Aachen: Design-Porträts: Doris Casse-Schlüter zeigt ungewöhnliche Zeichnungen

Aachen: Design-Porträts: Doris Casse-Schlüter zeigt ungewöhnliche Zeichnungen

Doris Casse-Schlüter ist eine Frau mit Prinzipien. Sie gibt 100 Prozent, meist jedoch eher 200 Prozent — „ganz oder gar nicht“ lautet ihre Devise. Eigentlich ist die ehemalige Professorin seit 2007 im Ruhestand. Umtriebig ist sie aber immer noch, es kribbelt nach wie vor in den Fingern. Denn endlich hat sie wieder Zeit für eigene Projekte.

Ein Freiraum, den Doris Casse-Schlüter mit beiden Händen packt und auskostet. Zeichnen steht dabei ganz oben auf der Liste. Die Grafikdesignerin, die von 1985 bis 2007 an der FH Aachen als Professorin für Visuelle Kommunikation tätig war, fand zu ihren Wurzeln zurück. Denn vor ihrer Hochschulkarriere war sie viele Jahre selbstständig und hat zahlreiche renommierte Designprojekte umgesetzt.

Ein Ausflug in die Lehre war nicht geplant. Einen Grund dazu hatte sie eigentlich auch nicht — sie war als Grafik-Designerin sehr erfolgreich, die Arbeit machte ihr Spaß. Schließlich konnte sie jedoch ein Freund davon überzeugen, die „Seiten zu wechseln“. Geblieben ist sie 22 Jahre und hat in dieser Zeit viel bewegt.

Projekt an der Fachhochschule

Besonders ans Herz gewachsen ist ihr in der FH-Zeit das Projekt „L’esprit d’Europe - Junge Designer für Europa 1996 - 2006“, bei dem Studenten des Studiengangs Visuelle Kommunikation das Thema Europa in eigene Botschaften gefasst haben - als kritische Plakatserien, Portraitplakate berühmter Europäerinnen und Europäer, als Dia-AV-Shows und Videos, als Objekte und Spiele. Leicht ist es ihr damals jedoch nicht gefallen, ihr „früheres Leben“ von jetzt auf gleich aufzugeben. Für viele bekannte Unternehmen und Institutionen hat sie Werbestrategien und -kampagnen entwickelt, Ledermode Assima, der Stahlkonzern Krupp Widia und das Auswärtige Amt Bonn sind nur einige Namen. Eine Karriere wie aus dem Bilderbuch, die sie international bekannt machte.

Und auch die meisten Aachener Bürger dürften schon das eine oder andere Mal mit Arbeiten von Casse-Schlüter in Kontakt gekommen sein. So erstellte sie im Jahr 2002 ein umfassendes Corporate Design für die Stadt Aachen, begleitete die Einführung des E-Papers der Aachener Zeitung mit einer Kampagne und entwarf Plakate für den Öcher Bend. Zahlreiche nationale und internationale Preise hat sie für ihre Arbeit erhalten. Ihr bekanntestes Kunststück dürfte wohl das Plakat der damaligen Bundeshauptstadt Bonn mit dem Kussmundmotiv sein — schlicht, aber einprägsam.

Nach ihrer Emeritierung hat sie sich einen Wunsch erfüllt: ihr eigenes Atelier in der Wilhelmstraße, ganz in der Nähe des Suermondt-Ludwig-Museums, welches sie als ihr „zweites Wohnzimmer“ bezeichnet. Hier ist sie oft anzutreffen, hier holt sie sich neue Inspirationen, hier kann sie entspannen. Die Möglichkeiten, welche die neuen Medien heutzutage bieten, nutzt Casse-Schlüter selbstverständlich mittlerweile auch für ihre Arbeit, obwohl sie froh ist, dass sie auch noch Techniken erlernt hat, die vor dem Einzug des Computers gang und gäbe waren.

Die neuen Medien haben sie jedoch auch zu einer neuen Technik inspiriert. Hierzu benötigt sie einen Fernseher, eine Kamera mit Stativ, interessante Gesichter, einen Zeichenblock und Stifte. Dann zeichnet sie Gesichter von bekannten Menschen, die im Fernsehen auftreten. Zunächst fotografiert sie ein Gesicht vom Bildschirm ab, dann erstellt sie davon eine Kohle- oder Graphitzeichnung auf Transparentpapier. Diese wird eins zu eins eingescannt, digital bearbeitet und schließlich wieder auf Transparentpapier ausgedruckt.

Und wie sucht sie die „Köpfe“ aus? „Ob Talkshows wie Günther Jauch oder Sportübertragungen — ich bin ständig auf der Suche nach interessanten Menschen“, so Casse-Schlüter. Auf diese Weise sind bereits rund 50 Porträts entstanden, unter anderem von Pina Bausch, Armin Mueller-Stahl oder Patti Lee Smith. Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Technik kam ihr bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland im Jahr 2006. „Ich war begeistert von den ganzen Emotionen, die während der Übertragungen der Spiele auf den Gesichtern der Fußballer abzulesen waren. Wut, Freude, Enttäuschung und Überschwänglichkeit — es waren alle Gefühlszustände dabei“, erzählt Casse-Schlüter. Seitdem „lauert“ sie regelmäßig vor dem Fernseher. Und Gesichter faszinieren sie sowieso, vor allem „gelebte Gesichter“.

1942 in Essen geboren, studierte Casse-Schlüter von 1960 bis 1967 an der renommierten Essener Folkwangschule für Gestaltung (heute: Folkwang Universität der Künste) Graphic-Design und Fotographie. 1964 wird sie Folkwangpreisträgerin, in den Jahren 1966/67 Meisterschülerin. An Aachen musste sie sich erst einmal gewöhnen. Die ersten drei Jahre als Professorin pendelte sie von Essen nach Aachen, erst dann entschied sie sich dazu, ganz nach Aachen zu ziehen. Mittlerweile ist Aachen ihre zweite Heimat, in der sie sich sehr wohl fühlt. Und so entstand auch ihr neuestes Projekt in der Kaiserstadt.

In Kooperation mit dem Netzwerk Aachener Führungsfrauen (NAFF), dem Casse-Schlüter seit vielen Jahren angehört, hat sie eine besondere Ausstellung ins Leben gerufen, die nicht nur einige ihrer Zeichnungen zeigt, sondern auch Fotografien von 15 Mitgliedern des Netzwerkes, darunter Doris Robben, Direktorin von Merck, Finck & Co, Privatbankiers, und Hilde Scheidt, Bürgermeisterin der Stadt Aachen. Für dieses Projekt tauschte Casse-Schlüter gerne den Zeichenstift gegen die Kamera.

Entstanden sind sehr persönliche und authentische Fotografien. Bei den Fotos bedient sie sich verschiedenster Techniken - vom Abdimmen bis zum Einfärben. „Mit diesen persönlichen Fotos möchte ich mich bei dem tollen Netzwerk bedanken“, so Casse-Schlüter. Und ganz nebenbei ist eine wunderbare Ausstellung in den Räumen von Merck, Finck & Co, Privatbankiers entstanden, die einen Monat lang besucht werden kann. Fotos der anderen Netzwerkfrauen sollen peu à peu folgen. „Eine Ausstellung mit Fotos von allen Mitgliedern des Netzwerkes Aachener Führungsfrauen in der Aula Carolina wäre natürlich eine schöne Sache“, blickt Casse-Schlüter schon weiter in die Zukunft. Stillstand scheint sie nicht zu kennen.

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