Aachen: Der Hintern sagt ihm, ob die Kutsche passt

Aachen: Der Hintern sagt ihm, ob die Kutsche passt

Bei der Kutsche ist es wie beim Auto. Das behauptet zumindest Fahrer Michael Brauchle aus Aalen. Er geht für das deutsche Team mit einem Vierspänner an den Start und hat schon auf vielen verschiedenen Kutschen Platz genommen.

„Man spürt im Hintern, ob die Kutsche zu einem passt oder nicht“, sagt er. Die 600 Kilogramm schwere Kutsche, mit der er am Freitag im Gelände unterwegs sein wird, hat er für die Europameisterschaft in Aachen extra umbauen lassen.

„Ich habe den Drehkranz versetzen lassen“, erklärt er. Auf diese Weise werde der Radius beim Drehen größer. Der Drehkranz ähnelt einer runden Scheibe, die sich unterhalb des Gefährts befindet und, wie der Name schon sagt, für Kurven wichtig ist. Je nachdem, an welcher Stelle er montiert ist, schlägt die Kutsche früher oder später ein. Für das Gelände in der Soers hat Brauchle den Kranz weiter nach hinten gerückt, so dass die Kutsche erst später einschlagen wird.

Die 17,5 Kilometer lange Marathonstrecke, die für die Fahrer am Samstag auf dem Plan steht, ist er vor dem Turnier einmal mit seinem Fahrrad abgefahren. „Das muss reichen, um sich alles zu merken“, scherzt der langjährige Fahrsportler. Eines sei aber auf jeden Fall klar: In Aachen geht es richtig zur Sache. „Im Gelände wird‘s sehr schnell“, verrät er.

Vor allem nach den Hindernissen kann die Kutsche sogar Spitzengeschwindigkeiten von über 50 Kilometer pro Stunde erreichen. Schwierigkeiten könne es allerdings geben, weil im Boden noch viel Wasser sei. Dadurch könnten nicht nur die Räder im Gelände wegrutschen und die Kutsche ins Wanken bringen, auch für die Pferde sei das eine echte Herausforderung und erfordere viel Kraft.

Wie es sich anfühlt, wenn die Kutsche tatsächlich einmal kippt, weiß Brauchle seit einem Unfall in Stuttgart im vergangenen Jahr. Bei dem Turnier hatte er die Geschwindigkeit unterschätzt und bekam die Folgen am eigenen Körper zu spüren. „Ich habe die Fliehkraft komplett ausgeblendet und kein Tempo rausgenommen“, erinnert er sich. Heute weiß der erfahrene Fahrsportler, dass es zu 100 Prozent seine Schuld gewesen ist und dass er diesen Fehler nicht noch einmal machen darf.

Denn so ein Unfall ist auch für die Pferde bei dem hohem Tempo nicht ungefährlich. In seinen Vierspänner werden Jamaika und Carola vorne reiten, während Shakira und Clinton hinten eingespannt werden. Die Entscheidung ist den Eigenschaften der Tiere geschuldet. „Vorne braucht man flinkere Tiere, die die Kutsche voran treiben“, erklärt der Experte. Die beiden Hinteren müssten vor allem kräftig sein.

In zwei Jahren fit fürs Fahren

Wo welches Pferd eingespannt ist, lässt sich an der Farbe erkennen. Denn entgegen der gängigen Praxis laufen bei ihm vorne ein schwarzes (Carola) und ein braunes Pferd (Jamaika) mit. Der Farbunterschied ist für ihn weniger entscheidend. Dafür nehme er sogar negative Punkte bei der Dressur in Kauf, weil „die beiden einen guten Job machen“, sagt er. Bis die Tiere fit für den Fahrsport sind, brauchen sie zwei Jahre Ausbildung. „Dann wissen sie in etwa, wie das funktioniert“, sagt der Aalener. Das Training läuft in zwei Etappen ab. In der ersten Phase fährt er Strecken auf Zeit — ohne Hindernisse und Schikanen. Die kommen erst später dazu und werden ebenfalls auf Zeit abgefahren.

Das erste Mal saß Brauchle im Alter von fünf Jahren auf einer Kutsche. Zwar durfte er damals noch nicht vom Gelände fahren, weil dafür ein Führerschein notwendig ist, doch das Interesse und die Leidenschaft für den Sport wurden geweckt. Im Alter von zwölf Jahren hat er den Führerschein gemacht und ist seitdem regelmäßig mit der mit dem Gefährt unterwegs.

Seit 2006 auch in der Königsklasse des Fahrsports — im Vierspänner. Zwei Jahre später wurde er in den deutschen Championatskader berufen. Um sein Hobby zum Beruf zu machen, reicht das Geld jedoch nicht. Neben dem Fahrsport arbeitet er daher als Metallbauer. Zum siebten Mal ist er jetzt für das deutsche Team am Start. Bei der EM in Aachen dabei zu sein, ist für den gebürtigen Aalener eine große Ehre. „Aachen ist halt Aachen“, sagt er schmunzelnd.

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