Aachen: Der Mythos vom Schmied lebt grafisch weiter

Aachen : Der Mythos vom Schmied lebt grafisch weiter

Die Legende, die sich hinter der Archivalie des Monats März verbirgt, kennt in Aachen jedes Kind: Diesmal präsentiert das Stadtarchiv am Reichsweg eine Grafik des Düsseldorfer Künstlers Albert Baur jun. Sie zeigt die Erschlagung des Grafen von Jülich am 16. März 1278 in der Vorstellung eines Künstlers aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Um diese Tat, die im Aachener Sagenschatz eine prominente Stellung einnimmt, ranken sich zahlreiche Mythen, insbesondere die über den sogenannten wehrhaften Schmied, der sich dem feindlichen Eroberer in der Jakobstraße in den Weg gestellt haben soll. Noch heute zeugt ein Denkmal von der vermeintlichen Tat des furchtlosen Handwerkers. Wahrscheinlich ist hingegen, dass Aachener Bürger den Grafen und sein Gefolge in einer Straßenschlacht töteten.

Auf die Glaubwürdigkeit geprüft

Zudem verlegt der durch seine Zeitungskolumnen in Öcher Platt bekannt gewordene Burtscheider Mundartautor Leonard Linzen (1852-1907) die Gertrudisnacht, in der der Graf angeblich durch einen Aachener Schmied erschlagen worden war, aus unerklärlichen Gründen in das Jahr 1277. Seine Mundarterzählung „De Gertrudesnaht van et Johr 1277“ ist bebildert mit einer Grafik von Albert Baur. Der ehemalige Archivdirektor Dr. Thomas Kraus hat in Band 3/1 der Aachener Stadtgeschichte den Mythos um den Aachener Schmied auf seine Glaubwürdigkeit hin überprüft.

Nach seinen Erkenntnissen haben sich die Ereignisse anders abgespielt, als gemeinhin angenommen wird: Jülich befand sich zu dieser Zeit mit Aachen in Fehde, allerdings gab es einen Waffenstillstand. Fakt ist, dass der knapp 70-jährige Graf Wilhelm IV. mit seinen Söhnen und Begleitern am 16. März 1278 — wahrscheinlich vor dem Weißfrauenkloster in der Jakobstraße — erschlagen wurde.

Der weit verbreiteten Annahme, Wilhelm IV. habe mit einem Trupp versucht, die Stadt abends im Handstreich einzunehmen, widerspricht den Erkenntnissen über die politische und militärische Erfahrung des Grafen, der mit solch einem Vorgehen ein hohes Risiko eingegangen wäre. Auch abends hätte sich der Graf mit seinem Gefolge nicht unbemerkt den Stadtmauern nähern können. Dass er ein solch unkalkulierbares Risiko gemeinsam mit seinem Erben auf sich genommen hätte, ist noch weniger anzunehmen.

Zudem hätte eine Eingliederung der Stadt in das Jülische Territorium angesichts der Rolle Aachens als Krönungsstadt wohl auch königliche Sanktionen für die Grafschaft Jülich nach sich gezogen. Wahrscheinlicher ist aus Sicht der Forscher, dass Wilhelm IV. nachmittags in die Stadt kam, vermutlich, um für König Rudolf Truppen und Gelder für den Krieg gegen Ottokar II. von Böhmen zu sammeln. Und das, obwohl die Freie Reichsstadt zu dieser Zeit gewisse Steuerfreiheiten genoss.

Die Lage eskalierte

Angesichts der — wenn auch ruhenden — Fehde und der Aufforderung zur Zahlung der Steuern gab es hitzige Diskussionen. Als Wilhelm in seiner Funktion als Vogt versuchte, bestimmte gesuchte Personen, die er entdeckt hatte, in Gewahrsam zu nehmen, eskalierte die Lage. In einer Straßenschlacht töteten Aachener Bürger den Grafen und dessen Gefolge; eine wichtige Rolle dabei spielten wohl die im Umgang mit Messern und Beilen erfahrenen Handwerker — und eben nicht ein einzelner Aachener Schmied, wie er auch auf Albert Baurs Zeichnung zu sehen ist.

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