OT Josefshaus: Der neue Leiter Jochen Ostländer über die Arbeit im Ostviertel

OT Josefshaus : Der neue Leiter Jochen Ostländer über die Arbeit im Ostviertel

Jochen Ostländer ist der Neue im Josefshaus. Nach dem plötzlichen Tod des langjährigen Leiters der OT des katholischen Kirchengemeindeverbandes Aachen-Ost/Eilendorf, Richard Okon, hat er die Leitung übernommen.

Auch wenn der 33-jährige Diplom-Sozialarbeiter auf keinen Fall alles umkrempeln will — ein paar Baustellen hat er identifiziert. Eine ist sicher die Refinanzierung des Hauses durch die Stadt Aachen. AZ-Mitarbeiterin Rauke Xenia Bornefeld sprach mit Jochen Ostländer.

Wie katholisch kann eine OT im Ostviertel sein?

Ostländer Da stellt sich die Frage: Was verbindet man mit katholisch? Innerhalb unserer Angebote findet man meines Erachtens viele katholische Werte: Beziehungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aufbauen und gestalten, Beratungsgespräche, gemeinsame Mahlzeiten, einen sozial verträglichen Umgangston fordern und fördern. Andererseits heißen wir aber gerade hier im Ostviertel Menschen mit Einflüssen von anderen Religionen und Kulturen willkommen und fördern den Austausch. In jedem Fall hat die OT Josefshaus einen sehr großen Stellenwert für die Pfarrgemeinde und spielt dort eine wichtige Rolle.

Wie passiert der kulturelle Austausch?

Ostländer Das fängt schon beim gemeinsamen „Abendbrot“ an, das wir hier zwei Mal in der Woche anbieten. Natürlich besuchen wir dann auch die türkischen Supermärkte in der Nachbarschaft, und es kommen ganz unterschiedliche Gerichte auf den Tisch, die wir gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen herstellen. So kommt man in den Austausch — niederschwellig, der dann aber Gemeinsamkeit schafft. Der Ramadan lag in meiner ersten Zeit hier im Josefshaus. Das war hier natürlich Thema, und wir haben uns darüber häufig ausgetauscht. Auch zum Beispiel im Vergleich zu katholischen Fastenregeln.

Wie schätzen Sie den Stellenwert des Josefshauses denn im Viertel ein?

Ostländer Wir bieten einen sicheren Raum für demokratische Mitbestimmung, zur persönlichen Gestaltung und des Ausprobierens. Dafür stand das Josefshaus vor meiner Zeit und daran wird sich auch unter meiner Leitung nichts ändern. Die Kinder und Jugendlichen brauchen diese Anlaufstelle. Unsere Besucherinnen und Besucher sind überwiegend nicht in Vereinen organisiert. Sie schätzen die langen Öffnungszeiten von 35 Stunden in der Woche, ohne dass sie verbindlich erscheinen müssen. Besonders meine beiden Kolleginnen Jennifer Darkwah und Silvy Crnjavic stehen in einem sehr engen Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen, sie sind sehr gut im Viertel vernetzt. Da entstehen sehr persönliche Gespräche und Beratungsmomente, da passiert ganz konkret Einzelhilfe.

Wie alt sind die Kinder und Jugendlichen, die kommen?

Ostländer Es ist sehr gemischt, aber der Kinderbereich ist ausbaufähig. Das haben wir bei den Ferienspielen gemerkt, bei denen wir bewusst zwei Gruppen angeboten haben: für Jüngere und für Ältere. Ab acht Jahren bis Mitte 20 Jahren waren Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in den drei Wochen hier. Wir haben aber auch viele Angebote für die jeweilige Altersgruppe gemacht, die dadurch einen eigenen Schutzraum hatte. Meine beiden Kolleginnen haben nach dem plötzlichen Tod von Richard Okon viel aufgefangen und das hervorragend gemacht. Es haben sich in dieser Zeit aber auch Baustellen aufgetan — und dazu gehört der Kinderbereich. Da sind wir aber dran.

Wie viel ist denn tatsächlich liegen geblieben bis zu ihrem Stellenantritt?

Ostländer Ja… (Atmet hörbar aus.)

In Ihrem Bürofenster stapeln sich die Aktenordner…

Ostländer Sicher muss ich einiges aufräumen und aussortieren. Meine erste Zeit war aber geprägt vom Ankommen und Orientieren. Das war mir erstmal wichtig. Ich wollte beobachten, welche Traditionen das Haus hat, welche Angebote und Prozesse für die Besucher wichtig sind. Um dann auch Stellschrauben zu identifizieren. Das wird sich aber erst mit der Zeit zeigen. Unsere Besucher gucken sehr genau, was jetzt passiert.

Waren die ersten Kontakte schwierig?

Ostländer Die Neugierde war schon groß. Es kamen auch Leute, die längere Zeit nicht da waren. Sie hatten gehört, dass im Josefshaus ein Neuer ist und wollten den sehen. Mancher ist dann offener, mancher reservierter — das ist aber auch okay. Ich habe auf jeden Fall Spaß dran, die Menschen kennenzulernen, zu gucken, wo sie stehen und was sie sich wünschen. Natürlich können wir uns die tollsten Sachen ausdenken. Wenn die Jugendlichen darauf aber keine Lust haben, funktioniert es nicht. Deshalb ist mir besonders wichtig, die Kinder und Jugendlichen mitbestimmen zu lassen.

Was hat Sie denn an der Aufgabe Leitung der OT Josefshaus gereizt?

Ostländer Ich bin selbst stark in der offenen Kinder- und Jugendarbeit verortet. Während meiner Realschulzeit habe ich ein Praktikum in einer kleinen OT in meiner Heimatstadt Stolberg-Donnerberg gemacht und anschließend mich dort lange als ehrenamtlicher Mitarbeiter engagiert. In dieser Zeit wuchs die Idee, Soziale Arbeit zu studieren. Nach dem Studium habe ich bei der Christlichen Arbeiterjugend in Aachen im Bereich der Berufsvorbereitung gearbeitet und in den letzten sechseinhalb Jahren das Jugendzentrum St. Martin in Wegberg geleitet. Der nächste Schritt war für mich eine OT mit pädagogischen Mitarbeitern, mit denen ich als Team agieren kann.

Was haben Sie Neues im Kopf?

Ostländer Ich sehe mich nicht als Quell der Neuigkeiten und Veränderungen. Wir können nur Dinge gestalten, wenn der Funke überspringt, wenn wir andere begeistern können. Dafür ist mir auch der enge Austausch mit meinen beiden Kolleginnen wichtig, weil die noch einen anderen Draht zu den Jugendlichen haben. Welche Wünsche gibt es, wo müssen wir öffentlich Haltung zeigen, was ist gerade Thema? Ich möchte wohl verstärkt auf die Suche nach Ehrenamtlichen gehen — im besten Fall aus dem Feld der Besucherinnen und Besucher. Die möchte ich einbinden. Das ist mir tatsächlich ein Anliegen. Gerade in diesen Zeiten, in denen es scheinbar am wichtigsten ist, wie es mir geht und wie ich meine Wünsche durchsetzen kann, möchte ich dem etwas anderes entgegen setzen: nach meinem Nächsten gucken, andere wertschätzen, wie sie sind und gemeinsam etwas auf die Beine stellen.

Wie ticken denn die Jugendlichen?

Ostländer „Die“ Jugendlichen gibt es ja nicht. Sie haben ganz unterschiedliche Träume und Erwartungen, die wir manchmal erfüllen können, aber manchmal müssen wir auch die Spaßbremse spielen. Bei uns ist da das Stichwort „Jugendschutzgesetz“ immer wieder Thema. Einige stellen sich zum Beispiel einen Filmabend anders vor als wir. Da gehen wir ins Gespräch: Der 14-Jährige soll eben nicht ausgeschlossen werden, weil die Älteren lieber einen Film ab 16 gucken wollen. Da muss man sich einigen. Gleiches gilt für alkoholische Getränke.

Treffen Sie auf Verständnis, wenn Sie sich bemühen, niemanden auszuschließen?

Ostländer Da müssen wir sehr klar auftreten. Wir stehen dann deutlich für diejenigen ein, die ausgeschlossen würden. Das Verständnis ist nicht immer da, aber davon lebt auch ein Gruppenprozess, dass unterschiedliche Meinungen ausgetauscht werden. Es ist gut, dass das hier möglich ist.

Wir müssen aufs Geld zu sprechen kommen. Der Leiter der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Offene Türen (AGOT), Udo Breuer, nannte Ihr Haus zusammen mit der OT Driescher Hof massiv gefährdet. Im Namen aller OTs und KoTs in kirchlicher Trägerschaft hat er den Oberbürgermeister aufgefordert, sich für die bessere Refinanzierung aller OTs einzusetzen. Das war im Juli. Wissen Sie etwas Neues?

Ostländer Nein. Wir werden gemeinsam mit der AGOT aktiv ins Gespräch gehen — mit der Verwaltung und mit der Politik. Und hoffen auf positive Rückmeldungen.

Wussten Sie vor Ihrem Dienstantritt um die schwierige finanzielle Lage des Hauses?

Ostländer Nein, das wusste ich nicht. Aber leider ist Finanznot in der Sozialen Arbeit nichts Neues und Klappern gehört leider seit jeher zum Handwerk. Ich finde, dass Soziale Arbeit mehr Wertschätzung und mehr Ressourcen benötigt. Studien belegen immer wieder, dass außerschulische Lernorte wichtige Weichen im Leben von Kindern und Jugendlichen stellen und sollten deshalb mehr Aufmerksamkeit geschenkt bekommen. Aber ich erwarte, dass wir zu einer brauchbaren Lösung kommen. Ich bin auch ganz zuversichtlich. Es ist ja eben nicht so, dass die Kinder und Jugendlichen hier 35 Stunden in der Woche nur Billard oder Kicker spielen. Neben der täglichen Beziehungsarbeit in den offenen Angeboten gibt es hier ein Jugendparlament, gefördert von „Demokratie leben“, und ein Jugendbüro, in dem sich Besucher regelmäßig treffen, um Themen zu besprechen, die ihnen im Viertel und im Haus auffallen. Außerdem gibt es weiterhin zwei Mal in der Woche das „Abendbrot“, das für nicht wenige die erste warme Mahlzeit des Tages darstellt. Für ein attraktives Programm, das Kinder und Jugendliche von der Straße in die Einrichtungen holt, brauchen wir Geld zum Erhalt der Immobilie, für pädagogisch geschultes Personal und für Sachmittel, zum Beispiel auch, um die Räume freundlich und einladend auszustatten. Wenn aber der Träger immer nur bemüht sein kann, die Grundsicherung zu erhalten, brauche ich nicht zu fragen, ob wir mal zehn neue Sofas bekommen können. Obwohl es wichtig ist, dass die Jugendlichen nicht die letzten durchgesessenen Sitzmöbel vom Sperrmüll abbekommen. Das ist auch eine Frage der Wertschätzung.

Ihre Kolleginnen und Sie beobachten die Entwicklung von Jugendlichen oft über Jahre hinweg. Was sehen Sie?

Ostländer Auch wenn die Kinder und Jugendlichen hier ganz unverbindlich ihre Zeit verbringen können — unsere Arbeit wirkt persönlichkeitsbildend, entwickelt Kompetenzen bei den Besuchern, und sie steigert das Selbstwertgefühl der Leute. Das bekommen wir zum Beispiel mit, wenn Jugendliche mit der Bitte zu uns kommen, sie bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen zu unterstützen. Sie halten uns dann oft auf dem Laufenden: Einladung zum Bewerbungsgespräch, Tipps für das Gespräch, abfeiern, wenn es geklappt hat, motivieren und verbessern, wenn es nicht geklappt hat…

Gäbe es eine Alternative zum Josefshaus im Viertel?

Ostländer Ich sehe erst mal keine. Unsere Besucher begegnen Neuem meist eher skeptisch. Sie würden kaum nach einer Alternative suchen und den Weg dorthin finden. Sie würden — so schätze ich sie ein — buchstäblich vor der Tür sitzen bleiben. Das tun sie ja jetzt schon. Für mich ist das auch eine Form der Wertschätzung — auch wenn wir das immer wieder mit den Nachbarn und den Besuchern besprechen müssen. Es zeigt ihre Verbindung zum Haus. Wäre hier dauerhaft geschlossen, würden sie im öffentlichen Raum sichtbar werden — und auch auffallen. Andersherum: Wenn sie hier sind, können sie in der Zeit an unseren Angeboten teilnehmen und sind im Austausch mit den pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

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