Aachen: Der Wind fegt Ritter Chorus vom Sockel

Aachen: Der Wind fegt Ritter Chorus vom Sockel

Ritter Chorus kann vor Ort nicht mehr gerettet werden. Deswegen ist sein Podest oben an der Fassade des Arkschen Treppenhauses auf der Rückseite des Rathauses leer.

Chorus hatte der Zahn der Zeit den Kopf gespalten. Er steht nun bei der Firma Plinz in Düren, dort werden ihm die Experten eine Art Frischzellenkur verpassen und ihn anschließend in Acrylharz tränken. Hier oben, 22 Meter über dem Katschhof, hat Mathias Paulssen von den zuständigen Architekten Paulssen-Schlimm aus Aachen einen atemberaubenden Blick über den Platz auf den Dom. Dafür muss er allerdings die Schutzhülle um das Baugerüst zur Seite schieben, auf dem er steht. Das Treppenhaus ist nämlich in diesen Tagen hinter einer Bauhaut versteckt, für 250.000 Euro wird umfangreich saniert - weil umfangreich saniert werden muss.

Das ganze Leid durch Wind und Wetter hat Ritter Chorus abbekommen. Am anderen Ende des Erkers steht Ritter Johann von Punt. Er hat Arm, Schwert und die rechte Fußspitze im letzten Jahrhundert verloren. Aber er darf bleiben. Seine Schäden lassen sich vor Ort beheben. Dafür wird er mit Kieselester - einen konservierenden Material - bestrichen, der dann stolze drei Wochen trocknen muss. Und die Zeit drängt. Bis Ende August soll oder besser muss alles fertig sein, schließlich hat zu Füßen des Rathauses bereits die große Treppenbaustelle begonnen.

Zum Trocknen wird von Punt dann aber in eine Kiste gesteckt. Sicher ist sicher. Fußspitze, Schwert und Arm werden aber nicht mehr verlängert. „Vielleicht machen wir das mal bei der nächsten Sanierung in 50 Jahren”, sagt Engelbert Chaumet, Architekt beim städtischen Gebäudemanagement. Es gibt eben wichtigere Baustellen auf der Baustelle Treppenhaus. Und zwar viele.

Das Bruchsteingefüge ist an zig Stellen geschädigt, es gibt Stellen, da kann Paulssen seinen Zollstock 20, 30 Zentimeter tief in die Fugen stecken. Sie werden ausgebessert, an den Simsen sogar mit Blei ausgegossen. Die Sandsteinpfeiler der Erker sind so stark verwittert, dass Paulssens Büropartner Axel Maria Schlimm ganze Schichten mit der Fingerspitze abkratzen kann. „Das hat eine Konsistenz wie Knäckebrot”, sagt Paulssen. Schmerzhaft kann aber auch Knäckebrot sein, wenn es aus dieser Höhe auf den Boen fällt.

Die Planer und Bauleiter Paulssen-Schlimm schwärmen von der Arbeit am Rathaus. Sie zeigen auf diesen und jenen Stein, erklären, dass hier viele lose Schichten schon abgetragen wurden. Teilweise musste der Ruhrsandstein ersetzt werden. An der Ostseite, wo Bombentreffer aus dem Zweiten Weltkrieg Spuren hinterlassen haben, wurden einzelne Lücken schon geschlossen. Andere bleiben in Absprache mit den Denkmalschützern offen. Auch die Kriegsschäden sind Teil der Bauwerks geworden. „Sie sind ein Zeitdokument”, sagt Chaumet.

Während das Schieferdach des Erkers in den späten 1970ern noch erneuert wurde, ist an den Zinnen und Türmchen wohl seit mehr als hundert Jahren keine helfende Hand angelegt worden. Deswegen muss nun Steinmetz Bernhard Etzel eingreifen. Der Mann von der Firma Blinz wuchtet in 22 Metern Höhe mit zwei wandernden Steinmetzen in ihrer klassischen Handwerkerkleidung einen 100-Kilo-Klotz in ein Loch im Turm. Da war ein Stein entfernt worden, der durch die Stahlkonstruktion, die das Dach hält aufgesprengt worden ist.

Um das historische Bild nicht allzu belasten, haben die Steinmetze die Sichtseite des Originalsteins abgeschnitten und auf den neuen Klotz gesetzt, der nun montiert wird. Millimeterarbeit ist das. Spektakulär, weil über den Dächern Aachens. Anschließend wird hier ein Edelstahlring eingezogen, der das Dach sichert.

Eine frische Böe weht Bohrwasser über die Brüstung. „Der Wind ist hier oben wie Schmirgelpapier”, erklärt Paulssen, zeigt auf diesen und jenen Schaden. Er kann aber noch mehr bewirken. Die Schlusssteine der Türmchen (1902 nach dem Dachbrand von 1883 fertig gestellt) hat er anderthalb Zentimeter, vielleicht mehr verrückt. Sie müssen wieder in Position gebracht werden - und vor allem befestigt. „Wir konnten sie mit dem Daumen wegdrücken”, berichtet Mathias Paulssen. Dabei wiegen auch diese Steine gewiss mehr als 100 Kilogramm. Die Natur ist eben unaufhaltsam. Da musste auch Ritter Chorus kapitulieren.

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