Aachen: Der NABU Aachen wird 30 Jahre alt: Meilensteine und Insektensterben

Aachen : Der NABU Aachen wird 30 Jahre alt: Meilensteine und Insektensterben

Seit 30 Jahren gibt es den Stadtverband Aachen des Naturschutzbund Deutschland (NABU). Am Samstag wird das in der Aula Carolina gefeiert. Den Storch im Wappen engagieren sich mittlerweile über 2000 Aachener Mitglieder besonders im Natur- und Artenschutz.

Sie machen sich zum Anwalt von Rotmilan, Zitronenfalter und Aachener Hausapfel. Der neu gegründete Arbeitskreis Tagfalter muss aber auch in Aachen massives Insektensterben feststellen. Intensive Landwirtschaft und zu kleine und zu wenig geschützte Naturschutzgebiete nennt Claus Mayr, 1. Vorsitzender des NABU-Stadtverbands Aachen, im Interview mit Rauke Xenia Bornefeld.

Was ist Ihnen das liebste unter all den Tieren?

Mayr: Das ist der Haubentaucher. Über den habe ich als Student viel geforscht. Ich bin im Kreis Düren in der Nähe der Braunkohletagebau-Restseen aufgewachsen und habe den Haubentaucher zusammen mit anderen Wasservögeln schon als Schüler oft beobachtet. Im Biologie-Studium hat sich dann für mich der Schwerpunkt Nahrungsökologie von fischfressenden Wasservögeln herausgestellt. Als der Haubentaucher vom NABU 2001 zum Vogel des Jahres gekürt wurde, habe ich auch die Jahresvogelbroschüre geschrieben.

Und wie geht es dem Haubentaucher so?

Mayr: Dem geht es wie vielen Wasservögeln ziemlich gut. Er profitiert von den eutrophierten Gewässern. Durch den Eintrag von Düngemitteln aus der Landwirtschaft wird das Algenwachstum angeregt, wodurch die Fischfauna zunimmt. Da freuen sich alle fischfressenden Wasservögel, auch der Haubentaucher.

Welches waren die wichtigsten Meilensteine für den NABU-Stadtverband Aachen in den vergangenen 30 Jahren?

Mayr: Natürlich 1988 zunächst die Auskopplung aus dem Kreisverband. Wichtig war auch, dass die Stadt Aachen als eine der ersten Kommunen in NRW den Landschaftsplan auf den Weg gebracht hatte. 1998 trat er in Kraft. Allerdings waren die im Plan ausgewiesenen Naturschutzgebiete zu wenig zahlreich und zu klein. Wir haben damals schon begonnen, eigene Flächen zu kaufen und zu pflegen. Zum Beispiel eine Fläche im Indetal, um die Unterschutzstellung der Bachtäler anzustoßen. Zumindest für das Indetal wurde das später von der Politik unterstützt. Weitere Meilensteine waren die regelmäßige Präsenz auf der Euregio-Wirtschaftsschau und die kontinuierliche Mitgliederwerbung. Wir haben 1988 mit 160 Mitgliedern angefangen und haben heute über 2000. Durch die Hochschulnähe kommen viele Studierende zu uns.

Wie kann man denn bei Ihnen im Verein aktiv werden?

Mayr: Wie man möchte. Angefangen bei der Vorstandsarbeit bis hin zu den vielen Arbeitskreisen. Dort machen wir Kartierungen, Exkursionen, bieten Führungen für alle Interessierten an, sind in der Bildungsarbeit in OGS und Kita aktiv. Der Arbeitskreis Umweltbildung betreut auch den Giftpflanzengarten im Floriansdorf der Feuerwehr Aachen, in dem Kinder lernen können, von welchen Pflanzen sie lieber die Finger lassen sollten.

Welche Arbeitskreise gibt esw noch?

Mayr: Der Arbeitskreis Ornithologie ist der älteste. Das ergibt sich aus unserer Herkunft aus dem Deutschen Bund für Vogelschutz. Dann haben wir noch den Arbeitskreis Wildbienen und seit vergangenem Jahr den Arbeitskreis Tagfalter.

Da muss unweigerlich das Stichwort Insektensterben fallen. Stellen Sie die dramatische Abnahme der Insektenvielfalt auch in Aachen fest?

Mayr: Ja, das tun wir. Wir haben das Glück, auf Daten vom Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgreifen zu können. Heute stellen wir fest, dass wir weniger als die Hälfte oder nur noch ein Drittel der Arten von Tagfaltern finden, die der Hobby-Insektenkundler Püngeler noch 1920 beschrieben hat. Das waren 900 Arten für Aachen. Schmetterlinge sind ähnlich wie Vögel ein guter Umweltindikator. Alle Untersuchungen zeigen: Die Ausweisung von Schutzgebieten allein reicht nicht, um das Artensterben aufzuhalten. Mindestens brauchen die Schutzgebiete aussagekräftige Verordnungen, in denen drin steht, was erlaubt und was verboten ist.

Ist das nicht allein schon durch die Ausweisung als Schutzgebiet festgelegt?

Mayr: Nein, für jedes Schutzgebiet wird eine separate Verordnung erlassen. Vor 30 Jahren war Tenor, dass die „ordnungsgemäße Land- und Forstwirtschaft“ — definiert durch die Fachgesetze — auch in Naturschutzgebieten erlaubt sein soll. Solche alten Verordnungen erlauben zum Beispiel Baumfällarbeiten im großen Stil im Naturschutzgebiet wie vor etwa zehn Jahren am Senserbach. Da fragt man sich, was ein Naturschutzgebiet leisten soll und kann? Die große Studie zum Insektensterben im vergangenen Jahr hat das ja auch gezeigt. Auch dort wurde überwiegend in Naturschutzgebieten gesammelt und genau dort ein Rückgang bis zu 80 Prozent allein der Biomasse von Insekten festgestellt.

Die Stadt Aachen hat 471 Hektar Naturschutzgebiete ausgewiesen, drei Prozent des Stadtgebietes. Reicht das?

Mayr: Etwa zehn Prozent des kommunalen Waldes müssen zukünftig nach den Zielen der Bundesregierung aus der Nutzung genommen werden. Da sind wir lange noch nicht. Auch die oft sehr kleinen Naturschutzgebiete bringen für agile Arten wie Wildkatze, viele Vögel und auch so manchen Laufkäfer wenig. Viele sind kleiner als 20 Hektar. Es gibt in Aachen auch nur ein einziges Natura-2000-Gebiet: den Brander Wald. In Nordrhein-Westfalen sind gerade mal acht Prozent als solche Gebiete ausgewiesen, Deutschland liegt mit 15 Prozent auch noch deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 18 Prozent der Landfläche aller Mitgliedstaaten. Es gibt keine verpflichtenden Zahlen, dennoch ist in Deutschland noch „Luft nach oben“.

Wer setzt sich denn für eine Zunahme von Naturschutzgebieten mit vernünftigen Schutzstatus ein — abgesehen vom NABU?

Mayr: Wir haben zur Kommunalwahl 2014 Vorschläge für einige neue Schutzgebiete gemacht, etwa die wertvollen Bachtäler wie das Itertal und das Rödgerbachtal. Bislang war der Entwurf des neuen Landschaftsplans noch nicht in der Offenlage. Wir hören hinter den Kulissen, dass einige unserer Vorschläge übernommen worden sind. Zum Beispiel für den unserer Meinung nach sehr wertvollen Augustinerwald, in dem 200 Jahre alte Eichen und Buchen stehen, die selbst im Nationalpark Eifel nicht zu finden sind. Er ist zugleich sehr gefährdet durch die Trassenplanungen für „Zeelink“ und das Stromkabel nach Belgien sowie durch die neuen Planungen für das Camp Hitfeld. Sollte dort ein Gewerbegebiet entstehen, muss auf einen ausreichenden Puffer zum Augustinerwald geachtet werden.

Sie betreiben seit 2006 auch eine Naturschutzstation. Was machen Sie da?

Mayr: Die Gründung der Naturschutzstation mit zunächst zwei halben Stellen war ebenfalls ein Meilenstein. Das Land sah Biologische Stationen nur für die Kreise, nicht aber für die Städte vor. Aber auch in der kreisfreien Stadt Aachen stehen viele Flächen unter Schutz, müssen mit einer hauptamtlichen Struktur gepflegt und gemanagt werden. Die Stadt hat dies von Anfang an unterstützt, das Land ist aber erst 2015 in die Förderung eingestiegen. So können die hauptamtlichen Mitarbeiter die Aktionen der Ehrenamtlichen koordinieren. Wir haben ja zum Glück viele Ehrenamtliche, die bereit sind, am Wochenende Schaufel oder Motorsäge in die Hand zu nehmen, aber das braucht Anleitung. Auch die Kartierung von Wildbienen, Tagfaltern und Vögeln muss systematisch verlaufen, damit die Daten anschließend auch aussagekräftig sind.

Schaufel und Motorsäge, Flächen pflegen — wollen Sie nicht alles möglichst viel sprießen und wachsen lassen?

Mayr: Das ist tatsächlich kein Widerspruch. Wir haben es hier in der Stadt eben nicht mit „Natur pur“ zu tun, sondern mit einer gewachsenen Kulturlandschaft. Sie verlangt Pflege — durchaus auch von Landwirten. Wir brauchen Kühe und Schafe zur Pflege der Wiesen und Weiden. Wir sind nicht gegen Landwirtschaft, sondern eher gegen die durch die EU-Agrarpolitik geförderte Art der intensiven Landwirtschaft. Auch wir können nicht „Natur Natur sein lassen“, sondern greifen ein. Selbst der Augustinerwald wird auch nach unseren Vorstellungen nicht wieder ein Urwald werden. Vieles, was wir machen, dient dem Erhalt der alten Kulturlandschaft — zum Beispiel die Anlage von Obstwiesen. Wir tun viel dafür, die alten Obstsorten wie Münsterbirne oder Aachener Hausapfel, die betriebswirtschaftlich für Obstbauern kaum darstellbar sind, zu erhalten. Das geht aber nur mit Pflege.

Welche Tiergruppe ist heute am gefährdetsten?

Mayr: Bei den Waldvogelarten sind einige Spechtarten und Eulen Problemkinder, weil sie auf Baumhöhlen oder Totholz angewiesen sind. Rotmilan und Schwarzstorch haben Probleme mit Windkraftanlagen im Wald, aber die größten Sorgen bereiten uns die Feldvogelarten. In den vergangenen 25 Jahren erleben wir da rasante Abstürze: Die Kiebitzpopulation ist um 75 Prozent zurückgegangen, das Rebhuhn ist quasi nicht mehr da. Die Population ist um 94 Prozent eingebrochen. Das hat zum einen natürlich auch mit dem Insektensterben aufgrund des zunehmenden Pestizideinsatzes zu tun, aber auch mit der jahrzehntelangen Vernichtung von Lebensräumen, etwa Hecken und blühenden Wegrändern.

Kann der Stadtbewohner mit eigenen Maßnahmen gegensteuern?

Mayr: Den Feldvogelarten kann er nicht helfen. Die brauchen eine große, freie Kulturlandschaft mit Hecken. Aber natürlich kann jeder seinen eigenen Garten vogel- und insektenfreundlich gestalten. Die Eberesche bietet zum Beispiel Nahrung für bald 70 verschiedene Vogelarten. Hecken — besonders wenn sie zwischen März und August nicht geschnitten werden — bieten Brutplätze. Es gibt Nisthilfen für hausbewohnende Arten wie den Mauersegler, die man in die Fassade einbauen kann. Viele Fledermausarten leiden sehr unter der energetisch sinnvollen Isolierung der Hausdächer, aber auch dafür gibt es Einflugziegel, die den Tieren trotzdem den Zugang zum Dachboden ermöglichen, um ihre Jungen dort groß zu ziehen. Und selbst der Balkon bietet Platz für insektenfreundliche Blumen. In jeden Schrebergarten gehört eine Brennesselecke, in der die Raupen von vielen Schmetterlingsarten Nahrung finden. Das schlimmste ist der Trend zu den Steingärten!

Als Vogelschutzverein angefangen kümmert sich der NABU heute vom Erhalt der Obstwiesen bis zur Beendigung des Atomzeitalters um nahezu alle Umwelt- und Naturschutzthemen. Wo liegt Ihr Schwerpunkt?

Mayr: Das ist der klassische Natur- und Artenschutz. Darin unterscheiden wir uns auch deutlich von befreundeten Verbänden wie dem BUND, der sich den technischen Umweltschutz stärker auf die Fahne geschrieben hat. Wir unterstützen natürlich den Kampf gegen die Braunkohle oder gegen Tihange und Doel, aber stehen da nicht in vorderster Front.

Die Haltung zur Windkraft ist da vielleicht nicht so eindeutig: Sie bedeutet mehr regenerative Energie, aber auch Vogelgefährdung und Flächenversiegelung. Wie stehen Sie dazu?

Mayr: Wir haben da eigentlich keinen internen Konflikt, obwohl das in anderen Verbänden durchaus anders ist. Unsere — bundes- wie landesverbandliche — Position ist: Wir sind klar für regenerative Energien, auch für Wind- und Wasserkraft. Aber gerade bei diesen beiden müssen wichtige Naturschutzbelange Vorrang haben. Gefährdete Vogel- und Fledermausarten dürfen nicht in die Räder geraten! Da wägen wir in jedem Einzelfall ab und bewerten jeden Standort gesondert. Das haben auch viele nicht bei der Diskussion um die Windräder im Münsterwald verstanden: Wir sind für Windkraft, aber nicht an diesem Standort, weil die Anlagen dort zu dicht an den Brut- und Balzplätzen der Waldschnepfe, des Schwarzstorchs und besonders des Rotmilans gebaut werden. Wir müssen dort mit Schlagopfern rechnen. Bei diesen Arten haben wir eine hohe Verantwortung: In Deutschland nisten 60 Prozent der Weltbestandes des Rotmilans. Beim Schwarzstorch ist es weltweit gesehen nicht so dramatisch, aber in der gesamten Region einschließlich des Nationalparks Eifel gibt es nur vier gesicherte Brutpaare. Wird eins der Paare oder seine Nachkommen durch die Windkraftanlagen gefährdet, ist es eins zu viel. An anderen Stellen haben wir gar nichts gegen Windkraft und auch Alternativstandorte vorgeschlagen.

Wie hat sich das Umweltbewusstsein der Bevölkerung in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Mayr: Das allgemeine Umweltbewusstsein hat sich massiv gesteigert. Umweltschutz gehört heute immer zu den wichtigsten zehn Themen. Spätestens mit der Studie zum Insektensterben ist auch Naturschutz zum Mega-Thema geworden. Aber immer nur solange es nicht die eigenen Gewohnheiten stört, Einschränkungen vor der eigenen Haustür verlangt. Naturschutz wird gern instrumentalisiert, um eigene Interessen zu vertreten — zum Beispiel um eine Baumaßnahme zu verhindern. Wenn aber nur ein Weg verlegt oder gesperrt werden soll, um zum Beispiel alte Bäume von der Verkehrssicherungspflicht auszunehmen, geht die Bevölkerung gern auf die Barrikaden.