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Aus der Domschatzkammer: Detektivarbeit unter dem Mikroskop

Aus der Domschatzkammer : Detektivarbeit unter dem Mikroskop

Diplom-Restauration Stefanie Korr ist für die konservatorische Betreuung von Gemälden und Holzskulpturen in der Aachener Domschatzkammer zuständig. Wir haben bei ihrer Arbeit zugeschaut.

Skalpell, Mikroskop und Mundschutz gehören zu den alltäglichen Werkzeugen von Stefanie Korr. Die gebürtige Aachenerin ist jedoch keine Ärztin, sondern zuständig für die konservatorische Betreuung von Gemälden und Holzskulpturen im Dom und in der Domschatzkammer. Auf ihrem „OP-Tisch“ landen historische Objekte, die untersucht, gereinigt, konserviert oder restauriert werden müssen.

Patientin Madonna

Zu den „Patienten“ der Diplom-Restauratorin gehörte zum Beispiel die „Madonna mit Kind“, ein Ölgemälde auf Eichenholz aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Bei diesem stark überarbeiteten Objekt ging es um die Wiederherstellung des Originalzustands. Doch wie lässt sich rekonstruieren, wie ein solches Bild ursprünglich ausgesehen hat? „Dazu ist ein bisschen Detektivarbeit nötig“, erklärt Stefanie Korr und zieht einen Ausstellungskatalog aus dem Regal, mit dessen Hilfe sie anhand mehrerer Vorher-/Nachherbilder den Prozess aufzeigt. „Zunächst geht es darum, eine erste ‚Diagnose‘ zu stellen. Klar war, dass das Originalmotiv in vielen Bereichen nachträglich übermalt und die zerstörte untere Ecke abgesägt und ergänzt worden war. Zudem hatten Hitzeschäden und ein Insektenbefall dem Bild zugesetzt. Die Fehlstellen waren in der Vergangenheit zwar retuschiert worden, jedoch aus heutiger Sicht nicht fachgerecht.“

Zur weiteren Analyse landete die Madonna in der Fachhochschule Köln unter dem Röntgenapparat. Dabei zeigte sich, dass große Teile der originalen Malerei noch vorhanden waren. Dank dieses Befunds wusste Stefanie Korr, wie sie vorzugehen hatte. Zunächst löste sie den stark vergilbten Firnis, das heißt die Schutzschicht, mit Aceton. Auch die meisten Übermalungen konnten in diesem Arbeitsschritt entfernt werden. Einige größere Retuschen und Kittungen, denen mit Lösungsmitteln nicht beizukommen war, wurden mechanisch mit dem Skalpell unter dem Stereomikroskop entfernt. Anschließend war das Gemälde so weit freigelegt, dass die Diplom-Restauratorin zu den eigentlichen Fehlstellen vorgedrungen war und diese vorleimen, kitten und grundieren konnte, bis das Bildschichtniveau erreicht war.

Bringt neue Erkenntnisse: Röntgenbildaufnahme der Tafel Madonna mit Kind. Foto: Domkapitel Aachen

Zum Glück Vorlagen

Es folgten eine Vorretusche mit Gouachefarben, ein Dammharzfirnis und die Schlussretusche mit gemagerten Ölfarben. „Die originale Mundpartie war leider auch auf dem Röntgenbild nicht mehr vorhanden. Aber es gibt vergleichbare Bilder des Künstlers Quentin Massys, der dieses Motiv der Madonna häufiger verwendet hat. Anhand dieser Vorlagen konnte ich die Mundpartie rekonstruieren“, berichtet Stefanie Korr, die aktuell ein Heiligenbild Karls des Großen unter dem Mikroskop liegen hat. Es stammt aus einem Zyklus von 24 Heiligenbildern, die um das Jahr 1460 entstanden sind und soll in Zukunft den Eingangsbereich der Domschatzkammer zieren. „Dieses Objekt ist in einem deutlich besseren Zustand als die Madonna“, freut sich die 43-Jährige. „Aber grundsätzlich ähneln sich die einzelnen Schritte bei der Restaurierung und Wiederherstellung solcher Gemälde schon. Wobei es immer wieder neue Überraschungen und Herausforderungen gibt, für die man eine Lösung finden muss.“

Auch mal abstauben

Zu den Aufgaben der Diplom-Restauratorin gehört auch das regelmäßige „Abstauben“ und Reinigen von Skulpturen und Gemälden: „Das hört sich profan an, ist aber aber wichtig, weil man damit einem Großteil von Schäden vorbeugen kann! Bei der Auswahl von geeigneten Hilfsmitteln und Methoden zur Reinigung spielen Material und Zustand des jeweiligen Objekts eine ausschlaggebende Rolle!“ Handelsübliche Reinigungsmittel wie Seifen, Möbelpolituren, Scheuermittel oder andere Haushaltsmittel kommen in der Regel nicht zum Einsatz, da sie zu stark wirken oder schädliche Inhaltsstoffe enthalten. Auch viele äußere Faktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Licht beeinflussen ein Objekt. Deshalb wird das Klima in der Werkstatt der Domschatzkammer, die zu den regelmäßigen Auftraggebern der freiberuflichen Restauratorin gehört, automatisch reguliert.

Scheu abgelegt

Stefanie Korr hat inzwischen die Scheu vor den oftmals sehr wertvollen und fragilen Objekten verloren. Aber nicht den Respekt. „Wenn ich zum Beispiel vor einem komplett eingerüsteten Altar in einer Kirche stehe und das Konstrukt mehrere Meter hoch ist, mache ich mir immer Gedanken über den Aufwand und die Komplexität der Aufgabe. Aber dann sehe ich es wieder entspannt. Man muss sich langsam Schritt für Schritt vorarbeiten und sich mit dem Objekt und dessen Beschaffenheit gründlich auseinandersetzen. Bisher hat das immer gut geklappt!“

(red)