Aachen/Paris: Der Mann, mit dem der Terror nach Europa kam

Aachen/Paris : Der Mann, mit dem der Terror nach Europa kam

Sechs Tage hatte es gedauert, Ayoub an der Kalaschnikow auszubilden, dann wurde er nach Europa geschickt. Ein Fahrer brachte ihn im Mai 2015 von einem Ausbildungslager des Islamischen Staates (IS) in Syrien an die türkische Grenze, von dort aus sollte er selbst versuchen, nach Europa zu gelangen. Sein Auftrag: Anschläge verüben, Ungläubige töten.

Ayoub schaffte es bis nach Istanbul, aber von dort aus ging's nicht weiter. Zwei Mal wurde ihm der Zugang zu Flugzeugen verwehrt, die nach Albanien flogen, er war den albanischen Behörden schon als Islamist bekannt. Ayoub rief seinen Verbindungsmann in Syrien an und erklärte ihm, er brauche Hilfe. Es dauerte einige Tage, bis Ayoub Antwort erhielt: Der Mann, der ihn nach Europa bringen werde, heiße Bilal C., Ayoub solle in Istanbul auf ihn warten.

Zwei der Männer, die Bilal C. durch Europa lotste: Abdelhamid Abaaoud, Drahtzieher der Anschläge von Paris (l.), und Najim Laachraoui, Selbstmordattentäter auf dem Brüsseler Flughafen. Foto: Archiv/dpa

Keine drei Monate später, am 21. August 2015, begann eine Serie von bislang 27 islamistischen Anschlägen und Anschlagsversuchen allein in Europa, von denen die Mehrzahl dem IS zugerechnet wird. Europäische und amerikanische Sicherheitsbehörden gehen mittlerweile davon aus, dass die 17 Attentäter und IS-Unterstützer, die zwischen August und Oktober mit dem großen Flüchtlingsstrom des Sommers 2015 nach Europa gelangten, mit ihren Attentaten vor allem in Paris und Brüssel den Boden für weitere Anschläge bereiteten. Und der Mann, der diesen 17 Attentätern den Weg durch Europa wies, ist der heute 21 Jahre alte Bilal C. aus Algerien, der zwischen Dezember 2015 und April 2016 in einer Aachener Flüchtlingsunterkunft lebte.

Bilal C. kam im Juni 2015 von Syrien aus nach Istanbul, dort traf er Ayoub in einem Hotel. Zusammen mit Bilal war Abdelhamid Abaaoud nach Istanbul gekommen, einer der erfolgreichsten IS-Rekrutierer in Europa. Abdelhamid besaß die marokkanische und belgische Staatsbürgerschaft, hatte zuvor mindestens einmal in Syrien für den IS gekämpft und war im Januar 2015 von Belgien aus wieder nach Syrien geflohen. Er gehörte der Islamistenzelle an, die die belgische Polizei im Januar 2015 in Verviers ausgehoben hatte, sein Name stand auf Fahndungsplakaten in ganz Europa.

Der Späher nimmt die Arbeit auf

Abdelhamid, Ayoub und Bilal besprachen in Istanbul, wie es weitergehen sollte, und Abdelhamid legte fest, dass Bilal unter falschem Namen zunächst allein nach Europa reisen würde, sein Name war den europäischen Behörden völlig unbekannt. Er sollte von der Türkei aus mit einem Schlauchboot auf eine der griechischen Inseln übersetzen und von dort aus einen möglichst schnellen und risikoarmen Weg über die Balkanroute nach Brüssel auskundschaften. Bilal C. machte sich auf den Weg. Abdelhamid und Ayoub blieben zunächst in Istanbul und warteten auf Bilals Nachrichten.

Bilal kam schnell voran. Am 16. Juli 2015 wurde er in Ungarn registriert, den Zollbeamten zeigte er einen gefälschten Pass, in dem stand, er heiße Jdjrad Samas und komme aus Syrien. Unter den Flüchtlingen hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon das Gerücht verbreitet, Deutschland gewähre allen Syrern ohne Überprüfung ihrer Angaben Asyl. Doch die ungarischen Behörden erkannten, dass Bilals Ausweis eine Fälschung war. Einige Tage lang saß er in Untersuchungshaft, dann wurde er wieder freigelassen und des Landes verwiesen.

Über Budapest und Wien reiste Bilal weiter bis nach Deutschland. München, Köln, Aachen und von dort aus nach Brüssel, so war es in Istanbul besprochen worden. Während seiner ganzen Reise erstattete Bilal seinen beiden IS-Kameraden Abdelhamid und Ayoub darüber Bericht, welchen Weg er genommen, wo er grüne Grenzen, wo er Grenzkontrollen beobachtet, wie lange er wo hatte warten müssen, wo er Schleusungsmöglichkeiten entdeckt hatte.

Als Abdelhamid und Ayoub sich Anfang Juli in Istanbul auf die Reise machten, waren sie über die risikoärmste Route dank Bilals Vorarbeit sehr genau im Bilde. Es ging, wie bei Bilal, über die griechische Grenzstadt Idomeni nach Mazedonien, weiter durch Serbien und von dort aus nach Ungarn. Am 1. August 2015 wurden Abdelhamid und Ayoub ebenfalls in Ungarn zum ersten Mal registriert, auch sie gaben falsche Namen an. Sie gaben an, keine Ausweise mehr zu besitzen. Von Budapest aus reisten sie getrennt weiter, Abdelhamid mit dem Auto, Ayoub mit dem Zug. Einige Tage später trafen sich Abdelhamid, Ayoub und Bilal in einer Wohnung in Brüssel wieder.

Sofort ging es darum, Anschläge zu planen und auszuführen, es wurden mehrere Szenarien durchgespielt. Was wann geplant wurde, steht nach Erkenntnissen europäischer und amerikanischer Sicherheitsbehörden noch nicht genau fest. Sicher ist nur, dass es bereits zu diesem Zeitpunkt um mehrere Anschläge gegangen sein muss, denn weitere spätere Attentäter hatten sich bereits von Syrien aus auf den Weg gemacht, den Bilal C. ausgekundschaftet hatte. Am 25. August 2015 wurden Bilal Hadfi und Chakib Akrouh unter falschen Namen in Ungarn registriert, am 3. September Mohamed Belkaid und Najim Laachraoui. Weitere folgten in kurzen zeitlichen Abständen.

Beitrag für den Heiligen Krieg

Bilal C. glaubte offenbar, sein Beitrag für den Heiligen Krieg sei bereits groß genug gewesen, in einem Bericht des ungarischen Antiterrorzentrums TEK heißt es, er habe „kalte Füße bekommen“. Er floh aus der Wohnung in Brüssel und tauchte unter.

Ayoub hingegen, der mit Nachnamen El Khazzani heißt, bestieg am 21. August 2015 in Brüssel den Thalys 9364, der Richtung Paris fuhr. Während der Fahrt schloss Ayoub sich in der Bordtoilette von Wagen 12 ein, lud zwei Pistolen, trat auf den Gang und eröffnete das Feuer auf mehrere Fahrgäste. Fünf Passagiere, darunter ein Sorbonne-Professor und zwei US-Soldaten, stürzten sich auf Ayoub, fesselten ihn mit der Krawatte eines Zugbegleiters und übergaben ihn der französischen Polizei. Es gab Verletzte, aber keine Toten. Ayoub El Khazzani (26) sitzt seitdem in Frankreich in Untersuchungshaft. Doch die Serie der Anschläge hatte gerade erst begonnen.

Der IS änderte im ersten Halbjahr 2015 seine Taktik. Statt den Dschihad allein im Nahen Osten auszutragen, beschloss die Führung des IS, ihn auch und vor allem nach Europa zu tragen. Und zwar nicht, wie zunächst geplant, mit Hilfe erfahrener Kämpfer, die aus Terrorzellen heraus operierten, sondern mit lediglich kurz geschulten jungen Rekruten, wie Ayoub El Khazzani einer gewesen war. Kurze Ausbildung in Syrien, dann Rückkehr nach Europa.

Am 13. November 2015 kam es zu den blutigen Anschlägen in Paris, bei denen 130 Menschen starben und 352 Menschen verletzt wurden. Unter den Attentätern waren Bilal Hadfi und Chakib Akrouh, die auf der von Bilal C. ausgespähten Route nach Europa gelangt waren. Ebenso wie Najim Laachraoui, der die verwendeten Bomben gebaut hatte. Leiter und Hauptplaner der Attentate war Abdelhamid Abaaoud gewesen, der am 18. November 2015 bei einer Razzia nach einer Schießerei in seinem Versteck in Paris von der Polizei getötet wurde.

Auch an den Anschlägen am Flughafen und in einer U-Bahn-Station am 22. März 2016 in Brüssel, bei denen 32 Menschen starben und mehr als 300 verletzt wurden, waren mindestens zwei Männer beteiligt, die auf der von Bilal C. ausgekundschafteten Route nach Europa gekommen waren. Der 24 Jahre alte Marokkaner Najim Laachraoui, der die Bomben für die Paris-Attentate gebaut hatte, war einer der beiden Selbstmordattentäter am Brüsseler Flughafen. Mohamed Belkaid, ein 35 Jahre alter Algerier, war zwar eine Woche vor den Brüsseler Anschlägen bei einer Hausdurchsuchung von der Polizei in einem Brüsseler Vorort erschossen worden. Die Ermittler nehmen mittlerweile aber an, dass er zumindest an der Vorbereitung der Attentate in Brüssel beteiligt war, möglicherweise auch an denen in Paris.

Endstation Aachen

Zu einem nicht mehr genau rekonstruierbaren Zeitpunkt war Bilal C. nach seiner Flucht aus Brüssel sehr wahrscheinlich über die Niederlande erst an den Niederrhein und dann nach Aachen gekommen. Dort brachte ihn die Stadt im Hotel Schweizer Hof im Süden Aachens unter, das inzwischen zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert worden war. Bilal beantragte an mehreren Orten in Holland und Deutschland unter falschen Namen Asyl, an mehreren Orten bezog er Sozialleistungen. Bilal C. wurde in Aachen zudem als Ladendieb auffällig. Die Polizei nahm ihn zwei Mal fest, ließ ihn aber beide Male wieder laufen.

Als Bilal C. Ende April 2016 nach einem dritten Ladendiebstahl erneut festgenommen wurde, stellte ein Richter einen Haftbefehl aus. Seitdem ist Bilal im Gefängnis, zunächst in der JVA Heinsberg für jugendliche Straftäter. Im Juli 2016 wurde er vom Amtsgericht Aachen wegen gewerbsmäßigen Sozialbetrugs und gewerbsmäßigen Diebstahls zu acht Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Nach Ablauf der Strafe blieb Bilal in Haft, weil der Generalbundesanwalt zwischenzeitlich die Ermittlungen gegen ihn aufgenommen hatte. Vorwurf: Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Der Bundesgerichtshof stellte einen weiteren Haftbefehl aus.

Im Dezember 2016 waren die Ermittlungen der französischen Behörden bezüglich der Paris-Attentate aus dem Herbst 2015 so weit vorangeschritten, dass die französische Regierung die Auslieferung von Bilal C. nach Frankreich beantragte. Auch dort wird ihm die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Noch im Dezember 2016 kam Bilal C. in Auslieferungshaft, am 5. April 2017 entschied das Oberlandesgericht Köln, dass Bilal ausgeliefert werden darf. Im Mai 2017 wurde er nach Frankreich überstellt.

Bilals Traum

Bilal C. wurde 1996 geboren, sein Vater starb, bevor er auf die Welt kam. Seine Mutter heiratete einen anderen Mann, mit dem sie weitere vier Kinder bekam. Bilal kam in diesem familiären Umfeld nicht zurecht, weswegen er zu seiner Großmutter nach Boussada zog, einer Oasenstadt im Norden Algeriens. Dort verbrachte er weite Teile seiner Kindheit und seiner Jugend.

Bilal schaffte einen mittleren Schulabschluss, doch in Algerien wollte er nicht bleiben. Sein Traum war, nach Europa zu gehen und dort als Fußballprofi reich zu werden. Warum er diesen Traum aufgab und stattdessen im September 2014 über Libyen nach Syrien reiste, um sich dem IS anzuschließen, weiß auch sein deutscher Anwalt Andreas Fleuster nicht.

Im Moment sitzt Bilal in Paris in Untersuchungshaft. Er wartet auf den Beginn seines Prozesses.

Der Artikel stützt sich auf Erkenntnisse des ungarischen Antiterrorzentrums TEK, des Combating Terrorism Centers der US Army, auf deutsche Gerichtsakten und weitere Recherchen.