles ein Spiel gewonnen hat. Fast alle zeigen auf, und die Finger bleiben auch oben, als er wissen will, wer denn heute ein Tor geschossen hat. Pokale gibt es nicht in Verlautenheide, stattdessen ein paar Süßigkeiten für den Nachwuchs. Wer das Turnier gewonnen hat? Ziemlich egal.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fußball-Nachwuchs beim Pilotturnier in Verlautenheide