Aachen: Der Mann, der Aachen das Casino brachte

Aachen: Der Mann, der Aachen das Casino brachte

Er war der Mann, der das „6 aus 49”-Lotto erfunden hat und zum erfolgreichsten Glücksspiel Deutschlands machte. Der Mann, der Aachen 1976 das Spielcasino bescherte - das erste seiner Art in Nordrhein-Westfalen.

Am 10. Juli verstarb Lothar Lammers in Münster. „Und er war mein Chef”, sagt Harro von Puttkamer und erinnert sich an die glorreiche Pionierzeit der Spielbank in der Kaiserstadt.

Puttkamer arbeitete vor über 35 Jahren als Direktionsassistent im Casino Travemünde. Ein Mitarbeiter von ihm hörte damals von den Plänen, dass in Aachen eine neue Spielbank eröffnet werden sollte, und wollte sich dort bewerben. Er bat von Puttkamer, ihn als Referenz angeben zu dürfen. „So gelangte mein Name auf Lammers Schreibtisch”, erzählt der heute 71-Jährige.

Der Erfinder von „6 aus 49”

Lammers war da längst ein bekannter Mann. In den 50er Jahren erfand dieser gemeinsam mit dem späteren Präsidenten des 1. FC Köln, Peter Weiand, das Lottospiel „6 aus 49”. Das Duo hatte die Idee, ein nicht an Sport gebundenes Glücksspiel zu entwickeln, das alle Bevölkerungsschichten ansprechen sollte. Die anfängliche Skepsis war schnell verflogen, Lammers und sein Partner bauten Westlotto auf. Die Formel „6 aus 49” wurde zum Exportschlager: Lammers half unter anderem in Kanada, Finnland, Frankreich, Australien und in zahlreichen Bundesstaaten der USA mit, Lottogesellschaften aufzubauen. Für seine Verdienste erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1984), den französischen Verdienstorden „Ordre national du Mérite” (1987) und er wurde in der „Hall of Fame” in Las Vegas (1997) verewigt.

Doch damit nicht genug: In den 70er Jahren gründeten Lammers und Weiand die Westdeutsche Spielbanken-Gesellschaft als Tochter der WestLB. Nach über 100 Jahren Spielverbot in NRW rollte dann am 3. Juli 1976 die Roulettekugel erstmalig wieder offiziell - und zwar im Neuen Kurhaus Aachen. Harro von Puttkamer gehörte zum Aachener Gründungsteam des Spielcasinos dazu. Als kaufmännischer Direktor wechselte er damals von der Ostsee in den Westen der Republik. 18 Jahre leitete er das Casino gemeinsam mit dem spieltechnischen Direktor Jochen Klitsch.

Lammers kam gerne nach Aachen. „Er hat die Stadt geliebt”, sagt von Puttkamer. „Für mich verkörperte er das Beste am Unternehmertum, was ich mir vorstellen kann.” Sein Umgang mit Mitarbeitern, seine Fähigkeit, Menschen für eine Sache zu motivieren, sei vorbildlich gewesen. Dabei habe Lammers stets höchste Qualitätsstandards gefordert. „Ein Leitsatz von ihm lautete: Auf Pepita kann man kein Schach spielen.” Anders gesagt: Mit Kleinkariertheit wird man nichts. Entsprechend luxuriös und anspruchsvoll musste daher nach Lammers Vorstellungen ein Casino daherkommen: exklusive Ausstattung, ausgezeichnete Gastronomie, hochwertige Kunst an den Wänden. In Aachen wurde all dies von Anfang an realisiert, wie von Puttkamer betont. „Man muss in einer Spielbank sichtbar Geld zum Fenster rauswerfen, damit es vermehrt zur Tür wieder hereinkommt”, erklärt der einstige Direktor das Prinzip.

Dazu gehörten das ans Casino angeschlossene Zwei-Sterne-Restaurant „Gala” unter Leitung von Gerhard Gartner und Werke von Salvador Dali, Andy Warhol und anderen Künstlern an den Wänden.

Die 70er und vor allem die 80er Jahre gelten bis heute als Hochzeit des Aachener Casinos. Durchschnittlich 1000 Gäste pro Tag, 230 Mitarbeiter in der Spielbank, weitere 60 in der Gastronomie. Vier bis fünf Millionen D-Mark pro Jahr, sagt von Puttkamer, habe allein die Stadt Aachen während seiner Zeit an Abgaben kassiert. Und dies macht nur 15 Prozent, 80 Prozent gehen laut Spielbank-Gesetz an das Land. „All das hat Aachen unter anderem der Entscheidung Lothar Lammers zu verdanken, Nordrhein-Westfalens erstes Spielcasino hier zu eröffnen”, würdigt von Puttkamer die Leistung des Glücksspiel-Pioniers.

Von solch rosigen Zeiten kann man im Spielcasino heute nur träumen: 363 439 Gästen kamen im Rekordjahr 1984, 2010 waren es noch 82 000. Die Gewinne schrumpfen, und bald auch die Fläche. Zwei Drittel des 1900 Quadratmeter großen Glückstempels plant die Spielbank abzugeben. Ende 2012 soll das neue Konzept stehen. Zuvor gab es sogar immer wieder Gerüchte, dass der Standort Aachen komplett aufgegeben wird und ein Umzug nach Köln anstehe.

Der einstige Aachener Spielbank-Direktor von Puttkamer erinnert sich vor allem gerne an die goldene Zeit mit ihren zum Teil filmreifen Geschichten: Zum Beispiel an einen schottischen Gast, der mit damals 500 000 D-Mark Einsatz in fünf Tagen einen 1,75-Millionen-D-Mark-Gewinn einfuhr. Aber auch an kritische Momente, als Kriminelle versuchten, das vom Staat genauestens kontrollierte System Spielbank zu unterwandern.

Die Menschen und der Spieltrieb

Von sich selbst sagt von Puttkamer: „Ich bin das Gegenteil von einem Spieler.” Wenn er sich alle zwei Jahre mit ehemaligen Kollegen trifft (natürlich stets in einer Spielbank), agiert er nach einer eisernen Regel: „Ich setze 20 Euro. Bei 50 Euro höre ich auf. Wenn ich auf 0 bin, höre ich auch auf.” Auf solche Kunden kann eine Spielbank natürlich nicht setzen. Sein einstiger Chef Lothar Lammers hat aber früh erkannt, dass nicht alle wie von Puttkamer unterwegs sind. Der Spieltrieb, sagte er einmal in einem Interview, sei eben etwas „zutiefst Menschliches”. Die Erfolge von „6 aus 49” und den Spielbanken geben ihm immer noch Recht.

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